21.08.2020 - 15:16 Uhr
AmbergOberpfalz

Problematische Straßennamen: Aufarbeiten statt umbenennen

In vielen Städten Deutschlands sind sie immer mal wieder Thema: Straßennamen, die historisch umstrittene Personen ehren. In Amberg will man sich mit diesen Namen künftig gezielt auseinandersetzen. Eine Umbenenung ist das letzte Mittel.

Die Sebastian-Regler-Straße in Amberg: Der Stadtrat diskutiert, wie man künftig mit problematischen Straßennamen umgehen will.
von Andrea Mußemann Kontakt Profil

Zuletzt gab es im Januar wegen problematischer Straßennamen Wirbel in München, wo eine Liste von 40 Namen im dortigen Stadtrat zur Diskussion stand. Hindenburgplatz, Dr.-Filchner-Straße, Sven-Hedin-Straße, Graf-Luckner-Straße oder Sebastian-Regler-Straße - das sind Beispiele für problematische Straßennamen, die derzeit in Amberg diskutiert werden. Die zentrale Frage dabei ist: Dürfen Straßennamen Personen oder Ereignisse würdigen, denen aus heutiger Sicht Einstellungen und Haltungen zugesprochen werden, die heute nicht mehr akzeptabel sind? Die Stadtverwaltung hat dazu einen Lösungsansatz erarbeitet: Sie schlug vor, eine Kommission zu gründen, die generelle Richtlinien für den Umgang mit Anträgen zur Benennung oder Umbenennung von Straßen und Plätzen erarbeitet. Die Mitglieder des Ferienausschusses, in dem die Idee zu dieser Arbeitsgruppe vorgestellt wurde, entschieden sich am Donnerstag zunächst einmal dagegen. Stattdessen soll der ÖDP-Antrag als eine Art Leitlinie bis September fungieren, bis das Thema erneut mit allen Stadträten diskutiert werden kann. "Wir haben bei diesem Thema keinen Zeitdruck und ja, wir haben genug anderes zu tun", sagte Oberbürgermeister Michael Cerny.

Matthias Schöberl (CSU), selbst Historiker, meinte die Problematik darin erkannt zu haben, dass es eine Diskrepanz gebe zwischen den Menschen, die in den Straßen wohnen und ihre persönlichen Erlebnisse mit dem Namen verbinden, "und dem, was vielleicht mal Intention bei der Namensgebung war und was noch alles darin stecken könnte". Doch er bezweifelte, dass eine Kommission eine grundsätzliche Lösung für das Problem herbeiführen kann. "Sie würde vielleicht eine scheinbare Sicherheit geben, aber Geschichte ist keine exakte Wissenschaft. Sie hat sehr viel damit zu tun, wie die Leute jetzt darüber urteilen, was man früher so getan hat." Viele Leute würden gar nicht wissen, was diese Menschen hinter den Straßennamen überhaupt getan haben. Deshalb würde er eine Auseinandersetzung damit viel wichtiger finden. "Die Kommission wird uns nicht weiterbringen." Auch Emilia Leithäuser (FDP) war der Meinung, dass Hinweise auf die Tätigkeiten der Personen wichtiger wären, als Straßen umzubenennen. "Wir können unsere Geschichte nicht leugnen." Helmut Wilhelm (Grüne) befürwortete die Kommission. "Sie könnte sich im Vorfeld mit Straßennamen befassen." Birgit Fruth (SPD) war es ein Anliegen, sich besonders mit dem Hindenburgplatz zu beschäftigen. Sie sprach sich dafür aus, zumindest diesen Namen zu wechseln. "Dort wohnt niemand, keiner muss seine Adresse ändern. Das macht keinen Aufwand."

ÖDP-Stadtrat Klaus Mrasek sieht keine Notwendigkeit in Umbennungen. Er nannte als Beispiel die Johannes-Stark-Straße, die 2008 vom damaligen Stadtrat umbenannt wurde (heute Heinrich-Hertz-Straße). Johannes Stark sei als Mensch völlig inakzeptabel gewesen, weil er ein rassistisches Menschenbild hatte. "Davon distanzieren wir uns, wenn wir das dokumentieren. Das ist die Zielrichtung, die wir mit unserem Antrag forcieren." Laut ÖDP-Antrag soll festgestellt werden, welche Namen „durch ihr Wirken eine Gesinnung zum Ausdruck brachten, die den Werten unseres Grundgesetzes zutiefst widerspricht“. In einem zweiten Schritt könnten die dazugehörigen Straßenschilder durch kritische Anmerkungen ergänzt werden. Denkbar seien Zusatzschilder oder QR-Codes. Straßenumbenennungen seien laut Antrag nur als letzte Variante in Erwägung zu ziehen. "Vielmehr sollten Erläuterungen an Straßenschildern angebracht werden, um so eine kritische Erinnerungskultur bzw. Geschichtsbewusstseins ins Gedächtnis zu bringen."

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