12.08.2021 - 13:59 Uhr
AmbergOberpfalz

"Schizophrenie ist eine Krankheit, die jeden treffen kann"

Für die vierte Folge des True-Crime-Podcasts "Tödliche Oberpfalz" ordnet der forensische Psychiater Thomas Lippert den sogenannten "Amberger Samuraischwert-Mord" ein. Im Interview spricht er über die Krankheit paranoide Schizophrenie.

Die Hintergründe zur vierten Folge unseres True-Crime-Podcasts.
von Vanessa Lutz Kontakt Profil

Ein junger Mann, der im Wahn handelte, tötete im Oktober 2004 einen 50-jährigen Waffenhändler brutal und vor den Augen mehrerer Zeugen mit einem Samuraischwert - denn er dachte, er würde den Teufel vor sich sehen. Beim sogenannten Amberger "Samuraischwert-Mord" war der forensische Psychiater Thomas Lippert als Gutachter tätig. Im Interview ordnet er noch einmal den Fall ein und spricht über die Krankheit paranoide Schizophrenie.

ONETZ: Herr Lippert, können Sie kurz erklären, worum es sich genau beim Krankheitsbild der paranoiden Schizophrenie handelt?

Thomas Lippert: Typisch für die paranoid-halluzinatorische Form ist, dass sie in Phasen verläuft. Das war wohl auch im konkreten Fall des sogenannten Amberger Samuraischwert-Mordes so, dass der Täter in der Vergangenheit schon mehrere Phasen gehabt hat. Er war mehrfach in stationärer Behandlung, weil er durch nicht nachvollziehbares Verhalten aufgefallen ist. Die paranoide Schizophrenie hat aber auch die günstige Seite, dass sie sich relativ häufig wieder zurückbilden kann im Vergleich zu anderen Formen, die eher schleichend verlaufen. Die paranoid-halluzinatorische Form der Schizophrenie ist die, die eigentlich am leichtesten von Ärzten diagnostiziert und behandelt werden kann - und die auch den Außenstehenden am ehesten auffällt.

ONETZ: Wie hoch ist das Risiko, an einer Schizophrenie zu erkranken? Und ist der Verlauf dabei immer schwer?

Thomas Lippert: Das Lebenszeit-Risiko, an Schizophrenie zu erkranken, liegt im Bereich von 0,5 bis 1 Prozent. Einer von Hundert erkrankt also einmal in seinem Leben an Schizophrenie. Es ist also keine so seltene Erkrankung, wie man vielleicht allgemein meint, wobei die Verläufe aber ganz unterschiedlich sind. Es gibt ganz schwere Verläufe, in denen manche bereits nach dem ersten Schub auf Pflege angewiesen sind. Es gibt mittelschwere Verläufe, so dass manche nicht mehr in anspruchsvollen Berufen arbeiten können. Es gibt aber auch günstige Verläufe, in denen die Erkrankung nur einmal auftritt, der Erkrankte aber schon noch in der Lage ist, seinen Beruf auszuüben und seine Familie zu versorgen. Wichtig ist somit also auch, diese Krankheit zu enttabuisieren.

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ONETZ: Wie genau läuft die Beurteilung eines Täters in Ihrem Berufsalltag ab? Erinnern Sie sich da speziell noch an den Amberger Fall?

Thomas Lippert: Bei schweren Delikten, also bei Tötungsdelikten, wird man als Sachverständiger gelegentlich - und in Amberg war das so ein Fall - unmittelbar nach der Tat hinzugezogen. Denn da geht es um die Frage: Muss der Täter in Untersuchungshaft oder muss er sofort in einer Psychiatrie untergebracht werden? Wenn man jemanden in einem solch akuten Zustandsbild sieht, hat man in der Regel mehr Symptome vorliegen und kann das somit leichter beurteilen. Es gibt aber natürlich auch Fälle, in denen die Erkrankung sich erst später zeigt, zum Beispiel in der Untersuchungshaft. Deshalb ist es in der Regel so, dass man den mutmaßlichen Täter vier bis sechs Wochen nach Verlegung in die Untersuchungshaft sieht. Früher war das oft noch später gewesen. Ein Problem ist aber natürlich, dass nicht jeder psychotisch Erkrankte über seine Leiden spricht. Ein Beschuldigter ist außerdem nicht verpflichtet, mit dem Sachverständigen zusammen zu arbeiten. Da muss mit der Umgebung, mit den Angehörigen gesprochen werden, was ihnen aufgefallen ist. Da muss das praktisch indirekt ermittelt werden.

ONETZ: Gab es in Ihrem Berufsleben auch brenzlige Situationen? Sie arbeiten ja mit Straftätern und mit Erkrankten. Gab es Momente, in denen Sie Angst hatten?

Thomas Lippert: Man muss natürlich schon vorsichtig sein. Es gibt Fälle, in denen Sachverständige von Menschen, die sie begutachtet haben, angegriffen worden sind. Mir sind zwei, drei Todesfälle bekannt. In der Regel wird man solch eine Untersuchung aber nicht allein machen - Polizeibeamte sind da zumindest auf Abruf erreichbar, so dass sie schnell eingreifen könnten.

ONETZ: Ist denn eine Entlassung in solchen Fällen überhaupt möglich? Und wenn ja, wie läuft das ab?

