25.03.2021 - 10:50 Uhr
AmbergOberpfalz

So viele Covid-Patienten wie noch nie: Alarmsignale aus dem Klinikum St. Marien Amberg

Noch nie wurden im Klinikum Amberg so viele Covid-19-Patienten behandelt wie jetzt. Die Intensivbetten werden knapp. Parallel dazu steigt der finanzielle Druck. Vorstand Manfred Wendl und OB Michael Cerny sprechen von schweren Zeiten.

Das Klinikum St. Marien in Amberg steuert auf das nächste Millionen-Defizit zu. Das hat aber nicht nur etwas mit der Corona-Pandemie zu tun.
von Thomas Kosarew Kontakt Profil

ONETZ: Keine weiteren Lockerungen, über Ostern war sogar ein harter Lockdown im Gespräch. Herr Wendl, sind diese Maßnahmen der Bundesregierung angemessen, übertrieben oder vielleicht sogar noch zu lasch?

Manfred Wendl: Die Maßnahmen sind angemessen, wenn sie denn alle eingehalten werden. Auch im privaten Umfeld. Dann gehe ich davon aus, dass sie greifen werden. Und das ist auch dringend erforderlich.

ONETZ: Waren die jetzt noch geltenden Lockerungen übertrieben?

Manfred Wendl: Wir hatten bis Mitte Februar fallende Zahlen an Covid-Patienten, meist nur zwei oder drei auf der Intensivstation und bis zu zehn mit Covid-Erkrankungen auf der Isolierstation. Das war ohne größere Schwierigkeiten zu handhaben. Als Mitte Februar die ersten Fälle mit britischer Mutation aufgetaucht sind, ist die Zahl der Covid-Patienten bei uns sehr steil nach oben gegangen.

"Als Mitte Februar die ersten Fälle mit britischer Mutation aufgetaucht sind, ist es bei uns sehr steil nach oben gegangen."

Klinikumsvorstand Manfred Wendl

ONETZ: Was bedeutet das konkret?

Manfred Wendl: Wir haben zwei Intensivstationen eingerichtet, eine davon ist komplett durch Covid-Patienten belegt. Das sind 13 Plätze. Aktuell werden in dieser Intensivstation 12 Patienten behandelt. Das heißt, wir haben nicht mehr viel Luft. Wenn noch mehr Covid-Patienten kommen, müssen wir die reguläre Krankenversorgung einschränken. Es darf nicht zu einem weiteren Anstieg kommen, weil es dann schwierig wird, die Versorgung im gewohnten Umfang aufrecht zu erhalten.

ONETZ: Wie viele Covid-Patienten liegen derzeit im Klinikum und waren es schon mal mehr?

Manfred Wendl: Wir haben aktuell 46 Covid-Patienten, davon 42 mit Mutation. Sprich, den normalen Covid-Patienten haben wir fast nicht mehr. Hinzu kommen zwölf Patienten auf der Intensivstation. Davon werden zehn beamtet. Aktuell haben wir noch 15 Verdachtsfälle im Haus. Das sind die, bei denen die Testergebnisse noch ausstehen. Das ist die höchste Zahl, die wir bisher in der Pandemie gehabt haben. Aufgrund der Entwicklung müssen wir davon ausgehen, dass diese hohe Patientenzahl noch längere Zeit anhält; insbesondere in der Intensivstation. Das Durchschnittsalter in der Intensivstation liegt derzeit bei 66 Jahren. Hier sehen wir eine Änderung weg von den Hochbetagten. Erfahrungsgemäß müssen die Patienten bis zu drei Wochen auf der Intensivstation behandelt werden.

ONETZ: Stammen die aktuellen Patienten alle aus der Region Amberg-Sulzbach?

Manfred Wendl: Wir haben in den letzten drei, vier Wochen keine Zuverlegungen aus anderen Häusern mehr bekommen. Weil bei uns die Auslastung deutlich nach oben gegangen ist. Im Januar hatten wir auch Zuverlegungen, insbesondere aus dem Bereich der Nordoberpfalz.

ONETZ: Also die Tirschenreuther, die in Weiden keinen Platz mehr bekommen haben?

Manfred Wendl: Das Klinikum Weiden hatte zeitweise zwei Intensivstationen mit Covid-Patienten belegt. Ende Januar, Anfang Februar gab es die Situation, dass aus der Region Weiden Intensivpatienten verlegt wurden. In den letzten zwei, drei Wochen ist mir kein Fall bekannt, dass wir externe Zuverlegungen hatten.

ONETZ: Wie viele Ihrer gut 2000 Mitarbeiter wurden mittlerweile geimpft?

Manfred Wendl: Rund 1130 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen haben bereits zwei Impfungen erhalten. Aktuell haben zusätzlich rund 130 Mitarbeiter die Erstimpfung.

