09.07.2021 - 00:05 Uhr
AmbergOberpfalz

Meister und Ingenieur: Vertraut mit dem Besten aus zwei Welten

Michael Hebauer tritt als Kaminkehrer in die Fußstapfen seines Vaters, als Profi für Umwelttechnik geht er dabei auch seine eigenen Wege

Besenübergabe: Zum Jahreswechsel hat Michael Hebauer von seinem Vater Josef Hebauer die Verantwortung für den Kaminkehrerbezirk übernommen. Sein Lebensweg zeigt, welches Potenzial in einer Handwerksausbildung liegt.
von Reiner Wittmann Kontakt Profil

Wie vielfältig ein Berufsleben schon in jungen Jahren sein kann, zeigt das Beispiel von Michael Hebauer. Der Burglengenfelder Kaminkehrermeister hat sich zum Jahreswechsel selbstständig gemacht und den Bezirk seines Vaters Josef übernommen. Nach seiner Meisterausbildung studierte Hebauer Umwelttechnik an der OTH in Amberg. „Das würde ich auf jeden Fall wieder so machen“, sagt der 36-Jährige, obwohl er der Überzeugung ist, dass man „in der Lehre und in der Ausbildung zum Meister schon alles mitbekommt, was im Handwerksberuf benötigt wird.“ Mehr als das: „Im Studium hatte ich klare Vorteile gegenüber denjenigen, die keine Praxiserfahrung mitbrachten“, betont er.

Heute ist Hebauer verheiratet und hat einen kleinen Sohn. Er steht mitten im Leben, wie es so schön heißt. Das war trotz der Herkunft aus einer Handwerkerfamilie nicht von Anfang an vorgezeichnet. Nach der Realschule machte er zunächst verschiedene Praktika, „ich war unter anderem beim Vermessungsamt in Schwandorf. Das hat mir großen Spaß gemacht, schließlich ist man da viel draußen.“ Auch mit dem Gedanken Polizist zu werden, setzte er sich auseinander. „Das wäre sicher auch nicht verkehrt gewesen“, meint er und bringt damit zum Ausdruck: Es ist wichtig, sich nach der Schule auszuprobieren, in verschiedene Berufe hineinzuschnuppern, um letztlich das Richtige zu finden.

Ein Praktikum bei einem Mitarbeiter seines Vaters bringt für ihn schließlich die Entscheidung: „Das hat mir einfach am besten gefallen!“, erinnert sich Hebauer. „Kaminkehrer ist so ein vielfältiger Beruf. Du bist nicht an den Schreibtisch gefesselt, hast viel Kundenkontakt – und der privilegierte Blick über die Dächer ist in vielen Fällen wirklich einzigartig“, schwärmt er.

Seine in den Beruf gesetzten Erwartungen bestätigen sich in der Lehre. 2006 erwirbt er schließlich den Meistertitel, der klassische Weg für ambitionierte Menschen, die es im Handwerk weit bringen wollen. Damit verfügt er über das nötige Rüstzeug für einen vielversprechenden Karriereweg. Doch wohin ihn der führen soll, das weiß Hebauer trotzt Meisterbrief immer noch nicht so genau. Er grübelt, sein Wissensdurst ist noch nicht gestillt.

Michael Hebauer entscheidet sich weiterzulernen und an der OTH in Amberg Umwelttechnik zu studieren. Vorbildung und Studium passen für ihn ideal zusammen. Um seine Kenntnisse in Mathe und Physik auf Hochschulniveau zu heben, nutzt er das Propädeutikum, ein Kursangebot der OTH für junge Leute ohne klassisches Abitur. „Das kann ich nur jedem empfehlen!“

Während des Studiums erkennt er schnell die Vorteile der vorangegangenen Berufsausbildung: „Den Kommilitoninnen und Kommilitonen, die direkt vom Gymnasium kamen, fehlte einfach dieser Praxishintergrund.“ So brachte ihm auch die Theorie mehr als den Mitstudenten ohne Praxiserfahrung. „Dennoch ist das Studium etwas anderes. Die Inhalte sind nicht gleichzusetzen mit denen einer handwerklichen Ausbildung.“

