13.08.2020 - 16:25 Uhr
AmbergOberpfalz

Stromtrasse der Bahn: Ausbaupläne sind "nicht in Stein gemeißelt"

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Die Bahn will große Teile ihres Streckennetzes in Nordbayern elektrifizieren – und sorgt mit den Plänen für eine zugehörige Stromtrasse im Raum Amberg-Sulzbach für viel Kritik. Nun macht der Leiter des Bauprojekts wichtige Ankündigungen.

Im Redaktionsgespräch mit der Amberger Zeitung informieren Matthias Trykowski, DB-Gesamtprojektleiter Bahnausbau Nordostbayern, Kommunikationsmitarbeiterin Marion Fink und Franz Lindemair, Pressesprecher für DB-Großprojekte (von rechts), über die Elektrifizierungspläne der Metropolenbahn.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Lokalpolitiker und Abgeordnete haben interveniert, Anwohner gründeten Bürgerinitiativen, Umweltschützer schlugen Alarm: Der öffentliche Druck auf die Bahn, ihre Pläne für den Bau einer Stromleitung zur Elektrifizierung der Strecke von Nürnberg nach Schwandorf abzuändern, scheint zu wirken: Matthias Trykowski, DB-Gesamtprojektleiter Bahnausbau Nordostbayern, und Franz Lindemair, Pressesprecher für DB-Großprojekte, stellen sich im Redaktionsgespräch mit der Amberger Zeitung der Kritik und schildern ausführlich das weitere Vorgehen. Wichtige Neuigkeiten gibt es zur Finanzierung und dem Bürgerdialog.

Überfällige Elektrifizierung

Matthias Trykowski zeigt Verständnis für die Bedenken vieler Bürger besonders im westlichen Landkreis: "Mir ist völlig klar, die optische Beeinträchtigung durch eine Trasse wünscht sich niemand. Doch fast in ganz Deutschland fahren die Züge inzwischen mit Strom. Nur hier in Nordbayern gibt es noch schmutzige Dieselinseln – unvorstellbar."

Strombetriebene Züge seien schneller, würden spürbar CO2 einsparen und damit einen wichtigen Beitrag zur Klimawende leisten: "Wir haben momentan die Coronakrise, doch wir müssen auch die nächste Krise abwenden – und das ist die Klimakrise", wirbt der Projektleiter um Akzeptanz.

Finanzierung & Planungsauftrag

Der Ausbau der Strecke ist im Bundesverkehrswegeplan zwar als "vordringlicher Bedarf klassifiziert", doch bislang lag noch kein endgültiger Planungsauftrag vor. Kritisiert wurde, dass die Stromleitung gebaut werden könnte – und die Elektrifizierung vielleicht doch nicht kommt. Dazu verweist Trykowski nun auf ein neues Schreiben aus dem Bundesverkehrsministerium, das Oberpfalz-Medien vorliegt.

Aus dem Amberger Stadtteil Gailoh kommt Gegenwind gegen die Stromtrasse

Gailoh bei Amberg

Enak Ferlemann, Parlamentarischer Staatssekretär und Beauftragter der Bundesregierung für den Schienenverkehr, bestätigt darin, dass der Planungsauftrag für die Metropolenbahn nur noch Formsache ist und das Geld dafür schon in fünf Monaten bereitgestellt wird: "Die haushalterischen Voraussetzungen werden für das Projekt voraussichtlich im Jahr 2021 vorliegen, ein Start des Projekts durch die DB Netz AG ist im 1. Quartal 2021 vorgesehen."

Kritik: Zerstörung der Umwelt

Illschwangs Bürgermeister Dieter Dehling warf der Bahn vor, das Unternehmen würde dort bauen, wo der geringste "Raumwiderstand" herrsche - das sei bei der Natur. Trykowski dazu: "Eine unserer wichtigsten Kriterien bei der Trassenplanung war: Wo wohnen keine Menschen?" Vögel und auch geschützte Uhus würden nicht wirklich bedroht, dies sei ein "emotionales Argument": "Wir haben inzwischen einen Kurzschluss-Schutz auf den Masten. Die Vögel sitzen da eigentlich sehr gerne drauf." Die Strahlung der Leitung wiederum sei sehr gering. "Die Sonne strahlt, Mikrowellen strahlen, jedes Handy strahlt. Die Strahlung der Leitung ist im Vergleich dazu marginal."

