17.08.2021 - 15:55 Uhr
AmbergOberpfalz

Ein Wirken ganz im Sinne von Henry Dunant

Erhard Hirmer war 17 Jahre alt, als er seinen Erste-Hilfe-Kurs absolvierte. Und ins Rote Kreuz eintrat. Er, aber auch Armin Joscht, BRK-Mitglied seit 1976, haben unzählige Ersthelfer ausgebildet. Jetzt setzen sich die Männer zur Ruhe.

Relikte aus Erhard Hirmers Anfangszeit beim Roten Kreuz in Amberg: Neben dem Büchlein mit der Dienstordnung der Sanitätskolonnen liegen alte Fotos. Sie zeigen eine Abordnung der Sanitätskolonne Amberg beim eucharistischen Weltkongress 1960 in München, Rotkreuz-Helferinnen bei einem Festzug in Amberg und Hirmer selbst in Rot-Kreuz-Uniform.
von Kristina Sandig Kontakt Profil

Erhard Hirmer hat einiges an Unterlagen mitgebracht: Alte Dokumente, Zeitungsausschnitte und Fotos, die aus seiner Anfangszeit beim Roten Kreuz stammen. 62 Jahre ist das jetzt her. Hirmer erzählt von der Zeughausstraße, wo sich damals die Zentrale des Roten Kreuzes befand in Amberg. "Die Leitstelle gab es ja noch gar nicht." Freiwillige hätten dort den Telefondienst verrichtet, "immer 24 Stunden". Er selbst sei über einen Erste-Hilfe-Kurs, den er 1957 gemacht hatte, zu dieser Hilfsgemeinschaft gekommen. "Es hatte damals geheißen, wer will, kann freiwillig weitermachen." Und Hirmer wollte. 1958 wurde er offiziell Mitglied des Roten Kreuzes.

Aus den Unterlagen kramt Hirmer ein altes Foto heraus. Es zeigt ihn und seine Rot-Kreuz-Kameraden der Amberger Sanitätskolonne in München. "Das war 1960, da waren wir beim eucharistischen Weltkongress." Dieser war das erste international bedeutende Großereignis in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Seit 1962 war Hirmer aktiver Erste-Hilfe-Ausbilder. Über 50 Jahre lang und bis jetzt führte ihn diese ehrenamtliche Tätigkeit auch hinter Gefängnismauern: zu Erste-Hilfe-Kursen in der JVA.

Nicht selten im Wirtshaus

Anfangs, als Erste-Hilfe-Kurse für den Führerschein noch nicht verpflichtet waren, war es eine freiwillige Sache, sich ausbilden zu lassen, um im Notfall anderen helfen zu können. Hauptsächlich hätten dies Feuerwehren gemacht, blickt Hirmer zurück. Und es sei durchaus üblich gewesen, diese Schulungen im Wirtshaus abzuhalten. Mit 40 bis 50 Leuten. Wie Hirmer berichtet, fanden die Kurse meist im Winterhalbjahr statt. Der rüstige Senior muss plötzlich lachen. "Da ist es schon mal vorgekommen, dass der Nikolaus beim Kurs reingekommen ist." Er hat auch Schulungen erlebt, bei denen nach der Übergabe der Schulungzertifikate Musikanten anrückten und munter aufspielten. "Für Dorfgemeinschaften waren die Erste-Hilfe-Kurse wie ein kleines Fest."

Seinen aufregendsten Kurs erlebte Erhard Hirmer in Neumühle. Im damaligen Gasthaus Inzelsperger schulte er gerade Ersthelfer, als jemand in den Saal platze und rief, draußen sei ein Motorroller mit einem Auto kollidiert. Hirmer schnappte sich seinen kleinen Erste-Hilfe-Koffer ("Den hatte man ja immer dabei") und eilte nach draußen, alle Kursteilnehmer hinterher. Die Verletzten wurden versorgt, im Saal ging es weiter mit der Schulung, als plötzlich ein Teilnehmer zusammenbrach und einen Herzstillstand erlitt. Da sei aus der theoretischen Schulung unfreiwillig gleich praktische Erste Hilfe geworden. Den Zeitungsartikel von einst hat Hirmer heute noch. "Zweimal wurde aus Erste-Hilfe-Kurs bitterer Ernst", lautete damals die Schlagzeile.

Lebendes Objekt statt Dummy

Während Hirmer erzählt, nickt Armin Joscht immer wieder zustimmend. Vieles hat er ähnlich erlebt. Nur zu gut kennt auch er die Zeit, als für die Herz-Lungen-Wiederbelebung noch keine Dummys zur Verfügung standen. Geübt wurde stattdessen an einem Kursteilnehmer in Rückenlage. "Die haben das alle tapfer gemacht", sagt Hirmer schmunzelnd. Armin Joscht war 1976 in den BRK-Kreisverband Schwandorf eingetreten und hatte sich vier Jahre später noch dem Kreisverband Amberg-Sulzbach angeschlossen.

