12.07.2020 - 12:20 Uhr
AmbergOberpfalz

Nach Raigeringer Jahrhundert-Hochwasser: "Ich bin heim und habe erst mal geheult"

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Der Raigeringer Pandurenpark feiert Zehnjähriges. 2010 wurde er mit einer Festwoche eröffnet. In Erinnerung geblieben ist aber vor allem ein Tag acht Jahr zuvor. Wenn man so will, war der 28. August 2002 die Geburtsstunde des Sportzentrums.

Die Raigeringer Dorfmitte am 28. August 2002: Die Einheimischen stehen im knöcheltiefen Wasser. An anderen Stellen ist es teilweise noch dramatischer.
von Thomas Kosarew Kontakt Profil

Wann immer über dem Amberger Stadtteil Raigering dunkle Wolken aufzogen und sich ein Gewitter ankündigte, wussten die Bewohner, was ihnen bevorsteht: Der Krumbach und der Brüllbach neigten dann dazu, in Sekundenschnelle über die Ufer zu treten. "Hochwasser und daraus resultierende Schäden hat es immer wieder mal gegeben. Aber nicht in dieser Dimension", erinnert sich Richard Lengfelder, der zwar im Dreifaltigkeitsviertel aufgewachsen, aber im Herzen ein Raigeringer ist. Mit 20 Jahren war der heute 70-Jährige vom 1.FC Amberg zum SV Raigering gewechselt - und er ist geblieben. Von der F-Jugend bis zur Reserve und den Alten Herren - im Laufe seiner Karriere trainierte Lengfelder, der am Büchsenham wohnt, alle Fußballmannschaften in allen Altersklassen, die es beim SV Raigering gibt. Zudem war er Spartenleiter und Mitglied des Vorstands. Somit war es nicht weiter verwunderlich, dass Vereinsvorsitzender Rudi Pirzer ausgerechnet ihn aufsuchte, als er im Jahr 2000 eine dringende persönliche Bitte hatte: "Rudi war schon acht Jahre Vorsitzender und hat gesagt, dass er mal eine Pause braucht. Er hat mich gefragt, ob ich für zwei Jahre einspringen könnte."

Niemand wollte den Vorsitz

Gefragt, getan. Von Januar 2000 bis Januar 2002 führte Lengfelder den Verein, als Rudi Pirzer plötzlich erneut in der Tür stand und sagte: "Ich bin noch nicht so weit." Mit anderen Worten: Lengfelder und seine beiden mittlerweile verstorbenen Stellvertreter Martin Platzer und Klaus Hofmann sollten noch zwei Jahre dranhängen. Doch das war so nicht ausgemacht. Lengfelder blickt zurück: "Wir drei haben gesagt, wir wollen auch nicht mehr."

Bei der Generalversammlung im Januar 2002 fand sich niemand, der den Vorstandsposten übernehmen wollte. Zwei Monate später bei einem neuerlichen Versuch dasselbe Ergebnis: "Keiner. Nix. Gar nix." Richard Lengfelder verdeutlich mit dem Abstand von 18 Jahren das Ausmaß dieser Situation: "Der SVR hätte zumachen können." Doch so weit wollten es Lengfelder, Platzer und Hofmann nicht kommen lassen. Nicht wissend, dass im August ein verheerendes Unwetter den Verein in seinen Grundfesten erschüttern wird, sagten sie zu: "Wir haben uns noch mal wählen lassen."

