12.08.2020 - 14:30 Uhr
AmbergOberpfalz

Verschwundene Kondolenzbriefe berühren die Post nicht weiter

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Sie spenden Trost in traurigen Zeiten - doch was ist, wenn Kondolenzbriefe einfach nicht bei der trauernden Familie ankommen? Eine Amberger Familie hat versucht, genau das bei der Deutschen Post herauszufinden. Mit einem traurigen Ergebnis.

Ein Bild erinnert die trauernde Witwe Waltraud A. an glückliche Tage mit ihrem Mann. Verwandte wollten der Ambergerin mit Briefen Trost spenden, doch es kamen viele nicht an.
von Helga KammProfil

Ein lachender Opa mit einem Enkelkind auf dem Arm, dieses Foto im Bücherschrank erinnert die Ambergerin Waltraud A. täglich an ihren verstorbenen Mann. Umgeben ist das Bild von zahlreichen Kondolenzkarten und Briefen, die Verwandte und Freunde in das Trauerhaus im Dreifaltigkeitsviertel geschickt haben. „Es müssten eigentlich viel mehr sein“, sagt die Witwe, „aber die sind nicht bei uns angekommen“. Und dann erzählen sie und ihre Tochter Juliane eine mysteriöse Geschichte.

Waltraud A. und ihre Tochter sind enttäuscht über das Verhalten der Deutschen Post.

Denn Raimund A. verstarb am 30. März 2020 im Alter von 70 Jahren an Krebs, als durch den Corona-Lockdown schon die normalen Begleitumstände eines Todesfalles nicht mehr gültig waren. „Es war alles sehr schwer“, beschreibt Waltraud A. die folgenden Tage: Die Beerdigung auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof im engsten Familienkreis, die in Paris lebende Tochter, die nicht anreisen konnte, kein tröstender Besuch von Verwandten und Freunden daheim möglich. Die beiden anderen Kinder, Arne und Juliane, halfen ihrer Mutter das für die Beerdigung Notwendige zu erledigen. Juliane, selbständige Grafik-Designerin aus München, stand ihrer Mutter auch in den darauf folgenden Wochen der Ausgangsbeschränkungen bei, nahm ihr vieles ab, was nach einem Todesfall zu erledigen war.

Verwandte aus ganz Deutschland

Waltraud A. und ihr Mann, ein Berufssoldat, kamen mit den drei Kindern nach Zwischenstationen im Norden und Süden Deutschlands 1991 nach Amberg, waren 45 Jahre verheiratet und haben Verwandte und Freunde im ganzen Bundesgebiet. „Dem entsprechend erreichten uns viele Briefe, um uns Anteilnahme auszusprechen und zu trösten“, erzählt Waltraud.

In nachfolgenden Telefonaten wurden die beiden Frauen aber auch auf zahlreiche Briefe hingewiesen, die niemals in Amberg angekommen sind. Erst dachten sie, das hätte mit der Corona-Pandemie zu tun, mit Kurzarbeit, Quarantäne und ähnlichem. Erst als die Liste der „verschwundenen“ Briefe immer länger wurde, kam bei Waltraud und Juliane der Verdacht auf, dass da eine kriminelle Handlung dahinter stecken könnte.

Werden Briefe entwendet, in denen Geld vermutet wird?, so fragten sie sich. Bestärkt wurden sie in ihrer Annahme, als sie bei Nachfragen erfuhren, dass insgesamt rund 200 Euro an Spenden für Grabschmuck und Blumen den einzelnen Briefen beigelegt worden waren. „Peinlich war das oft“, schildert Waltraud A. diese Nachfragen. Aber wenn sie hörte: „Was, ihr habt unseren Brief nicht erhalten?“ zeigten die Absender immer Verständnis.

Tod und Trauer: Eine Narbe bleibt immer

Regensburg

Juliane A. hat daraufhin eine Liste erstellt. Mehr als 60 Briefe sind angekommen, weitere 36 sind nach heutigem Stand verschollen, in denen nach Angaben der Absender zum Teil auch Geld war. Nicht alle dieser verschwundenen Briefe waren als Kondolenzbriefe erkennbar. Ein vom Bruder der Witwe noch am Todestag in einem neutralen Umschlag aufgegebener Brief ist nie angekommen. Viele Fragen warf das auf für Mutter und Tochter, mündete schließlich in Misstrauen und verlangte Aufklärung.

Post an die Deutsche Post

Juliane A, schrieb an die Deutsche Post AG in Bonn: „Wie Sie vielleicht verstehen können, ist es für uns als trauernde Familie äußerst traurig und auch empörend, dass uns die tröstenden Worte so vieler Freunde und Verwandter durch eine mittlerweile anzunehmende kriminelle Handlung vorenthalten werden“. Bei einem vorausgehenden Anruf beim Post-Kundenservice erhielt sie die Information, dass nur der Absender eine Nachforschung beauftragen könne. Die Bemühungen der Absender führten allerdings zu keinem Ergebnis.

Kondolenzbriefe erinnern trauernde Familien daran, dass Außenstehende Anteil nehmen.

Der Kundenservice empfahl ein Online-Kontaktformular und gab laut Juliane A. „mit deutlichem Widerwillen in der kalten und herablassenden Stimme“ des Mitarbeiters die Anschrift für eine Beschwerde preis. „Abweisend und unhöflich“, schildert sie diesen Mitarbeiter. „Ohne Bereitschaft, Verantwortung durch die Deutsche Post übernehmen zu wollen, auf das Abwimmeln von Kunden aus, statt auf Service, Empathie oder Freundlichkeit“.

Vor Ort gab es für die Probleme der beiden Frauen keinen Ansprechpartner. „Nur Nummern und Formulare, aber keinen Menschen, der zuständig sein will“, kritisiert Waltraud A. die Post, „man fühlt sich völlig hilflos“. Niemand fand sich, der ihren Verdacht bestärkt oder entkräftet hätte, dass diese Unterschlagung von Briefen eigentlich nur in einem Verteilzentrum passiert sein könne. „Wo kann es denn sonst gewesen sein?“ fragt sie sich. Ihre Tochter weiß eines sicher: „Die Dienstleistungen der Post werden wir nur noch in Anspruch nehmen, wenn es anders nicht möglich ist“.

Anzeige bei der Polizei

Am 27. April gingen Waltraud und Juliane zur Polizei. Hier fühlten sie sich ernst genommen. Verletzung des Briefgeheimnisses und Unterschlagung war der Grund ihrer Anzeige. Aber alle Nachforschungen, bis hin zur Befragung der langjährigen und vertrauenswürdigen Briefträger, die die beiden nie verdächtigt hatten, blieben erfolglos. Die Staatsanwaltschaft Amberg teilte Waltraud A. am 29. Juni 2020 mit, das Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt wegen Unterschlagung und Verletzung des Briefgeheimnisses sei eingestellt worden, „weil der Täter bisher nicht ermittelt werden konnte“.

Was bleibt von alldem? „Jedenfalls der Dank an jene, die sich die Mühe gemacht haben, zu schreiben“, sagt Waltraud A. „Das tut gut.“ Eine Genugtuung wäre es auch für sie, „wenn die Verantwortlichen bei der Post erführen, was in ihrem Betrieb vorgeht“. Und schließlich will sie darauf aufmerksam machen, dass so etwas jedem passieren kann „und man sich zumindest dagegen wehren muss – vielleicht ist es ja auch anderen so ergangen“.

Nur Nummern und Formulare, kein Mensch der zuständig sein will.

Waltraud A. über ihre Erfahrungen mit der Post.

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