ONETZ: Bedeutet das im Umkehrschluss, dass rund 800 Mitarbeiter auf eine Impfung verzichten oder bisher darauf verzichtet haben?

Manfred Wendl: Bisher sind knapp 800 nicht geimpft. Aber das ist eine freiwillige Entscheidung.

ONETZ: Verschieben viele Patienten jetzt ihre Vorsorgeuntersuchungen und ambulanten Operationen? Lässt sich das in Zahlen fassen?

Manfred Wendl: Im Januar und Februar war das bei 15 bis 20 Prozent der Patienten der Fall. Jetzt sind es wahrscheinlich sogar noch mehr.

ONETZ: Bedeutet das auch 15 bis 20 Prozent weniger Einnahmen?

Manfred Wendl: Nicht ganz. Die schwerer erkrankten Patienten werden dennoch versorgt. Tendenziell sind es die leichteren und niedriger vergüteten Fälle, die wegbleiben. Aber die Mindereinnahmen liegen schon so bei knapp 15 Prozent.

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ONETZ: Das macht es finanziell nicht leichter.

Manfred Wendl: Wir fallen unter den Rettungsschirm, den die Bundesregierung aufgespannt hat und der seit November 2020 mit der Inzidenz gekoppelt ist. Wenn ein Inzidenz-Wert von 70 überschritten wird, erhalten wir Ausgleichszahlungen für die Erlösausfälle. Zudem muss die Intensiv-Belegung jenseits der 75 Prozent liegen. Anders als im vergangenen Jahr bekommen wir jedoch nicht mehr 560 Euro pro Tag und freiem Bett, sondern nur noch 90 Prozent der Einnahmeausfälle im Vergleich zum Vorjahr erstattet. Diese Ausgleichzahlungen kompensieren die fehlenden Einnahmen bei Weitem nicht.

ONETZ: Was würden Sie sich stattdessen von der Politik wünschen?

Manfred Wendl: Wir brauchen eine Planungssicherheit für dieses Jahr und nicht immer nur von Lockdown-Verlängerung zu Lockdown-Verlängerung. Wir gehen davon aus, dass die Minderbelegung das ganze Jahr anhalten wird. Wir werden das auch im zweiten Halbjahr nicht mehr aufholen können. Wir fordern von der Politik eine Regelung für das ganze Jahr. Wir haben jetzt keine planbare Basis für unsere Einnahmenseite. Weil wir weder abschätzen können, wie sich die Pandemie entwickelt, noch wie die Hilfsmaßnahmen der Bundesregierung bis zum Jahresende gestaltet werden. Das ist eine große Unsicherheit.

"Wir gehen davon aus, dass die Minderbelegung das ganze Jahr anhalten wird. Wir werden das auch im zweiten Halbjahr nichts mehr nacharbeiten können."

Klinikumsvorstand Manfred Wendl

Klinikumsvorstand Manfred Wendl

ONETZ: Das nächste Millionen-Defizit scheint unumgänglich.

Manfred Wendl: Wir haben einen Wirtschaftsplan. An dem orientieren wir uns. Darin haben wir auf das ganze Jahr gesehen wegen Covid eine Minderbelegung von sieben Prozent einkalkuliert. Das ist aber zu einem Zeitpunkt geschehen, an dem wir davon ausgegangen sind, dass wir jetzt schon weitgehend aus den Beschränkungen draußen sind. Wir rechnen für heuer mit einem Defizit von 3,8 Millionen Euro.

ONETZ: Herr Oberbürgermeister Michael Cerny, wie geht es Ihnen damit, wenn sie jetzt schon wissen, dass auch in den nächsten Jahren ein Teil des Geldes der Stadt dafür ausgegeben werden muss, das Defizit des Klinikums auszugleichen? Zuletzt waren das über neun Millionen Euro für fünf Jahre.

Michael Cerny: Es sind zwei Ebenen. Das eine ist der Versorgungsauftrag für die Stadt und die Region. Da wissen wir, dass das Klinikum das mehr als hervorragend macht. Das zweite sind die Folgen für einen kommunalen Haushalt. Da wissen wir, dass das nicht lange gut geht, wenn diese Defizite so hoch sind. Die Stadt kann das nur vorübergehend stemmen. Der Defizitausgleich übersteigt irgendwann einmal das, was wir als Darlehen noch aufnehmen dürfen.

ONETZ: Das sagen Sie als Vorsitzender des Verwaltungsrats. Sehen das auch die Stadträte so?

Michael Cerny: Im Stadtrat ist eindeutig gesagt worden, dass wir zum Klinikum stehen und das auch bezahlen. Aber gleichzeitig gibt es in zweifacher Hinsicht einen klaren Auftrag. Wie können wir uns im Haus optimieren und nach oben klarmachen, dass das so nicht weitergehen kann? Ich rechne damit, dass spätestens in drei Jahren die kommunale Krankenhauslandschaft in einen riesigen Problembereich reinläuft, wenn der Gesetzgeber nichts ändert. Das wird schnell gehen. Schneller als die meisten denken.

