27.04.2021 - 15:21 Uhr
AmbergOberpfalz

Zeichen gegen Tabu-Thema "Turntrikots" bei Mädchen und Frauen

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Drei deutsche Turnerinnen bei der EM in Basel sorgen für Furore - nicht deren sportliches Abschneiden, sondern ihr Trikot. „Es war höchste Zeit, dass hier ein Zeichen gesetzt wird“, erklärt Sandra Frohmann, Trainerin des TV Amberg.

Sarah Voss hat bei der Turn-EM mit ihrem Auftritt in einem Ganzkörperanzug als erste deutsche Turnerin ein Zeichen gegen die Sexualisierung der Sportart gesetzt. Im Gegensatz zum sonst üblichen knappen, badeanzug-ähnlichen Dress turnte Voss bei der Qualifikation ihre Übung am Schwebebalken in langer Hose.
von Reiner Fröhlich Kontakt Profil

Viel Gesprächsstoff wegen viel Stoff beim Turnen: Mit einem langen einteiligen Ganzkörperanzug statt einem kurzem Dress hat die deutsche Turnerin Sarah Voss bei der Kunstturn-Europameisterschaft vergangene Woche in Basel für Aufsehen gesorgt. Die deutsche Mehrkampf-Meisterin war zu ihren Übungen am Schwebebalken und beim Sprung in einem schwarzroten Glitzerdress angetreten. Zwei weitere deutsche Turnerinnen, Elisabeth Seitz und Kim Bui, folgten ihrem Beispiel und starteten in langen Gymnastikanzügen. Das Trio wolle ein Zeichen gegen Sexismus setzen, erklärte Sarah Voss in einem Interview mit dem ZDF. Die Aktion, so Voss, solle andere Turnerinnen, die sich in den üblichen Anzügen unwohl fühlen, ermutigen.

„Beim Einturnen wurde rüber geguckt, verwundert, aber auch mit Freude, mit Daumen nach oben. Über die sozialen Medien habe ich viel Zuspruch bekommen. Viele Turnerinnen haben mir geschrieben, dass sie froh sind, dass der Schritt gemacht wurde“, erklärte Voss. Oberpfalz-Medien hat bei drei Turn-Trainerinnen der Region nachgefragt. Bei Amateur-Turn-Wettkämpfen war es bisher nicht üblich, in „lang“ anzutreten. Bis 2015 gab es sogar Punktabzug.

Sandra Frohmann.

„Das war bisher ein Tabu-Thema, über das man merkwürdigerweise nie gesprochen hat“, sagt die Trainerin des TV 1861 Amberg. „Die Aktion der deutschen Turnerinnen ist ein Mega-Zeichen. In unseren Whatsapp-Gruppen geht’s um nichts anderes mehr: Wie super, wie genial, endlich mal jemand, der das zeigt. Wie unwohl wir uns gefühlt haben. Das ist der Tenor. Und auch ältere Turnerinnen haben sich gerührt und gesagt, dass dieses enge knappe Trikot immer das einzige war, das sie gestört hat. Ich glaube, wenn die Mädchen mit Hose turnen dürfen, egal ob lange oder kurze Hose, dann treten sie viel selbstbewusster auf als sonst. Im Training haben die Mädchen immer eine Hose an, nie nur in ihrem Turnanzug. Es war bisher üblich, im kurzen Turnanzug zu turnen. Auf unterster Ebene hat man auf den ’korrekten’ kurzen Turnanzug Wert gelegt“, erklärt Frohmann. Und dann müsste es die langen Anzüge auch zu kaufen geben. „Das ist total neu. Was Sarah Voss anhatte, war eine Sonderanfertigung.“

Julia Ritter (TG Tirschenreuth)

Julia Ritter.

Die Trainerin der TG Tirschenreuth ist auch Fachwart des Turngaus Nord für Geräteturnen. "Bei uns ist es seit 2015 erlaubt, in einem ganzen Turnanzug mit dazu passender Hose zu turnen. Aber es ist noch so in den Köpfen drin, dass mit einem kurzen Anzug geturnt wird. Das Thema hat damals aber niemanden so richtig interessiert. Eher die älteren Turnerinnen haben das positiv aufgefasst, sich entsprechend anzuziehen." Die älteren Turnerinnen, so die Tirschenreuther Trainerin, sind die ab 15, 16 Jahren. "Es kann ja immer mal passieren, dass bei den Amateuren Turnanzug verrutscht. Bei den Profis zwar weniger, die kleben ab. Da wird etwas auf die Haut geschmiert, dann klebt die Kleidung da dran, dann kann nichts verrutschen. Ich finde es super, dass man in einem ganzen Anzug turnen kann. Da war es höchste Zeit, dass es erlaubt ist. Gerade bei den Hochleistungsturnerinnen, die werden von allen Seiten fotografiert und gefilmt. Da sieht man sich vielleicht auch in einer Position, die man nicht so gerne im Fernsehen sehen will." Die Tirschenreuther Trainerin kann sich durchaus vorstellen, dass ihre Riege - sofern es wieder erlaubt ist - in langen Turnanzügen auftritt. "Das muss natürlich abgesprochen werden, was man sich kauft. Eine Hose zum Turnanzug dazu ist schon erschwinglich. Das wäre leichter umsetzbar. Damit sind die Mädchen auch schon auf der sicheren Seite."

Simone Neef (TuS Hirschau)

Simone Neef.

"Das war eine gute Aktion, das hat sehr schön ausgesehen", sagt die Trainerin des TuS Hirschau. Denn wenn bei den Mädchen die Pubertät beginnt, so Neef, da ändere sich die Figur. Bisher durften die Turnerinnen keine langen Anzüge bei Wettkämpfen tragen. "Man stelle sich vor, die Mädchen sitzen im Spagat da oder machen bestimmte Übungen. Das ist für sie schon unangenehm. Ein kurze Hot Pants ist auch eine ganz andere Sache als die so knappen Turnanzüge. Oft sind die Beinausschnitte hochgeschnitten bis zum Hüftknochen, da gibt es verschiedene Modelle. Die Kinder entwickeln sich heute schon viel früher, die Mädchen bekommen ja manchmal schon ab zwölf Jahren weibliche Formen. Sie wollen sich dann oft nicht mehr in diesen kurzen Turnanzügen zeigen. Es kam schon oft die Frage: Können wir nicht die Hose drüberziehen beim Wettkampf? Das ging bisher nicht, denn da gab es Punktabzug. Erst ab 15 oder 16 durften sie die Hose anziehen."

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Tirschenreuth

 

 

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