03.07.2020 - 13:15 Uhr
AmbergOberpfalz

Traurig und isoliert im Seniorenheim, aber "Hauptsache, Corona kommt nicht rein"

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Angehörige von Senioren in Heimen machen sich große Sorgen. Wieviel Isolation vertragen ihre Lieben noch? Drei Frauen empfinden große, individuelle Ungerechtigkeit und berichten von "stiller Gewalt" während der Corona-Pandemie.

Ein Senior geht mit einer Gehilfe durch eine Tür in einem Altenheim.
von Andrea Mußemann Kontakt Profil

Es ist der 13. März. Freitag, der 13. Henrietta besucht eine Freundin im Seniorenheim und beobachtet das Personal, wie es Plakate aufhängt. Sie denkt, es wird eine Veranstaltung beworben. Doch es ist die Ankündigung, dass am selben Tag um 15 Uhr das Haus geschlossen wird. Sie hat sich diesen Tag sogar ins Handy eingespeichert unter "Altenheim zugemacht". In Windeseile informiert sie Bekannte, die ebenfalls Angehörige im Heim haben. Auch Gabi ist zu diesem Zeitpunkt bei einem Bewohner, der die nächsten Wochen außer Pflegepersonal niemanden zu Gesicht bekommen wird. Es ist ihr Mann, die Goldene Hochzeit steht an. Er hat Alzheimer und liebt das Pfeifen. Als Gabi gehen soll und nicht klar ist, wann sie wiederkommen darf, schießen ihr die Tränen in die Augen. Den Besuch im Heim hat sie sich zur Lebensaufgabe gemacht. Täglich von elf Uhr morgens bis abends um halbacht. Bei Annemarie meldet sich die Heimleitung per Telefon, um zu sagen, dass heute zugesperrt wird. Auch sie ist bis dahin täglich bei ihrer Mutter, die seit mehreren Monaten als Schlaganfallpatientin in der Vollzeitpflege untergebracht ist.

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Tirschenreuth

Henrietta, Gabi und Annemarie (Namen geändert und der Redaktion bekannt) pflegen enge Verbindungen zu den Senioren, die in den Heimen untergebracht sind. Jetzt sind sie am Rande der Verzweiflung. Sie sagen, ihren Lieben wurde "stille Gewalt" angetan. Die drei Frauen wollen anonym bleiben, weil sie Angst haben, dass die Bewohner darunter leiden müssten, doch sie wollen nicht länger schweigen. Es sind ihrer Meinung nach zu viele Missstände in den Altenheimen passiert und sie sehen kaum positive Veränderungen durch die Lockerungen. Stattdessen sprechen sie von Denunziantentum, Machtspielchen, Pflege-Versäumnissen. Die Vorwürfe wiegen schwer.

Zu Beginn des Lockdowns versucht Annemarie mehrmals am Tag ihre Mutter ans Telefon zu kriegen. Anrufe auf der Station seien unbeantwortet geblieben. "Die ersten drei Wochen wusste ich gar nichts von ihr. Jeder war überrascht von Corona, klar. Doch es ist auch kein einziges Info-Schreiben an alle Angehörigen rausgegangen." Um die hundert Mal probiert Henrietta zu ihrer pflegebedürftigen Freundin durchzukommen, bis sie schließlich von der Stationsleitung erfährt, dass deren Telefonanlage kaputt sei. Sie kauft ein neues und bittet den Hausmeister, es zu installieren. Er ruft aus dem Zimmer der Angehörigen an und sagt, dass alle Stecker gezogen sind. Henrietta ist fassungslos. Die Damen klemmen sich dahinter, fragen nach, was im Heim los ist. Eine Angestellte verrät Annemarie, dass sie Überstunden abfeiern müssen. Auch sie hört nur wenig von ihrer Mutter. "Sie telefoniert nicht gern." Doch die Tochter merkt sehr schnell, dass sie abbaut - und zwar massiv. "Ich konnte das sehr gut beurteilen, weil ich jeden Tag dort war. Und ich möchte nicht wissen, wie es den Bewohnern ging, als keine Besucher mehr ins Haus durften."