Thomas Lippert: Wenn jemand in der Psychiatrie aufgenommen wird, dann muss derjenige regelmäßig nachbegutachtet werden. Auch das machen wir in meiner Praxis. Das heißt, am Anfang alle drei Jahre, später dann alle zwei Jahre. Der Gutachter soll so feststellen, ob eine fortwährende Gefährlichkeit besteht oder ob jemand soweit ist, dass eine Entlassung möglich ist. Wir haben mit solchen Patienten also auch nach der Verurteilung als Sachverständige zu tun. Wenn die Erkrankung nicht mehr nachweisbar ist, muss die Person entlassen werden - aber es besteht natürlich nach wie vor ein gewisses Restrisiko, dass die Krankheit wiederkommt. Deshalb wird es so gehandhabt, dass, wenn jemand aus der Unterbringung entlassen wird, weitere fünf Jahre Führungsaufsicht bestehen. Die Person ist also angebunden an die Klinikambulanz und wird von einem Bewährungshelfer betreut. Hier ist dann die Hauptaufgabe zu schauen, ob die Person stabil ist oder es Hinweise gibt, dass man wieder eingreifen muss. Es gibt auch eine sogenannte Krisenintervention. Das heißt, wenn jemand schon zur Bewährung entlassen worden ist, kann man die Unterbringung wieder für drei bis sechs Monate in Vollzug setzen. Endgültig aufgehoben wird die Unterbringung in der Regel erst fünf Jahre nach Entlassung aus der Klinik.

ONETZ: In wie weit spielt Drogenkonsum bei der Entwicklung einer paranoiden Schizophrenie eine Rolle? Auch im Fall des Amberger Täters hat dieser nachweislich verstärkt Drogen konsumiert.

Thomas Lippert: Das ist kompliziert. Es gibt sogenannte Drogen-Psychosen, die allerdings nichts mit einer Schizophrenie zu tun haben. Die sind relativ kurzdauernd und treten zum Beispiel bei Crystal Meth auf, wenn jemand längere Zeit nicht geschlafen hat. Das bildet sich auch meistens wieder zurück. Drogenkonsum löst möglicherweise die Psychose aus - aber man weiß nicht, ob sich ohne Konsum die Psychose nicht vielleicht ebenfalls ausgebildet hätte. Es gibt aber jede Menge Fälle, in denen jemand nie Drogen konsumiert hat und trotzdem psychotisch erkrankt ist. Ich denke, es ist eine komplexe Wechselwirkung.

ONETZ: Der Täter in Amberg handelte quasi in einem religiösen Wahn, sah sich selbst als Erzengel Gabriel, der die Welt vom Teufel befreien muss. Inwieweit spielen religiöse Motive in das Krankheitsbild mit hinein?

Thomas Lippert: Über die Jahrhunderte haben sich die Motive verändert. Schauen Sie: Vor circa 200 Jahren, als sich die Menschen noch intensiv mit Religion beschäftigt haben, waren Themen, wie: "Ich bin die Jungfrau Maria" relativ häufiger als sie jetzt sind. Aber es gibt noch immer relativ viele Betroffene, die einen religiösen Wahninhalt haben. Momentan bemerkt man allerdings viele modernere Motive, wie Strahlung, Geheimdienste, Handychips. Die Wahninhalte passen sich an den jeweiligen Zeitgeist an. Dennoch, ja, ist Religion ein häufiges Thema.

In Folge 3 ging es um ein Familiendrama auf einem Hof in der Oberpfalz

Oberpfalz
Hintergrund:

Der Amberger "Samuraischwert-Fall"

Am 11. Oktober 2004 gegen 9.45 Uhr geht ein junger Mann in ein Amberger Waffengeschäft, direkt in der Innenstadt gelegen, sucht sich ein Samuraischwert aus der Schaufensterauslage aus, bezahlt - und sieht plötzlich in dem Verkäufer den leibhaftigen Teufel vor sich stehen. Er, der sich als Erzengel Gabriel sieht, richtet den 50-jährigen Familienvater im Wahn mit mehreren Schwerthieben und -stichen hin. Das Opfer flieht schwerverletzt in einen Haushaltswarenladen nebenan, doch der Täter fixiert nur ihn und tötet den 50-Jährigen vor den Augen vieler unbeteiligter Zeugen, die nichts tun konnten, als dem Blutbad zuzuschauen. Die Polizei trifft nur wenige Minuten später am Tatort ein. Schnell wird klar, dass der junge Mann an einer psychischen Krankheit leidet - nämlich an paranoider Schizophrenie. Das erkennt der forensische Psychiater Thomas Lippert, der sofort für ein Erstgespräch mit dem Täter an den Ort des Geschehens gerufen wird. Lippert erstellt später ebenfalls das Gutachten, auf welches sich das spätere Gerichtsurteil gegen den Täter stützt. Denn der Täter kommt nicht in Haft, sondern in Sicherungsverwahrung.

Folge 4 des True-Crime-Podcasts "Tödliche Oberpfalz" ordnet das Geschehen an jenem Oktobertag und das Krankheitsbild "paranoide Schizophrenie" ein. Gäste sind der Journalist Wolfgang Houschka, Fotograf und Online-Redakteur Alexander Unger und Thomas Lippert selbst.

Info:

Opfer- und Täterschutz

Es ist uns wichtig, die Opfer, Angehörigen und Zeugen sowie die Täter zu schützen. Deshalb werden wir bei diesem Fall die ganzen Namen der Beteiligten nicht nennen. Wir bitten unsere Hörer und Mitglieder der Facebook-Gruppe "Tödliche Oberpfalz" deshalb, den Opfer- und Täterschutz zu respektieren.

Falls ihr uns anonym etwas mitteilen wollt, könnt ihr dazu gerne unsere E-Mail-Adresse nutzen: ToedlicheOberpfalz[at]oberpfalzmedien[dot]de

 

 

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