30.07.2021 - 10:36 Uhr
AmbergOberpfalz

Die Skepsis des Lesers

Unsere Berichterstattung sei oft nicht neutral und nicht ausgewogen, beklagt ein Leser. Er nennt "Beispiele, die nicht nur mir sauer aufstoßen".

Spurensicherer stehen vor einer Unterkunft für Geflüchtete in Greven im Münsterland. Hier wurde ein 35 Jahre alter Bewohner getötet, ein 43-Jähriger erlitt schwere Verletzungen, wie Staatsanwaltschaft und Polizei mitteilten. Der mutmaßliche Täter, ein 25 Jahre alter Afghane, war zunächst geflohen und später in einem angrenzenden Feld entdeckt und festgenommen worden.
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

In seinem gesamten Bekanntenkreis, in allen Vereinen, in denen er sei, würden die Leute nicht anders denken, teilte mir Leser Horst C. mit. Der Presse könne man nichts mehr glauben, das erzähle man sich dort. "Repräsentativ ist das nicht", sagt der Amberger, und doch, so nehme auch er an, sei dies wohl die Meinung "eines großen Teils der Menschen in unserem Land". Ob berechtigt oder unberechtigt, das sei mal dahingestellt. "Das, was ich immer wieder herausgehört habe", schreibt C., "ist eine vermeintlich einseitige Berichterstattung, auch im ,neuen Tag'. Auch ich habe da meine Probleme."

"In Ihrer Berichterstattung wird über die Probleme der AfD auf Landes- und Bundesebene ausführlich und fast täglich berichtet. Gut so!", stellt Horst C. fest. Warum aber schweige unsere Zeitung über die Probleme des Grünen-Landesverbandes Saarland? Dort gebe es in der Vorstandschaft Rücktritte, Parteiaustritte und Mobbing des männlichen Vorsitzenden durch weibliche Mitglieder. "Ist das nicht ein gefundenes Fressen für die neutrale Presse? Warum keine einzige Silbe darüber? Zufall? Na ja", so C.

Über unsere österreichischen Nachbarn hingegen werde "sehr fleißig" berichtet, er erinnere nur an Heinz-Christian Strache, "oder wenn die Identitären Österreichs vor Gericht stehen. Natürlich auch immer wieder, wenn ein Bundeskanzler Kurz fast strauchelt, weil er natürlich auch Mist macht. Gut so!"

Vergewaltigt und getötet

Warum jedoch, fährt der Leser aus Amberg fort, schweige ,Der neue Tag' "wieder einmal total" über ein "furchtbares Verbrechen" in Wien, wo afghanische Flüchtlinge eine 13-Jährige mit "Rauschgift vollgestopft", vergewaltigt und getötet hätten? In Greven seien ein Aserbeidschaner abgestochen und ein Deutscher schwer verletzt worden, in Munderkingen sei ein türkischstämmiger Arbeiter ebenso abgestochen worden, beide Morde habe jeweils ein afghanischer Flüchtling begangen.

"Natürlich kann die Zeitung nicht auf jedes Verbrechen eingehen. Meint man. Aber warum wird dann über jedes Verbrechen, das von rechtsextremen Dumpfbacken begangen wird, ausführlich berichtet?", fragt sich Horst C. in seiner Mail und führt ein letztes Beispiel an: In Göteborg seien in den vergangenen zehn Jahren ein Dutzend Schweden auf offener Straße erschossen worden, "weil sie zufällig zwischen rivalisierende arabische Banden geraten waren". Vor ein paar Tagen habe ein 18-jähriges Bandenmitglied einen schwedischen Polizisten erschossen. "Und in der gesamten deutschen Medienlandschaft - Schweigen", moniert C.

Der Amberger meint abschließend: "Das Ignorieren dieser kleinen Auswahl von Verbrechen stößt nicht nur mir sauer auf, sondern auch vielen meiner Bekannten, und es untergräbt das Vertrauen in die Zeitung und allgemein in die Medien. Ist die von mir vermutete und beschriebene Einseitigkeit vielleicht die Ursache?"

Ich antwortete Horst C. unter anderem: "Natürlich kann man täglich ausgiebig und kontrovers darüber diskutieren, worüber eine Zeitung berichten sollte. Die Kollegen tun das im Laufe eines Produktionstages ebenfalls. Zunächst ist mir dieser Hinweis wichtig: Seit langem liegt unser Schwerpunkt auf der lokalen und regionalen Berichterstattung. Warum? Weil es die ganz große Mehrheit der Leser so wünscht. Unser Mantelteil, da erzähle ich Ihnen ja nichts Neues, besteht, den Sport nicht mit einberechnet, aus zehn Seiten. Die erste ist das Titelblatt, es folgen in der Regel auf Seite 2 und 3 ,Themen des Tages' überwiegend mit Eigenproduktionen der Redaktion, Politik, Bayern/Oberpfalz, Wirtschaft, Kultur und Weltgeschehen. Wir betrachten unseren überregionalen Teil der Zeitung als eine Art ,Grundversorgung', diese Philosophie finde ich so im Großen und Ganzen okay, da ja heutzutage jeder Interessierte schier unbegrenzte Möglichkeiten hat, sich über die verschiedensten Kanäle umfassend zu informieren.

