12.07.2020 - 15:53 Uhr
AmbergOberpfalz

Skurriler Prozess in Amberg um unbelehrbaren 78-Jährigen

Eigentlich geht es vor dem Landgericht Amberg nur um Fahren ohne Führerschein. Die Verhandlung zieht sich aber über vier Prozesstage hin, weil der 78-jährige Angeklagte zur Corona-Risikogruppe gehört.

Symbolbild
von Autor HOUProfil

Gäbe es ein regionales Geschichtsbuch über die Justiz, müsste dieser Fall unbedingt geschildert werden. Denn eine Begebenheit, deren Verhandlung im Regelfall eine Stunde dauert, zog sich über vier Prozesstage lang vor dem Amberger Landgericht hin.

Es ging um Fahren ohne Führerschein. Ein oftmals zur Debatte stehendes Delikt. Mit den Besonderheiten jetzt: Der Angeklagte war 78 Jahre alt und er brachte nahezu drei Dutzend Vorstrafen mit. Das Schwandorfer Amtsgericht hatte ihn aus Gründen notorischer Unbelehrbarkeit fünf Monate hinter Gitter geschickt.

Der Berufungsprozess vor dem Amberger Landgericht begann im Mai. Dabei erfuhren die Richter: Der Rentner war auf einem Autobahnrastplatz nahe Schwandorf kontrolliert und ohne Führerschein erwischt worden. Am Auto hingen falsche Kennzeichen. Klare Sache eigentlich. Nur: Der Anwalt des eher schweigsamen Angeklagten forderte eine Aussetzung des Verfahrens, weil sein Mandant "zur Corona-Risikogruppe gehört".

Damit begann ein Schlagabtausch. Die Strafkammer wies den Anrag zurück, wurde abgelehnt und durfte mit Beschluss anderer Landrichter weitermachen. Zeugen und Sachverständige kamen, allein der Hausarzt des 78-Jährigen musste zwei Mal aussagen. Zäh und träge zog sich die Sache mit dem eigentlich geklärten Sachverhalt hin.

Zum vierten Prozesstag erschien der Mann nicht mehr. Sein Verteidiger legte zwei ärztliche Atteste vor. "Dann verhandeln wir eben bei ihm daheim", befand der Kammervorsitzende Peter Hollweck. Ging das ohne Beteiligung der Öffentlichkeit? Für den Fall des Interesses von Zuhörern wurde eine Prozessfortsetzung im Rathaus der Heimatgemeinde des 78-Jährigen organisiert. Man hätte ihn notfalls dorthin getragen.

Bevor es dazu kam, wurde der Landgerichtsarzt zu dem im Kreis Amberg-Sulzbach wohnenden Rentner geschickt. Und siehe da: Er attestierte Verhandlungsfähigkeit. Daraufhin erschien der Beschuldigte plötzlich im Amberger Sitzungssaal. Der Rest sah so aus: Statt erst fünf Monaten Haft gab es jetzt neun Monate zum Absitzen. Ob es dazu jemals kommt, muss abgewartet werden.

Die Vorgeschichte des Falls

Amberg
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