Die Bahn muss Trassen-Alternativen ehrlich prüfen, fordern Bürger

Sulzbach-Rosenberg

Auch Fremdenverkehr und Landwirtschaft würden nicht leiden: "Wir haben in Deutschland inzwischen 8000 Kilometer Bahnstromleitungen. Nirgendwo hat der Tourismus einen Bogen um die betroffenen Regionen gemacht." Mit den Bauern gäbe es meist eine "friedliche Koexistenz", weil "der Boden unter den Leitungen fast uneingeschränkt nutzbar" ist.

Bürgerdialog & Transparenz

Ein verträglicher Ausbau für die Region und ein offener Dialog mit der Bevölkerung liege der Bahn am Herzen, beteuert Franz Lindemair: "Wir meinen es sehr ernst und stehen den Menschen gerne Rede und Antwort." Die "rege Debatte im Landkreis passt uns", ergänzt Trykowski. "Wir sind neugierig, was an weiteren Vorschlägen kommt."

Der Projektleiter verweist darauf, dass bislang bereits 50 Hinweise oder Änderungsvorschläge aus der Bevölkerung in die Planung mit aufgenommen wurden – dies ist im Leitungsentwurf auf der Homepage für jeden ersichtlich. "Das zeigt, dass wir auf die Wünsche aus der Region eingehen", so Trykowski.

Projektleiter Matthias Trykowski ist für die Elektrifizierung der Strecke Nürnberg-Schwandorf zuständig. Er wirbt um größtmögliche Akzeptanz für die Stromtrasse.

Für Illschwang bringt Lindemair ein besonderes Angebot mit. Weil es mit der dortigen IG "Bahnstrom – so nicht!" viel Gegenwind gibt, sollen nun die Bedenken der Gemeinde in einem Extra-Format ausgeräumt werden: "Wir haben an Bürgermeister Dehling das Angebot übermittelt, einen eigenen Online-Infotermin nur für Illschwang anzubieten", verkündet Lindemair.

Man sei sich jedoch bewusst, dass nicht alle Menschen internetaffin sind. Weil man niemanden ausschließen wolle, sei geplant, ab September Bürgersprechstunden abzuhalten – auch in Amberg. Jeder, der Fragen oder Kritik habe, sei eingeladen, sich im persönlichen Gespräch an die Experten zu wenden. Wegen Corona seien jedoch nur Einzelgespräche möglich, und jeder Interessierte müsse vorher einen Termin vereinbaren. Mehr Infos will die Bahn im September geben.

Bürger haben eine Protestbewegung gegen die geplante Stromtrasse gegründet

Aichazandt bei Illschwang

Mangelhafte Alternativen

Die Trasse Nürnberg-Schwandorf dient als Querspange zur Bildung einer Ringleitung für die sichere Stromversorgung der Züge – und ist deshalb nicht zwingend nötig. Kritiker fragen, ob die Bahn ihren Strom nicht dezentral aus dem öffentlichen Netz beziehen könnte? Beim Anfahren verbrauche ein Güterzug genauso viel Strom wie eine Kleinstadt, "in der alle Kochherde gleichzeitig eingeschaltet würden. So etwas würde die öffentlichen Netze überfordern", erklärt Trykowski die Notwendigkeit einer eigenen Leitung.

Heftiger Widerstand - die Elektrifizierung darf nicht auf Kosten der Natur gehen

Aichazandt bei Illschwang

Zur Ringleitung sagt er: "Man kann ein Auto auch mit drei Reifen fahren, aber stabile Kurvenlage und Sicherheit gibt es nur mit vier - das ist der Stand der Technik." Übertragen auf die Bahn bedeute dies, dass die Querspange nötig sei. Nur so werde bei Stromausfällen verhindert, dass die Züge stehen bleiben.

Erdverkabelung problematisch

Erdverkabelung wiederum sei nur auf Kurzstrecken möglich, da es sich beim DB-Netz um ein "gelöschtes Netz" handele, das unter der Erde stark an Leistung einbüße und Kurzschlüsse provoziere.

