08.02.2021 - 15:43 Uhr
AmbergOberpfalz

"Zur Nähe in der Pflege gibt es keine Alternative"

"Mangelnde Hygiene" in Heimen hätte zu hohen Infektionszahlen und vielen Todesfällen geführt, beklagt der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz. Mit Wolfgang Rattai widerspricht ein Amberger Heimleiter dieser Aussage vehement.

Ein Pfleger drückt die Hand eines pflegebedürftigen Menschen. Nähe ist in der Pflege unabdingbar. "Dazu gibt es keine Alternative", sagt Wolfgang Rattai, der das Marienheim der Caritas in Amberg leitet.
von Kristina Sandig Kontakt Profil

In Punkto Hygiene seien die Standards in den stationären Einrichtungen schon immer sehr hoch gewesen, führt Wolfgang Rattai aus. Der Heimleiter des Marienheims, der zugleich im Vorstand des Caritas-Kreisverbands für die Pflegeheime zuständig ist, weist auf gesetzliche Vorgaben und Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts hin. Das sei auch vor Corona schon so gewesen. In der Pandemie seien die Vorschriften verschärft worden. So seien FFP2-Masken seit kurzem verpflichtend bei Patientenkontakt. Dabei seien sie nur getragen worden bei bestätigten Coronainfektionen und Verdachtsfällen.

Die Kritik von Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, kann Rattai nicht nachvollziehen. Brysch hatte beklagt, die vielen Infektionen und die hohen Todesraten unter den 900 000 Heimbewohnern in Deutschland seien vor allem auf mangelnde Hygiene zurückzuführen. Über diese Aussage habe er sich sehr geärgert, gesteht der Marienheim-Leiter. Die wegen Corona verschärften Hygienevorgaben bedeuten seinen Angaben nach einen höheren Aufwand. „Die Mitarbeiter sind sensibilisiert und halten sich strikt dran“, so Rattai. Jeder in der Pflege wolle das hochansteckende Virus aus den Einrichtungen draußen halten. „In allen Heimen ist das Verantwortungsbewusstsein sehr hoch“, verdeutlicht Rattai. Das wüssten auch die Bewohner sehr zu schätzen.

Umsichtiges Verhalten

Rattai berichtet, wie umsichtig sich das Personal verhalte. Viele Mitarbeiter verzichteten freiwillig auf Kontakte, seien im Sommer nicht in den Urlaub gefahren. Rattai verhehlt nicht, dass die Beschäftigten gleichsam in Sorge sind. Sie wollen keinesfalls als „nicht erkannte Infizierte“ das Virus zur Arbeit mitbringen. Und auch sie wollen nicht an Covid-19 erkranken.

Wolfgang Rattai sieht ein grundsätzliches Problem von Gemeinschaftsunterkünften: Dort spielt Nähe eine große Rolle, Distanz ist kaum möglich. Das gilt insbesondere auch für die Pflege. „Man kann nicht in einem Abstand von 1,50 Metern einen Menschen pflegen“, sagt der Heimleiter. „Zur Nähe in der Pflege gibt es keine Alternative.“

Eine pauschale Anschuldigung durch Deutschlands obersten Patientenschützer ist für Rattai nicht zielführend. Wann immer es im Verlauf der Pandemie neue Erkenntnisse gegeben habe, sei nachgesteuert worden, seien Hygienekonzepte angepasst und verschärft worden. Im ersten Lockdown im Frühjahr 2020 herrschte sechs Wochen lang ein Besuchsverbot in den Heimen; erst zum Muttertag wurde es gelockert. Rattai erwähnt die Hygienekonzepte, die man erstellen musste – „ quasi über Nacht, und die schneidet man sich nicht so einfach aus den Rippen“. Man habe das aber gut hinbekommen, bilanziert er.

Schauen, was leistbar ist

Patientenschützer Brysch hatte kritisiert, dass es weiterhin keine verpflichtenden Tests vor jedem Dienstbeginn und Besuch gebe. „Gut, dass wir die haben“, sagt Rattai über die Schnelltests. Für ihn sind sie ein weiterer Baustein, um Infektionen zu verhindern. „Man muss aber auch schauen, was leistbar ist.“ Rattai findet Bryschs Äußerungen demotivierend für die Mitarbeiter. Einige hätten sich sehr darüber aufgeregt. „So eine Pauschalierung ist nicht in Ordnung“, macht der Heimleiter seinem Ärger Luft. Alles, was im Heim gemacht werde, sei Stand der Wissenschaft und der Technik, betont Rattai. Im übrigen habe man schon vor Corona für den bestmöglichen Schutz der Bewohner gesorgt. Infektionen habe es nämlich bereits vor der Pandemie schon gegeben. Als Beispiele nennt Rattai Norovirus und Grippe. Für Betagte, die in einer schlechten körperlichen Verfassung sind, könne auch das gefährlich sein. „Mit der Bedrohung durch Infektionen haben wir schon immer umgehen müssen.“

Sehr innovativ unterwegs

Rattai erzählt vom guten Miteinander von Bewohnern, deren Angehörigen und dem Personal und davon, dass man stets bestrebt sei, Kontakte zu vermeiden. Um die Senioren nicht komplett zu isolieren, lasse man die Wohngruppen beieinander. Im Advent war sogar der Nikolaus da: Der Heilige stand im Innenhof, die Senioren guckten von ihren Balkonen aus zu. „Da sind einfach Ideen und Konzepte gefragt, um irgendwie eine Art des normalen Lebens weiterhin zu ermöglichen.“ Diesbezüglich sei man sehr innovativ unterwegs.

Rattai erinnert sich, dass viele Bewohner den ersten und wegen des Besuchsverbots harten Lockdown im Frühjahr 2020 als gar nicht so einschneidend empfunden hätten. „Mei, das ist halt so. Wir sind ja immer noch als Gruppe beisammen“, hätten sie gesagt. Im Laufe des Jahres sei die Situation für die Menschen im Seniorenheim schwieriger geworden. Sie durften zwar wieder Besuch bekommen, „aber vieles war nicht wie früher“, schildert Wolfgang Rattai die Gefühlswelt der Heimbewohner.

Impfstart im Marienheim der Caritas

Amberg
Wolfgang Rattai, Heimleiter des Caritas-Marienheims in Amberg, wehrt sich gegen den pauschalen Vorwurf, mangelnde Hygiene hätte zu hohen Infektionszahlen und vielen Todesfällen in Seniorenheimen geführt.

 

 

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