Das Studium möchte er heute darum nicht mehr missen: „Das hat mich echt nochmal weitergebracht.“ Die Praxis verliert er ohnehin nicht aus den Augen, während des ganzen Studiums arbeitet er parallel auch im elterlichen Betrieb weiter, übersetzt Theorie in den Alltag und holt aus beiden Welten das Beste heraus. „Das Handwerk verändert sich rasant. Denken Sie an die Wärmepumpentechnik, die Photovoltaik. Darüber auf akademischem Niveau Bescheid zu wissen, hilft mir im Kundenkontakt weiter. Oft hat man man ja auch mit Architekten oder anderen Ingenieuren zu tun und kann sich dann auf Augenhöhe unterhalten.“

Hebauers Ambitionen erfüllen sich. Gute Noten lassen in Amberg nicht auf sich warten, in Burglengenfeld findet er berufliche Bestätigung. Schließlich bekommt er an der Hochschule sogar eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter angeboten. Auch die hat viel mehr Praxisbezug als das Attribut „wissenschaftlich“ vermuten lässt: Am „Kompetenzzentrum für Kraft-Wärme-Kopplung“ beschäftigt er sich unter der fachlichen Leitung von Professor Dr. Markus Brautsch mit der Technik von Blockheizkraftwerken, die parallel Nutzwärme und Strom erzeugen.

Handwerk und Studium, für Hebauer eine Win-win-Kombination. Auch nach Abschluss des Studiums bleibt er der Hochschule verbunden, schließlich wird er zum Geburtshelfer einer engen Zusammenarbeit von Handwerk und Hochschule: 2019 unterzeichnen die OTH Amberg-Weiden und das Aus- und Forbildungszentrum im Kaminkehrerhandwerk Mühlbach einen Kooperationsvertrag. Mühlbach ist in der Region Träger der Meisterausbildung, Amberg kann den Kaminkehrern unter anderem die Nutzung der Hochschulinfrastruktur, darüber hinaus eine Zusammenarbeit bei Lehr- und Lerninhalten, Forschungsaktivitäten und weiterführenden informellen Austausch anbieten.

Hebauer kann sich hier selbst konkret einbringen und schult heute angehende Kaminkehrermeister zum Beispiel in der Technik der Kraftwärmekopplung. „Auch von solchen Aus- und Weiterbildungsangeboten profitiert der interessierte Handwerker meiner Meinung nach ungemein“, sagt Hebauer, dem klar ist, dass nicht jeder Zeit und Muße hat nach einer beruflichen Ausbildung noch Jahre an der Hochschule zu verbringen. „Das Studium hat mir viel Spaß gemacht und zusätzliche Optionen ermöglicht, wie mein bisheriger Lebensweg zeigt. Notwendig ist es für einen Meister natürlich nicht. Die beherrschen ihr Handwerkszeug.“

Deswegen sieht er auch keine Konkurrenz zwischen handwerklicher Ausbildung und Studium, „das eine kann das andere sinnvoll ergänzen, beides hat aber seine eigene Berechtigung“, urteilt Hebauer. Er für seinen Teil würde auf jeden Fall wieder studieren: „Weil es wahnsinnig Spaß gemacht hat. Es gibt praktisch keine Vorlesung, deren Inhalte ich jetzt nicht irgendwie brauchen kann. Hätte ich nur Kaminkehrer gemacht, könnte ich zum Beispiel keine Handwerker in Sachen Kraft-Wärme-Kopplung schulen, weil mir schlicht das Hintergrundwissen fehlen würde.“

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Weiden in der Oberpfalz
Kaminkehrer-Meister mit Ingenieursabschluss: "Das Studium hat mir viel Spaß gemacht und zusätzliche Optionen ermöglicht, wie mein bisheriger Lebensweg zeigt. Notwendig ist es für einen Meister natürlich nicht. Die beherrschen ihr Handwerkszeug", sagt Michael Hebauer.

 

 

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