ONETZ: Das hat aber nichts nur mit der Pandemie zu tun, das ist ein strukturelles Problem.

Michael Cerny: Das System ist jetzt sehr stark auf Fallzahlen ausgerichtet. Ein gutes Beispiel ist die Notfallversorgung. Da müssen wir rund um die Uhr Ärzte vorhalten. Egal, ob jetzt jemand kommt oder nicht. So etwas muss als Sockel in der Gänze einfach grundfinanziert werden. Wenn diese Fälle nicht kommen, und damit keine Einnahmen, ist es im Moment so, dass man sagt, das muss dann eben der kommunale Träger ausgleichen. Das ist der große Fehler, den ich momentan im System sehe.

ONETZ: Was kann das Klinikum selbst dagegen unternehmen?

Manfred Wendl: Die Entwicklung geht ja schon etwas weiter zurück als in den März vergangenen Jahres. Wir hatten bereits 2019 ein Defizit von 3,2 Millionen Euro. Da gibt es aus dem Stadtrat und von unserem Verwaltungsrat den klaren Auftrag, Konzepte zu entwickeln, wie wir Abläufe und Strukturen, die wir beeinflussen können, besser hinbekommen. Auf dieser Basis haben wir verschiedene Bereiche untersucht, wo wir kostentechnisch optimieren können. Bei den Einnahmen ist das aktuell natürlich sehr, sehr schwierig.

ONETZ: Folglich müssten Ausgaben gekürzt werden.

Manfred Wendl: Auch da haben wir verschiedene Bereiche untersucht. In einem Dienstleistungsbetrieb wie unserem Klinikum bilden die Personalausgaben den größten Kostenblock. Über 70 Prozent sind Personalausgaben.

ONETZ: Personal, das man jetzt aber auch nicht in Kurzarbeit schicken kann, um Geld zu sparen.

Manfred Wendl: Das gibt die Situation nicht her. Das wäre auch absolut unverständlich. Zudem benötigen wir alle Mitarbeiter gerade jetzt in der Pandemie für die Versorgung unserer Patienten.

ONETZ: Auch nicht in den Abteilungen und Bereichen, die jetzt nicht komplett ausgelastet sind? Wo eben wegen Covid gerade weniger zu tun ist?

Manfred Wendl: Wenn eine Abteilung im Normalfall zu 80 oder 85 Prozent belegt ist und jetzt sind es 60 bis 70 Prozent? Wir können auch in diesen Bereichen kein Personal einsparen und müssen rund um die Uhr den Assistenzarzt und den Oberarzt im Rufdienst vorhalten. Vielleicht wird er nicht ganz so oft geholt wie bei einer Vollbelegung. Aber wir können an diesen Stellen letztendlich nicht einsparen.

ONETZ: In anonymen Schreiben an die Redaktion haben Mitarbeiter davon berichtet, die Klinikumsleitung wolle einen Haustarif einführen.

Manfred Wendl: Wir haben auch Gespräche mit den Tarifvertragsparteien geführt, ob man gegebenenfalls einen Tarifvertrag Zukunftssicherung ins Auge fassen kann. Das haben wir aber momentan einheitlich im Verwaltungsrat zurückgestellt, weil das sicher keine Maßnahme ist, die man momentan diskutieren kann und sollte.

ONETZ: Wie dürfte man sich diesen Tarifvertrag Zukunftssicherung vorstellen?

Manfred Wendl: Es bestand bis Ende letzten Jahres ein Rahmentarifvertrag zwischen Verdi und den Kommunen, der wirtschaftlich notleidenden Unternehmen, insbesondere Krankenhäusern, für einen befristeten Zeitraum die Möglichkeit geboten hätte, zum Beispiel die Zuzahlung zur Altersversorgung zu reduzieren oder Gehaltserhöhungen später oder in geringerem Umfang umzusetzen.

ONETZ: Aber das ist komplett vom Tisch?

Manfred Wendl: Das ist aktuell vom Tisch.

ONETZ: Für wie lange können Sie garantieren, dass diese Idee nicht wieder auf den Tisch zurückkommt?

Manfred Wendl: So lange wir mit der Pandemie und den Folgen einer Pandemie zu kämpfen haben. So lange wollen wir ein solches Thema überhaupt nicht mehr diskutieren. Da sind wir uns mit dem Verwaltungsrat und dem Personalrat auch einig.

ONETZ: Und wenn die Pandemie vorbei ist, hat das Klinikum ohnehin wieder eine andere Ausgangssituation. Dann muss man sich vielleicht gar nicht mehr damit beschäftigen.

Manfred Wendl: Das hoffen wir natürlich.

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