29.11.2020 - 14:20 Uhr
AmbergOberpfalz

Sportunterricht mit Maske und Abstand: "Das ist eigentlich die Hölle"

Schulsport und Corona- Einschränkungen - das passt nicht zusammen. Dass sich Kinder aber gar nicht bewegen, ist die noch schlechtere Variante. So oder so ähnlich lautet das Urteil der meisten Sportlehrkräfte an den vier Amberger Gymnasien.

Fitness-Training der 6a mit Markus Spörer am Erasmus-Gymnasium.
von Gerd SpiesProfil

Der Sportunterricht mit Corona ist ein anderer als vor dem Ausbruch der Pandemie. Mit unterschiedlichen Konzepten versuchen die Schulen, das Fach Sport im Moment noch am Leben zu halten. Die wichtigste Nachricht lautet: Schulsport findet statt. Der Wahlunterricht bleibt aber auf der Strecke.

Anders ist das im Johann-Michael-Fischer-Gymnasium in Burglengenfeld. Hier hat die Schulleitung in Absprache mit den Sportlehrern den Sportunterricht ganz eingestellt, mit Ausnahme des Sports in der Oberstufe. Als Ersatz gehen die Sportlehrkräfte mit ihren Schülern spazieren. Oder sie machen Sporttheorie. "Nur so können wir eine Vermischung vermeiden, die das Kultusministerium fordert", sagt Schulleiter Matthias Schaller.

Doch wie sieht es in Amberg aus? "Unsere erste Reaktion war: Mit Maske halten wir keinen Sportunterricht. Wie soll man sich denn sportlich belasten, ohne dabei richtig Luft zu bekommen? Mit Maske?" Sportlehrer Christian Zenger vom Gregor-Mendel-Gymnasium konnte sich nicht vorstellen, dass unter solchen Bedingungen Schulsport überhaupt möglich ist. Inzwischen versuchen aber er und seine Kollegen - in Absprache mit der jeweiligen Schulleitung - mit viel Kreativität das Beste daraus zu machen. Jedes der vier Amberger Gymnasien geht dabei unterschiedliche Wege, um den ministeriellen Vorgaben gerecht zu werden.

Aus 90 Minuten werden 50

Freitag, 9.35 Uhr. Für die Jungs aus der 5c und 5d des GMG steht in den nächsten beiden Stunden Sport an. Eigentlich 90 Minuten, tatsächlich sind es rund 50. Denn nach dem Umkleiden müssen sich alle zuerst die Hände mit Seife waschen, bevor es in die Halle geht. In den Waschraum dürfen aber immer nur zwei Schüler gleichzeitig. Darum dauert es etwas, bis alle bereit sind. 20 Minuten vor Stunden-Ende müssen bereits alle wieder die Turnhalle verlassen. Es muss gelüftet werden, damit die nächste Klasse in die Halle darf. "Es ist ein unglaublicher Aufwand", sagt Christian Zenger. Der Sportlehrer weiß aber, dass es keine Alternative gibt. Seine Jungs sind froh, dass sie überhaupt Sport treiben dürfen. Denn in der kleinen Einzel-Halle des GMG fällt der Unterricht ganz aus, sie besitzt keine ausreichende Lüftungsanlage.

Besser sieht es da am Max-Reger-Gymnasium aus. "Unsere Lüftungsanlage in den beiden Turnhallen konnte umprogrammiert werden, saugt jetzt ständig frische Luft an", erklärt der kommissarische Schulleiter Georg Meyer. Beim Sportunterricht am GMG kommt für die Mädchen ein weiteres Problem hinzu. Hier herrscht akute Personalnot. Zwei der drei Sportlehrerinnen fallen aus. Sie sind schwanger und gelten folglich als Risikopersonen.

Große Probleme bereitet den Lehrkräften die Maskenpflicht, zurückzuführen auf die gestiegenen Inzidenz-Werte im Oktober. "Sport mit Maske ist eigentlich die Hölle", sagt Christian Zenger. Der AZ-Redaktion sind auch Fälle bekannt, dass sich Schüler während des Sportunterrichts beim Basketballspiel übergeben mussten, wegen akuter Atemnot unter der Maske. Auch Georg Meyer konnte sich anfangs Sport mit Maske nicht vorstellen. "Ich habe meine Meinung geändert", erklärt er aber heute. Denn gar kein Schulsport, das wäre für ihn die schlechtere Lösung: "Die Kinder brauchen den Schulsport als Ausgleich zu den anderen Fächern." Gut ist, sagen die Lehrer, dass alle Schüler die Maske akzeptieren. "Wenn man Spaß hat, dann vergisst man sogar die Maske", meint Max, einer der 15 Jungs aus der Klasse 5a von GMG-Studiendirektor Zenger.

Die Sportlehrer reagieren auf die Maskenpflicht inzwischen mit veränderten Unterrichtsinhalten. "Der Lehrplan bietet da viel Spielraum", erklärt Markus Spörer vom Erasmus-Gymnasium. Statt der intensiven Ballsportarten wie Handball, Basketball oder Fußball treten nun andere Inhalte in den Vordergrund. Sportarten, die bisher im Schulsport eher ein kümmerliches Dasein fristeten. Wie Bewegungskünste. Jonglieren ist ein Beispiel.

