27.04.2021 - 17:18 Uhr
AmbergOberpfalz

Prozess um Stich-Attacke in Amberg

Fest steht: Das Opfer trug eine Stichverletzung im Brustbereich davon und musste eiligst operiert werden. Wie die Verletzung zustande kam, darüber gibt es vor dem Amberger Landgericht völlig unterschiedliche Angaben.

Vor dem Landgericht Amberg wird eine Messerstecherei aufgerollt, die sich im Mai 2020 im Amberger Dreifaltigkeitsviertel ereignet hat.
von Autor HWOProfil

Schwierige Aufgabe für die neue Landgerichtsvizepräsidentin Jutta Schmiedel: Bei einem Prozess vor der von ihr geführten Ersten Strafkammer soll sie die Hintergründe einer mutmaßlichen Messerstecherei in Amberg klären. Sie tut das zwar sehr engagiert, stößt aber dort an Grenzen, wo sich in den Aussagen des Opfers (41) und des mutmaßlichen Täters (46) zwei grundsätzlich verschiedene Versionen ergeben.

Die Männer kannten sich. Sie lebten im Mai letzten Jahres nicht weit voneinander entfernt. Der 41-Jährige im Obdachlosenheim, der 46-Jährige in einem Wohnhaus. Beide Gebäude stehen im Dreifaltigkeitsviertel, wo sich am Nachmittag des Samstags, 30. Mai 2020, eine verhängnisvolle Begegnung zwischen beiden anbahnte. Sie geschah auf einem schmalen Fußgängerpfad, der in den Mosacherweg mündet.

Zum Prozessauftakt schilderte der Angeklagte seine Version des Ablaufs, unterstützt dabei von Anwältin Selina Riemer. Er schilderte, dass der 41-Jährige immer mal wieder bei ihm aufgetaucht sei und Schmerzmittel haben wollte. "Ich hätte nichts mit ihm anfangen sollen", hörte die Strafkammer. In der Folge sei es auch zu Bedrohungen gekommen. Ein ungutes Verhältnis, das sich wohl zuspitzte.

Am 30. Mai 2020 hatte der 46-Jährige eine Doppelschicht hinter sich. Er ging zu Fuß von der Arbeit heim und wurde, seinen Angaben zufolge, unweit des Mosacherwegs von dem auf einem Fahrrad daher kommenden 41-Jährigen angegriffen. Dabei sei es zu einem Gerangel gekommen, bei dem sein Widersacher schon nach kurzer Zeit von sich gegeben habe: "Du hast mich gestochen."

Tatsache ist in diesem Prozess: Der 41-Jährige hatte eine Stichverletzung. Ein spitzer Gegenstand, vermutlich ein Messer, war in seinen Körper eingedrungen und hatte den Brustkorb geöffnet. Die knapp dahinterliegende Lunge wurde allerdings nicht erwischt. Dennoch: Im Krankenhaus war später Eile geboten, da Luft in den sogenannten Thorax eindrang.

"Ich habe nicht gestochen, ich hatte auch kein Messer", behauptete der Beschuldigte nun. Wie es zu der Blessur kam, die im Klinikum eiligst genäht werden musste, konnte er sich nicht erklären. Diese Aussagen blieben vorerst so stehen, bis das Opfer gehört wurde. Ab dann bekam die Strafkammer eine völlig andere Schilderung.

Der 41-Jährige erzählte den Richtern, dass er als Lieferant von Schmerzmitteln und Marihuana dem ihm bekannten 46-Jährigen hätte dienen sollen. Dann sei es zu der eher zufälligen Begegnung unweit des Mosacherwegs gekommen - mit einer Reihe sich überstürzender Folgen: Erst sei er regelrecht von seinem Fahrrad getreten worden, dann habe es einen kurzen Kampf gegeben. "Ich sah einen blitzenden Gegenstand in seiner Hand", machte der 41-Jährige deutlich. Gleich darauf "kam der Stich".

Ein Messer wurde später am Tatort nicht gefunden. Im Gerichtssaal erhob sich nun die Frage: Hatte eine Schlüsselkette, mit der sich das Opfer wehrte, etwas mit der Stichverletzung zu tun? An dieser langen Metallkette hing neben anderen kleinen Werkzeugen auch ein Messer im Mini-Format. "Es könnten auch zwei gewesen sein", machte der 41-Jährige deutlich. Tatsache ist auch hier: An der dem Gericht als Beweismittel zur Verfügung stehenden Kette befindet sich nur ein Messer, dessen kleine Klinge man erst hätte aufklappen müssen. Blutspuren daran sind nicht vorhanden.

Die Ermittlungen wurden von der Staatsanwaltschaft mit großem Aufwand betrieben. Sie beauftragte drei Gutachter und nahm den nach der Tat zunächst geflüchteten 46-Jährigen ("Ich hatte Angst") über Monate hinweg in U-Haft. Interessant ist, dass vom Opfer zunächst keine Angaben kamen. Später schickte der 41-Jährige dem mutmaßlichen Täter die SMS-Botschaft: "Wenn die Verhandlung vorbei ist, regeln wir das im Kampf von Mann zu Mann". Davor warnte ihn Richterin Schmiedel mit Nachdruck. Der Prozess wird fortgesetzt.

Onetz-Bericht kurz nach der Tat

Amberg

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.