Den Strom per Oberleitung direkt über den Gleisen zu führen sei zwar technisch möglich, wäre aber sehr viel teurer und eine Belastung für die Menschen. Da die Strecken nicht gerade, sondern in Schlangenlinien verlaufen, würde viel mehr Kabel benötigt. Die Leitungen würden auch direkt durch die Städte führen und aufwendige Umbauten bei Bahnhöfen oder Brücken erfordern. Kommentar

Planungsstand – wie geht es weiter?:

Die Elektrifizierung des Streckenabschnitts von Nürnberg über Amberg nach Schwandorf befindet sich noch in einem sehr frühen Stadium – der Entwurfsphase. Hier präsentiert die Bahn ihren Vorschlag für einen möglichen Verlauf der Öffentlichkeit. Die Bürger sind aufgerufen, sich aktiv in die Planungen einzumischen, denn: „Niemand kennt die Gegebenheiten vor Ort so gut wie die Menschen, die hier leben. Deswegen wollen wir unseren Entwurf gemeinsam mit Ihnen weiter verbessern und in Einklang bringen mit den Interessen der Region“, schreibt der Konzern auf seiner Homepage.

Anmerkungen können noch bis 30. September per Mail (bahnausbau-nordostbayern[at]deutschebahn[dot]com) an die Bahn gesendet werden. Telefonische Gespräche lassen sich unter www.bahnausbau-nordostbayern.de/terminbuchung.html vereinbaren.

Anfang 2021 soll das Raumordnungsverfahren beginnen. Dann entscheidet ein Expertengremium, welche der vorgeschlagenen Alternativrouten ausgewählt wird. Auch hier ist eine Bürgerbeteiligung noch möglich.

Kommentar:

Die Bahn praktiziert Offenheit

Der geplante Bau der Stromtrasse durch den Raum Amberg-Sulzbach ist nicht das einzige Elektrifizierungsprojekt, das in der Oberpfalz für Aufruhr sorgt. Gegen die in der Planung schon weiter gereifte Höchstspannungsleitung Süd-Ost-Link regte sich im vergangenen Jahr in Weiden und Umgebung heftiger Widerstand. Mit großer Vehemenz kämpften Bürgerinitiativen fast schon aggressiv gegen das Großprojekt.
Im Vergleich dazu zeigt sich im Protest bei uns gegenüber der Bahn ein wichtiger Unterschied: An offener Kritik wird zwar nicht gespart. Doch die bezieht sich nahezu ausschließlich auf die konkrete Umsetzung. Bürger und Politiker fordern schon lange einen grünen Schienenverkehr für den Landkreis – nicht gegen die Elektrifizierung an sich richtet sich der Unmut, sondern gegen das Wie.
Doch genau hier, so der Eindruck auch beim Redaktionsgespräch mit dem Projektleiter, bemüht sich die Bahn als Bauherr um Offenheit. Hinweise der Bürger für einen alternativen Trassenverlauf hat der Konzern bereitwillig in seine Entwürfe aufgenommen. Die Bereitschaft, den Wünschen betroffener Anwohner und Gemeinden entgegenzukommen, ist spürbar.
Allerdings hat die Kompromissbereitschaft naturgemäß Grenzen. Am Ende steht die schmerzliche Einsicht, dass, wenn die Ära lauter und stinkender Dieselloks endlich der Vergangenheit angehören soll, eine neue Leitung mit Masten unumgänglich sein wird. Nötig ist jetzt also keine Fundamentalopposition, sondern konstruktive Mitwirkung – und finanzielle Großzügigkeit beim Bund. Denn sollten sich verträglichere Alternativen zur gegenwärtigen Planung ergeben, die auch praktikabel sind, dann darf Geld keine Rolle spielen. Diese Verpflichtung sollte eine kritische Öffentlichkeit der Bahn im Sinne des Erhalts unserer Lebensqualität auferlegen.
Wenn es gelingt, die Eingriffe in unsere Natur auf das nötigste Minimum zu beschränken, wäre das am Ende ein Gewinn für Mensch und Umwelt.

Von Tobias Gräf

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