26.09.2021 - 23:36 Uhr
AmbergOberpfalz

Sündenbock Aiwanger: Oberpfälzer Politik tut sich schwer mit den Wahlergebnissen

Eine ungewöhnliche Wahl. Auch das Spitzenpersonal der Parteien in der Oberpfalz weiß nicht recht, wie es mit dem Ergebnis umgehen soll. CSU-Bezirkschef Albert Füracker findet die klarsten Worte – und Schuldige für das Ergebnis seiner CSU.

Sichere im Bundestag: Oberpfälzer Abgeordnete
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Von Julian Trager und Wolfgang Würth

Kein Sieger, keine Verlierer, keine Emotionen: Gegen 20 Uhr ist die Stimmung unter den Spitzenpolitikern der Oberpfalz recht seltsam für einen Bundestagswahlsonntag. Zu eng sind die Hochrechnungen, zu unklar die Konstellationen, die sich daraus ergeben.

Statt Jubel oder Jammer überwiegt Ratlosigkeit. Oder taktische Aussagen wie bei CSU-Bezirkschef Albert Füracker. „Wir befürchtet“ eng sei das Rennen, immerhin behaupte die CSU ihre Sonderstellung innerhalb der Union: „Wir liegen 8 Prozent über dem Unionsergebnis.“ Der Vorsprung habe sich sogar vergrößert.

Schuld trägt Aiwanger

Auf Nachfrage versucht Füracker dann aber doch nicht, das Ergebnis seiner Partei als Erfolg zu verkaufen: „Natürlich sind 33 Prozent kein gutes Ergebnis.“ Unter diesen Umständen „war nicht mehr drin“. „Diese Umstände“, damit meint Bayerns Finanzminister vor allem zwei Namen: Aiwanger und Laschet. Der Freie-Wähler-Chef „Hubert Aiwanger hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die CSU zu bekämpfen“, sagt Füracker über den Kollegen im bayerischen Kabinett. Aiwanger habe das bürgerliche Lager gespalten und die Linke stark gemacht. Den Namen Laschet nimmt der Lupburger Landwirt nicht in den Mund. Aber: „Es ist kein Geheimnis, dass wir mit Markus Söder ein ganz anders Ergebnis erzielt hätten.“ Im April sei eben eine andere Entscheidung gefallen.

Auf den April blickt auch Uli Grötsch zurück: „Wir kommen von 14 Prozent, deshalb ist unser Ergebnis heute ein Grund zu feiern.“ Doch der Listenführer der bayerischen SPD klingt dabei nicht besonders euphorisch. Zu unklar sind die Konsequenzen des Ergebnisses.

Und ein wenig ist auch Enttäuschung herauszuhören, dass der klare Vorsprung nicht gehalten hat, den die Demoskopen der SPD lange vorhergesagt hatten: Jetzt ist es eng, schwere Koalitionsverhandlungen deuten sich an.

Über solche Verhandlungen denkt man bei den Grünen in Schwandorf nicht nach. „Als die erste Prognosen gekommen sind, ist Jubel ausgebrochen“, sagt Bezirksvorsitzende Tina Winklmann. Es sei das beste Ergebnis der Parteigeschichte. Wie eine Siegerin klingt Winklmann trotzdem nicht: „Natürlich haben wir uns mehr erhofft“. Ob ihr Platz 17 auf der Landesliste für den Einzug in den Bundestag reicht, ist lange unklar. Als sie im April nominiert wurde, schien der Sitz im Parlament fest gebucht. „Klar, ein bisschen Wehmut schwingt da schon mit.“ Erst spät am Abend zeichnet sich ab, dass es wohl reichen dürfte.

Während Winklmann zittert, argumentiert Füracker schon in Richtung Machterhalt. „Wir werden auf jeden Fall Sondierungsgespräche führen“, sagt der Minister, als sich abzeichnet, dass die SPD die Nase knapp vorne haben dürfte. Ausnahmsweise dient die SPD als Vorbild: 1976 hatte Helmut Kohl die meisten Stimmen, dennoch einigten sich SPD und FDP darauf, am sozialdemokratischen Kanzler Helmut Schmidt festzuhalten. Mit FDP und Grünen würde es nun auch für einen Unions-Kanzler reichen. Wie realistisch das ist und ob dieser Kanzler dann Laschet heißen sollte, das lässt Füracker am Abend offen.

FDP zufrieden, Linke am Boden

FDP-Mann Ulrich Lechte könnte auch mit der Union als Partner leben. Der Chef der Oberpfälzer FDP wird weiter im Bundestag sitzen, das ist am Sonntag schnell klar. „Ich bin völlig dankbar“, sagt er. Und: Ohne die FDP werde wohl keine Regierung möglich sein. Wie dabei der Kanzler heißen könnte, das ist Lechte erst einmal egal. Er will sich jedenfalls nicht zu seiner bevorzugen Option äußern. Lieber fiebere er mit den Oberpfälzer FDP-Kollegen: Die Kandidaten für Amberg und Schwandorf, Nils Gründer und Ines Tegtmeier, könnten über Ausgleichsmandate in den Bundestag einziehen. „Ich hätte beide gerne dabei.“ Fest steht für Lechte zu diesem Zeitpunkt: das FDP-Bundesergebnis macht ihn sehr zufrieden.

Ganz anders die Stimmung bei der Linken. „Das ist schon heftig, nicht schön, um andere Worte zu vermeiden“, sagt Eva-Maria Schreiber, Noch-Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Ingolstadt. Diesmal wollte sie für den Wahlkreis Regensburg ins Parlament, doch daraus wird nichts. Das schlechte Ergebnis – in Bayern kommt die Partei wohl nicht mal über drei Prozent – habe viele Gründe. „Ein großer Punkt war, dass keine Parteien gewählt wurden, sondern Kanzler. Es ging um Köpfe, nicht um Inhalte.“

Boehringer will Bahamas-Koalition

Dass enge Rennen ums Kanzleramt führt auch Bayerns AfD-Spitzenkandidat Peter Boehringer für die Verluste seiner Partei an. Vermutlich habe auch manch AfD-Wähler in dem engen Rennen lieber Laschet gestimmt – oder auch für Scholz, vermutet Boehringer. Und dann sind da noch die Parteien, die mit Kritik an Corona-Maßnahmen Wahlkampf gemacht haben. Wie Füracker lässt auch Boehringer kein gutes Haar am „Heuchler“ Aiwanger und dessen Freien Wähler. Nicht die einzige Gemeinsamkeit, die Boehringer mit der Union sieht. Ausdrücklich bringt der Direktkandidat im Wahlkreis Amberg eine Bahamas-Koalition ins Spiel. Die Flagge des Karibikstaates ist schwarz-gelb-blau. „Mathematisch ist das möglich“, sagt Boehringer – klingt aber nicht so, als würde er das für realistisch halten. So fügt sich sogar die AfD nahtlos in die Oberpfälzer Parteienlandschaft ein: keine Sieger, kein Verlierer, kaum Emotion.

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Kommentare

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Marcus Kunert

Jaja, alle sind schuld, nur die CSU selbst nicht.

28.09.2021