Zu viele "schlechte" Nachrichten

Für ,Weltgeschehen' reservieren wir täglich eine Seite, dort finden sich auch Ereignisse aus Deutschland wieder. Die Kollegen in der Zentralredaktion sagen: Das ist dann auch die einzige Seite, auf der wir von der oft bedrückenden Nachrichtenlage abweichen können und auch mal Themen größer fahren, die eher der Unterhaltung dienen. Auch dafür gibt es einen Grund: Immer wieder beklagen sich Leser bei mir, dass wir zu viele ,schlechte' Nachrichten im Blatt haben. Die dpa versorgt uns täglich mit jeder Menge Material, in dem es um Mord, Totschlag, Missbrauch oder Vergewaltigung geht. Diese Texte ignorieren wir oft und geben etwas ,leichteren' Themen den Vorzug. Bei all dem ist zu berücksichtigen: Unser Platz ist endlich, wir können nicht alles berichten, was in der Welt passiert.

Ich gebe Ihnen unumwunden recht: Über das Verbrechen in Wien hätte die Redaktion angesichts der Schwere dieser Tat und der Umstände jedoch zwingend berichten müssen. Warum sie es nicht getan hat, erschließt sich mir nicht. Ich würde durchaus von einem Versäumnis sprechen. Mit Verschweigen, das kann ich Ihnen versichern, hat das aber nichts zu tun.

Die Messerattacke von Greven war eine von 1103 dpa-Meldungen an diesem Tag, die uns erreicht haben. Ich habe in einer Statistik des Bundeskriminalamtes nachgesehen: Im Jahr 2019 beispielsweise gab es 2315 Tötungsdelikte (Mord, Totschlag und Tötung auf Verlangen). Das sind etwa 6 am Tag. Wie soll dies alles in einer Zeitung untergebracht werden? Interessiert ein Mord in Greven den Oberpfälzer Leser wirklich? Oder interessiert ihn dann doch mehr, was in seiner unmittelbaren und weiteren Umgebung, in seinem Lebensumfeld passiert? Ich bin mir sicher: Letzteres ist der Fall. Zur Tat in Munderkingen wurde uns von der dpa übrigens gar kein Artikel angeboten. Die Probleme der Grünen im Saarland sind aus Leserperspektive sehr, sehr weit weg. Die AfD auf Landesebene dagegen nicht.

Bei den Straftaten, die Sie anführen, fällt mir auf: Es geht wohl in erster Linie um die Täter, um Afghanen, Araber. Mir ist hier ebenfalls klar: Junge Männer mit ausländischer Herkunft fallen in Sachen Kriminalität durchaus auf, sie sind in den Statistiken "überrepräsentiert", wie Kriminologen sagen. Die Frage, die hier nicht außer Acht gelassen werden sollte, lautet: Warum ist das so? Ich denke: Der soziale Hintergrund spielt eine ganz entscheidende Rolle, die Nationalität ist es nicht. Die Gefahr, kriminell zu werden, ist größer bei denen, die in schwierigen Verhältnissen aufwachsen und leben. Menschen mit Migrationshintergrund wachsen besonders oft in solchen schwierigen Verhältnissen auf. Das entschuldigt beileibe nichts, doch es erklärt zumindest die Statistik.

Der Platz ist endlich

,Natürlich kann die Zeitung nicht auf jedes Verbrechen eingehen', schreiben Sie ja selbst. Wer besonders ausführlich informiert sein möchte, wird neben seiner Heimatzeitung das Internet als zusätzliche Informationsquelle nutzen. Wie gesagt, der Platz, der in der Zeitung zur Verfügung steht, ist endlich.

Wer in der Berichterstattung Mord und Totschlag (mit ausländischer Beteiligung) in den Vordergrund rückt und andere Themen vernachlässigt, dem könnte man dann auch vorwerfen, unausgewogen, nicht neutral und einseitig zu berichten."

Von Horst C. kam noch eine Reaktion auf meine Mail. Er schrieb: "Ich danke Ihnen ganz herzlich für Ihren umfangreichen und in den meisten Punkten überzeugenden Antwortbrief."

Oft ist die Gewichtung der Inhalte auch intern ein Streitthema

Deutschland und die Welt

 

 

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