1976 absolvierte er den Ausbilder-Lehrgang Erste Hilfe. Seitdem ist er aktiver Ausbilder. Hauptamtlich war Joscht ab 1980 in der damals gegründeten Leitstelle tätig. Neben der realistischen Unfalldarstellung, durch die Rettungskräfte realitätsnah Einsatzszenarien trainieren können und in der sich Joscht 1992 ausbilden ließ, liegt ihm vor allem die Erste Hilfe Forst am Herzen. Joscht, der selbst auf die Jagd geht, weiß um die Gefahren im Wald. Insbesondere bei der Wald- und Forstarbeit. "Da gibt es immer wieder schwere Unfälle."

Deshalb arbeitete er federführend im Landesverband dieses Erste-Hilfe-Fortbildungsmodul mit aus. Daraus resultierend war ihm auch die Rettungskette Forst ein wichtiges Anliegen. Diesbezüglich würden Rettungsübungen für Waldarbeiter und -besitzer angeboten. Ein Konzept, das inzwischen in ganz Bayern etabliert ist und das auch so genannte Rettungstreffpunkte Wald, damit Rettungskräfte besser zum Unglücksort finden, beinhaltet. Stolz erzählt Joscht, dass es im gesamten Freistaat inzwischen 15.000 dieser Rettungstreffpunkte gibt. Plus eine eigene App dafür.

Ersthelfer für die Betriebe

Heute sind alle, die den Führerschein machen wollen, verpflichtet, Erste-Hilfe-Kurse zu belegen. Das war nicht immer so, erinnern sich Joscht und Hirmer an die Zeit zurück, als die Teilnahme an den "Lebensrettenden Sofortmaßnahmen" freiwillig waren. "Das waren damals 16 Stunden, also doppelt so viel wie jetzt", sagt Hirmer.

Längst sind auch Unternehmen verpflichtet, betriebliche Ersthelfer auszubilden und diesen alle zwei Jahre Auffrischungsschulungen anzubieten. "Das ist ein großer Aufschwung für die Erste Hilfe", findet Hirmer. Seiner und Joschts Erfahrung nach seien viele Menschen bereit, im Notfall zu helfen. "Die Bereitschaft ist klar da." Andererseits: "Viele haben Angst, dass sie Erste Hilfe nicht können, dass sie was falsch machen." Dass zum Helfen wirklich keiner zu klein ist, belegt er mit einem Fall, den er selbst erlebt. Noch heute rührt es ihn zu Tränen, wenn er von dem Kind erzählt, das seine Mutter in die stabile Seitenlage gebracht und ihr so das Leben gerettet hat. "Der Bub war acht Jahre alt."

Tanja Tuchscherer, die beim BRK-Kreisverband für die Breitenausbildung zuständig ist, erwähnt die Angebote für Kinder. Da lernen schon die Kleinsten, was zu tun ist: "Dass sie Hilfe holen, wenn der Freund von der Schaukel gefallen ist." Da üben schon Kindergartenkinder, den Notruf abzusetzen. Auch dafür engagierten sich Hirmer und Joscht.

Im Notfall stets eingesprungen

Dass die Männer sich seit über sechs beziehungsweise vier Jahrzehnte ehrenamtlich als Erste-Hilfe-Ausbilder zur Verfügung gestellt haben, nötigt BRK-Kreisgeschäftsführer Sebastian Schaller allergrößten Respekt ab. "Sie haben Ihr ganzes Leben in den Dienst an Ihren Mitmenschen gestellt." Das berühre und beeindrucke ihn, so Schaller. BRK-Kreisvorsitzender Gerd Geismann kommt auf Rot-Kreuz-Gründer Henry Dunant zu sprechen. Ganz in dessen Sinne sei es nämlich, junge Leute auszubilden, damit diese in der Lage sind, ihren Nächsten zu helfen. "Ihr werdet mir sehr fehlen", sagt Tanja Tuchscherer wehmütig zu den beiden Herren. Vielfach seien Hirmer und Joscht der Notnagel gewesen, wenn ein Kursleiter ausgefallen sei. Sie seien immer eingesprungen. "Manchmal sogar direkt vom Frühstückstisch weg", sagt Hirmer. Und es klingt, als wäre das für ihn das Selbstverständlichste der Welt gewesen.

Erste-Hilfe-Kurse in Coronazeiten

Amberg

"Da ist es schon mal vorgekommen, dass der Nikolaus beim Kurs reingekommen ist."

Erhard Hirmer

Erhard Hirmer

"Viele haben Angst, dass sie Erste Hilfe nicht können, dass sie was falsch machen."

Armin Joscht

Armin Joscht

Mit Präsentkörben verabschiedeten BRK-Kreisvorsitzender Gerd Geismann (links), Kreisgeschäftsführer Sebastian Schaller (Mitte) und Tanja Tuchscherer, die beim Kreisverband für die Breitenausbildung zuständig ist, die jahrzehntelangen Erste-Hilfe-Ausbilder Armin Joscht (Zweiter von links) und Erhard Hirmer.

 

 

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