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Wie im Katastrophenfilm

Zu dieser Zeit war laut Richard Lengfelder ein Umzug des Vereins immer wieder mal Thema: "Rudi Pirzer hat immer schon nach einem neuen Gelände gesucht, aber nichts gekriegt." Bei einer Mitgliederversammlung verkündete Richard Lengfelder, dass es Gespräche mit der Stadt Amberg gegeben habe und ein Kostenvoranschlag vorliege: 3,3 Millionen Euro. Lengfelder: "Wir haben den Mitgliedern erklärt, dass das nicht geht. Wir können das nicht stemmen. Wir haben uns von dem Vorhaben verabschiedet, dass wir jemals ein neues Gelände bekommen." Doch dann kam der besagte 28. August 2002. Ein Mittwoch, den in Raigering so schnell keiner vergessen wird. Der Himmel verfinsterte sich in einer vorher nur selten erlebten Schnelligkeit, Donner hallten unaufhörlich und Blitze zuckten um die Wette - eine Szenerie wie in einem Katastrophenfilm aus Hollywood. Ehe sich die Raigeringer versahen, stand ihr Stadtteil unter Wasser. Richard Lengfelder kann es jetzt ja erzählen: "Ich war noch in der Stadt unterwegs, als mich meine Tochter Daniela anrief und sagte, dass ich unbedingt ins Sportheim kommen soll."

Vor Ort traute der damals 52-Jährige seinen Augen nicht: "Die Autos, die da geparkt waren, sind mir entgegen geschwommen. Das Wasser hat die Türen und Fenster im Sportheim einfach durchgedrückt. Es war ein reißender Fluss. Ich habe das nicht für möglich gehalten, aber die Tribüne war ein einziger Wasserfall, zentnerschwere Betonklötze sind einfach weggeschwommen."

"Alles war kaputt"

Erst am nächsten Morgen sei das Ausmaß der Katastrophe erst so richtig deutlich geworden: "Alles war kaputt. Ich bin heim und habe erst mal geheult. Ich habe mir gedacht: Aus der Sache kommen wir nie wieder raus. Der Verein ist ein Totalschaden." Lengfelder, der zu dieser Zeit bei der AOK beschäftigt war, bezeichnet sich selbst als Schreibtischtäter und Redner, der handwerklich "völlig unbegabt" sei. Deswegen sei er im August 2002 kurz vor dem Verzweifeln gewesen. Doch dann kam die nächste Welle, die der Hilfsbereitschaft. Erich Lobenhofer, damals Leiter der Stadt-Redaktion der Amberger Zeitung, sei einer der Ersten gewesen, die sich gemeldet haben. Sinngemäß habe der Mann von der Zeitung gesagt: "Wie kann ich dir helfen?" Das Ergebnis war eine Spendenaktion, bei der 15 000 Euro zusammenkamen. Insgesamt erhielt der SVR in den Tagen und Wochen nach dem Jahrhundertereignis um die 70 000 Euro an Zuwendungen - davon 20 000 Euro vom Deutschen Fußball-Bund. "Die Welle der Hilfsbereitschaft war brutal." Selbst der Dauerkonkurrent FC Amberg habe sich an einer Benefizaktion hiesiger Sportvereine beteiligt. Insgesamt sei dem SV Raigering damals ein Schaden von über 100 000 Euro entstanden. Was Lengfelder damals ebenfalls schwer beeindruckte: "Viele Raigeringer haben bei den Aufräumarbeiten geholfen. Die Leute haben gearbeitet wie die Schweine. Vom Schüler bis zum Rentner. Das war brutal."

Zum Bericht über die Eröffnung des Pandurenparks

Ohne Pirzer kein Pandurenpark

Selbst damals sei an den Panduren-Park nicht zu denken gewesen: "Das kam dann erst alles durch den Hochwasserschutz zustande." Der Vorsitzende hieß dann wieder Rudi Pirzer. Er kehrte 2004 an die Vereinsspitze zurück. Richard Lengfelder weiß das in vielerlei Hinsicht zu schätzen: "Rudi war vor mir acht Jahre Vorsitzender und acht Jahre nach mir. Ohne ihn würde es den Pandurenpark so nicht geben."

Richard Lengfelder war im August 2002 Vorsitzender des SV Raigering. Hier zeigt er am Sportheim, wie hoch sich Wasser und Schlamm aufbauten.
Das Wasser reißt die Tribünen-Teile einfach so auseinander.
Der Sportplatz war nach dem Unwetter nicht mehr zu gebrauchen.
Längst hat Richard Lengfelder wieder gut lachen.

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