Tischtennis und Badminton

Albert Kiener (Max-Reger-Gymnasium) sagt, dass das den Kindern aus seiner 6a Spaß macht. Oder Tischtennis. Zehn Platten stehen in der Dreifachhalle des GMG bereit. Badminton, ebenfalls eine Individualsportart ohne Kontaktprobleme, gefällt den Mädchen der 7b von Katja Alkofer am Gymnasium der Dr.-Johanna-Decker-Schulen. Für Ulrike Grätsch, Fachbetreuerin Sport am Dr.-Johanna-Decker-Gymnasium, ist Schwimmen eine ideale Alternative im Schulsport zu Corona-Zeiten. Sie bedauert es sehr, dass die Stadtwerke das Kurfürstenbad nach lediglich vier Wochen Betrieb wegen des Lockdows wieder schließen mussten. Mit negativen Folgen für die Schülerinnen, die Schwimmen als Abiturfach gewählt haben und sich jetzt nicht auf die Prüfung vorbereiten können.

Stimme aus Lautsprecher

Mit technischer Hilfe löst Markus Spörer, Sportlehrer am Erasmus-Gymnasium, das Kommunikationsproblem, das sich durch das Tragen einer Maske ergibt. So hören zum Beispiel die Jungs aus der 6a beim Workout-Training seine Stimme aus dem Lautsprecher, Spörer benutzt ein Headset. Abstand halten bei Ansagen des Sportlehrers ist so kein Problem mehr. Zudem werden per Beamer die Fitness-Übungen von einer App auf dem Handy an die Wand projiziert. Dank Corona hält die digitale Technik Einzug. Sogar in den Sportunterricht.

Das Problem der Durchmischung handhaben die vier Schulen zum Teil unterschiedlich. Die ministerielle Vorgabe sieht vor, dass Unterricht möglichst nur im Klassenverband, nicht mit Schülern aus verschiedenen Klassen, gehalten wird. Am MRG hat dies zur Folge, dass von der 5. bis zur 10. Jahrgangsstufe Sportunterricht koedukativ gehalten wird. Jungen und Mädchen sind dann gemeinsam im Sportunterricht. "Das Ministerium hat hierfür grünes Licht gegeben", begründet Georg Meyer die Regelung. Diese Umstellung sorgte auch für freie Lehrerkapazitäten, die dann dazu genutzt werden konnten, dass in manchen Sportstunden zwei Lehrkräfte zur Betreuung zur Verfügung stehen. "Dadurch können wir durch Differenzierung der Sportgruppen die Abstandsregeln besser umsetzen", erklärt Sport-Fachbetreuerin Susi Druckseis-Luschner vom MRG.

Anders am GMG und am EG. Hier bleiben die Sportklassen zusammen, auch wenn sie sich aus Schülern von zwei Klassen zusammensetzen. Hintergrund ist die Tatsache, dass auch in den anderen Fächern, zum Beispiel in den Sprachen und in Religion, eine Trennung nicht möglich ist. "Eine vollkommene Trennung in allen Fächern ist stundenplantechnisch nicht umsetzbar", erklärt Karl Bösl, der Schulleiter am EG.

Problem Wahlunterricht

Auf der Strecke bleibt der Wahlunterricht. Das betrifft nicht nur den Sport, sondern auch die anderen Fächer, die dieses Zusatzangebot für Schüler bereitstellen. Alle Kursangebote wurden deswegen gestrichen, weil hier die Kinder in der Regel aus verschiedenen Klassen kommen, also eine Durchmischung stattfinden würde. Zum Beispiel ruht der Volleyball derzeit am MRG und am EG. Alle gemeinsam mit dem VC Amberg initiierten Sportarbeitsgemeinschaften fallen aus. Gleiches gilt für die Schulsport-Wettkämpfe "Jugend trainiert für Olympia". Um die Hälfte ist die Zahl der Meldungen zurückgegangen, erzählt Markus Spörer, der auch Vorsitzender des Arbeitskreises Schulsport in Amberg ist. Nur bei den Sommer-Sportarten wie Schwimmen und Beachvolleyball hofft er, die Kreis- und Bezirksfinales ansetzen zu können. "Wir werden auf Jahre hinaus hier viele Schüler verlieren", sieht Susi Druckseis-Luschner, Sport-Fachbetreuerin am MRG und selbst ehemalige Bayernliga-Volleyballerin, die Zukunft des Schulsports düster. Auch am Dr.-Johanna-Decker-Gymnasium ist nahezu der gesamte Wahlunterricht eingestellt. So ist der erst jüngst eingeführte Wahlunterricht Reiten derzeit ausgesetzt, lässt Schulleiter Günter Jehl dazu wissen.

Auch Musik betroffen

Noch härter trifft es das Fach Musik mit den Wahlfächern Chor und Orchester. "Bei uns brechen alle Ensembles auseinander", befürchtet Georg Meyer vom MRG. Ein musisches Gymnasium ohne Chor und Orchester, ein kaum vorstellbares Szenario droht für die Schule Realität zu werden. Um diese Situation am EG zu verhindern, opfert Musiklehrerin Christine Uhle im Moment sehr viel Zeit. Da Chorproben nicht erlaubt sind, übt sie mit jedem Chorschüler einzeln, zehn Minuten lang. Bei 45 Chorschülern sind das 450 Minuten, die Uhle investiert. Zusätzlich erhalten die Schüler Hörbeispiele und schicken im Gegenzug ihre Aufnahmen zurück. Denselben Aufwand betreibt Uhle beim Orchester. "Ich möchte meine Ensembles wenigstens am Köcheln halten", begründet die Musiklehrerin ihr Engagement. Doch zurück zu den Sportlehrern: Immer wieder betonen sie, dass ihnen diese Art von Sportunterricht immer noch lieber ist als gar keiner. Für viele Schüler stelle der Unterricht die einzige sportliche Betätigung dar. Die Alternative sei, bewegungsarm im Corona-Modus sportlich dahinzuvegetieren". Darauf können die Sportlehrer allesamt verzichten.

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