Es gibt Leute, die haben das Herz am rechten Fleck, um den Job zu machen. Das sind aber viel zu wenig.

Annemarie, Angehörige einer Seniorin im Heim, über das Pflegepersonal

Annemarie hat schon viel Erfahrung in unterschiedlichen Heimen gesammelt. "Bis ich 50 Jahre alt war, hatte ich nie Berührungspunkte mit dem Thema Pflege. Dann musste ich mich damit auseinandersetzen. Ich war neutral eingestellt. Aber ich hätte nie ansatzweise so schlecht gedacht wie die Realität ist." Sie sagt, dass oft Personalmangel das Problem ist. "Es gibt Leute, die haben das Herz am rechten Fleck, um den Job zu machen. Das sind aber viel zu wenig. Der Großteil ist nicht qualifiziert, es wird jeder genommen, der sich bewirbt, weil es keinen gibt. Bayernweit." Hier widerspricht Henrietta: "Ein Altenheim ist nur so gut wie die jeweilige Leitung." Sie kritisiert, dass Altenheime Zielvereinbarungen treffen und gewinnorientiert arbeiten. "Wenn unsere Angehörigen tot wären, kommen x nach. Sie brauchen uns nicht".

Tagsüber trägt er immer Schlafanzug

Es wird Ostern. Durch Zufall erfährt Annemarie von einer Bekannten, dass diese ihren Großvater, getrennt durch eine Fensterscheibe, besuchen durfte. "Dann hab ich mir gedacht, ja, spinn ich. Unter der Hand geht wohl was. Inoffiziell, wenn man jemanden kennt." Am 9. Mai dürfen offiziell das erste Mal wieder Besucher ins Haus. Ein Samstag. Henrietta kommt in das Zimmer ihrer Freundin. Das Bett "sah aus wie Sau". Sie macht Fotos. "Wenn jemand 22 Stunden am Tag im Bett liegt, dann will ich, dass es sauber ist." Es gibt Gesprächsbedarf. Doch Annemarie sagt: "Man kann nicht mehr sachlich miteinander reden. Da fehlt gravierend die soziale Kompetenz." Beiden wird öfter geraten, sich ein anderes Heim zu suchen. Auch Gabi hat während der Corona-Zeit ihren Mann ab und zu durch die Fensterscheibe gesehen. Er trägt immer einen Schlafanzug. Als die Lockerungen eintreten, sind alle froh. Die totale Isolation, die eingeschränkten Besuchsmöglichkeiten haben die Senioren kränker gemacht, sagen sie. In vielen Heimen ist derzeit eine Stunde am Tag Besuchsrecht, in manchen nur eine Stunde pro Woche. Die Hygieneregeln sind überall ähnlich. Ohne Mund-Nase-Maske geht sowieso nichts. Vor Zutritt muss man sich desinfizieren, es wird Fieber gemessen. Dann muss darauf gewartet werden, dass ein Betreuer zum "Check-in" kommt. Niemand darf alleine durch das Haus streifen. "Doch weil diese Betreuer uns Besucher den ganzen Tag von A nach B bringen, fehlen deren Stunden dort, wo sie eigentlich gebraucht würden, bei den Bewohnern", beklagt Annemarie. Hat man es bis zu seinem Angehörigen geschafft, darf man unter keinen Umständen den Abstand von 1,5 Meter unterschreiten. Man darf nichts zu trinken reichen, nicht den Rotz abwischen, nicht den Rollstuhl schieben, streicheln sowieso nicht, auch nicht die Mund-Nase-Maske abnehmen. Dass diese Regeln eingehalten werden, wird anfangs sogar ständig kontrolliert. Unangekündigt geht öfter die Tür auf. Gabi sagt: "Ich bin doch genauso interessiert, das Virus nicht hineinzubringen. Mein Mann versteht mich aber nicht, wenn ich die Maske trage." Auch deshalb habe sie kurz ohne Mundschutz mit ihm gesprochen. Prompt sei über ihren Mann Quarantäne durch die Heimleitung verhängt worden. Gängelei oder dringend erforderlich?

