04.06.2020 - 09:12 Uhr
AmbergOberpfalz

Virus und wir: Eine Liebeserklärung ans Autokino

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In der Kolumne "Virus und wir" berichten die Autoren von Oberpfalz-Medien von ihren Erlebnissen während der Corona-Pandemie. Cineast Christopher Dotzler schwärmt von einem außergewöhnlichen Filmerlebnis. Eine Liebeserklärung ans Autokino.

Wer hätte das gedacht: In Wackersdorf werden die neuesten Filme derzeit in einem Autokino gezeigt.
von Christopher Dotzler Kontakt Profil

Danke, liebes Coronavirus. Nein, ich meine das ganz ehrlich, ganz ohne Ironie. Wer hätte gedacht, dass ich jemals in meinem Leben einen Film im Autokino sehe?

Ich liebe das Kino ohnehin. Das Autokino umschwebt für mich eine romantische Aura. Zuletzt brachte Quentin Tarantino "Once Upon a Time ... in Hollywood" auf die Leinwand (was für eine Liebeserklärung ans das alte Hollywood!). Brad Pitt verkörpert darin den Stuntman Cliff Booth und haust in einem Wohnwagen - direkt hinter einem Autokino. Den Film, und somit eine Luftaufnahme von parkenden Autos vor einer Leinwand, habe ich schon dreimal gesehen. Jedes mal habe ich mir dabei gedacht: Ach, könnte ich doch nur einmal in ein Autokino.

Oberpfalz-Medien war bei der Premiere des Tarantino-Films "Once Upon a Time ... in Hollywood" dabei - hier geht es zum Artikel

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Corona hat das nun tatsächlich ermöglicht. Dafür musste ich nur lächerliche 43,6 Kilometer mit meinem Škoda Octavia nach Wackersdorf zurücklegen. Die Veranstaltung hat mich so fasziniert, dass ich jetzt sagen kann: Für dieses Erlebnis hätte ich die Karre sogar die ganze Strecke getragen.

Eine Überdosis Haribo

Zwar fehlt etwas das Gemeinschaftserlebnis, das man in einem Kinosaal hat, wenn 150 Menschen miteinander lachen oder schweigen. Dafür entfallen aber auch die nervigen Begleiterscheinungen. Dazu zitiere ich gerne einen Spruch, den ich im Internet gefunden habe: "Du sitzt im Kino und dann: Boom, eine menschliche Giraffe sitzt vor dir." Keine Nachbarn zerkrachen mit ihren Kiefern die Käse-Nachos. Niemand holt das Smartphone aus der Hosentasche hervor, was ich immer als ziemlich penetrant empfinde. Meine Frau hat sogar noch Gummibärchen eingepackt. Gummibärchen! Was für ein Zuckerl. Ich bin süchtig nach ihnen. Gut möglich, dass einmal auf meinem Grabstein steht: "Er starb an einer Überdosis Haribo."

Vom Auto aus hat man einen wunderbaren Blick auf das 16 Meter breite Bild der aufblasbaren Leinwand. Die größeren Autos müssen in den hinteren Reihen parken. Der Ton lässt sich per UKW am Radio einstellen und auf die gewünschte Lautstärke drehen. Und zu meiner Frau sage ich "Schau mir in die Augen, Kleines", bevor ich ihr einen dicken Schmatzer aufdrücke – Autokino-Romantik pur, was will man mehr? Auch der Film ist klasse ("Bombshell").

Meine Begeisterung bringe ich nach Filmende dadurch zum Ausdruck, dass ich in das Hupkonzert einstimme. Noch ein Zuckerl. Denn fürs Hupen an sich hege ich ohnehin eine immense Leidenschaft. Für mich ist der tutende Autokorso nach der Brautentführung der zweitschönste Hochzeitsbrauch.

Sauer wie ein Tarantino-Gangster

Weil ich aber noch 20 Minuten nach dem Abspann nicht aufhöre auf das Lenkrad zu drücken, verfinstert sich die Mine meiner Frau zunehmend. Sie macht mich auf der Bundesstraße zwischen Ebermannsdorf und Kümmersbruck darauf aufmerksam, dass das Gehupe langsam nicht mehr als Applaus für die Autokino-Veranstalter gilt. Sie sieht mich dabei wie Jules Winnfield an, wenn er sauer ist. Sie wissen schon, das ist der ziemlich fiese Gangster aus Pulp Fiction, den Samuel L. Jackson spielt. Ich meine sie leise murmeln zu hören: „Der Pfad der Gerechten ist zu beiden Seiten gesäumt mit den Freveleien der Selbstsüchtigen und der Tyrannei böser Männer.“ Ich warte eigentlich nur noch, bis sie die Knarre zieht und auf mich richtet. Der kleine Gandalf in meinem Kopf brüllt: "Flieht, ihr Narren." Doch aus dem Škoda Octavia ist kein entkommen.

Mit viel gutem Zureden und viel Disziplin – ich sage mir innerlich immer und immer wieder das Mantra "Hand ja nicht an die Hupe" auf – bessert sich die Stimmung meiner Gattin. Und noch einmal macht sich der kleine Gandalf in meinen Kopf bemerkbar – wie schon in einem der "Herr der Ringe"-Teile sagt er: "Wir haben nur zu entscheiden, was wir mit der Zeit anfangen wollen, die uns gegeben ist." Drum hört auf den weisen alten Mann – und fahrt ins Autokino.

Auch Kollege Andreas Ascherl beschäftigt sich mit der Unterhaltungsindustrie in Coronazeiten - kann dem Ganzen aber nichts Positives abgewinnen

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