Die ersten Wochen ohne Kontakt

Dürfen Heimleitungen Quarantäne über Bewohner aussprechen? Markus Roth, Pressesprecher der Regierung der Oberpfalz, verweist auf die "Allgemeinverfügung des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege - Notfallplan Corona-Pandemie, Regelungen für Pflegeeinrichtungen" (Stand 29. Juni). Hier ist unter Punkt 6 geregelt, dass jede Einrichtung gegenüber dem jeweiligen Gesundheitsamt einen Pandemiebeauftragten benennen muss. Dieser sei insbesondere für Fragen der Hygiene in der Einrichtung und in Abstimmung mit dem Gesundheitsamt für die Organisation von Quarantänemaßnahmen zuständig. Doch der Leiter des Amberger Gesundheitsamtes, Dr. Roland Brey, verweist auf die Heimaufsichten von der Stadt Amberg und dem Landkreis Amberg-Sulzbach, die die Befugnisse von Heimleitern kennen würden.

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Bayern

Besuchsrecht ein Schnellschuss?

Regensburg

"Quarantänemaßnahmen ohne Anordnung des Gesundheitsamtes sind nur auf freiwilliger Basis möglich, das heißt der Bewohner stimmt der von der Einrichtung vorgeschlagenen Isolation zu. Die stationäre Pflegeeinrichtung selbst kann keine Quarantäne anordnen", heißt es aus der Pressestelle der Stadt Amberg. Der Landkreis Amberg-Sulzbach kann dazu erst am Montag Stellung beziehen.

Gabi macht dieser Kampf um ihr Recht als Besucherin mürbe. Sie bietet an, einen Schnelltest zu machen. Doch der werde nicht anerkannt, sei die Auskunft der Heimleitung gewesen. "Inwieweit negative Corona-Tests Einfluss auf das Besuchsrecht haben, bleibt den jeweiligen Einrichtungen überlassen", erklärt Stadt-Pressesprecherin Susanne Schwab. Dazu sagt der Leiter des Gesundheitsamtes, dass Tests nur eine Momentaufnahme abbilden. "Abhängig vom Zeitpunkt der Testung können falsch negative Befunde ebenso vorkommen wie falsch positive Ergebnisse", so Brey allgemein. Doch auch wenn zwischenzeitlich das Bayerische Kabinett die freiwilligen, flächendeckenden Corona-Tests abgesegnet hat, ob damit in Seniorenheimen angefangen werden soll, sei wiederum nicht bekannt. "Über die Pressemitteilungen hinaus liegen uns derzeit auch keine Informationen vor, wie die von der Bayerischen Staatsregierung verkündete Teststrategie für alle umgesetzt werden soll", so der Leiter des Gesundheitsamtes am Dienstag. Seiner Meinung nach haben die Pflegeheime sicher Priorität, "allerdings ist uns nicht bekannt, ob Reihentestungen in allen Einrichtungen erfolgen sollen oder Stichproben gezogen werden".

Was bleibt, sind die Sorgen

Was bleibt, sind die Sorgen der Angehörigen um ihre isolierten Bewohner. Denn auch wenn den stationären Pflegeeinrichtungen eine Handlungsempfehlung für die Ausweitung des Besuchsrechts zur Verfügung gestellt wurde, dient es nur als Grundlage für ein individuelles Konzept, das die Heime in Eigenregie erarbeiten. Gabis Kinder wollen am liebsten demonstrieren. Für die Würde des Menschen. Henrietta und Annemarie finden das gut. "Wer berechtigt eine Heimleitung dazu, dass sie bestimmt, was ein Mensch tun darf? Bloß weil sie eine Leitung ist? Geht es darum, Macht gegenüber den Angehörigen auszuüben?", fragt sich Henrietta. Annemarie sieht die Ironie in den Maßnahmen während der Pandemie: "Es gibt Mega-Sonderregelungen, aber ob die Bewohner sterben wegen Traurigkeit, Einsamkeit, mangelnder Hygiene, falscher Tabletten, das ist scheinbar alles kein Problem. Hauptsache, Corona kommt nicht rein."

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