17.06.2021 - 10:22 Uhr
AmbergOberpfalz

Die Lutheraner kommen in die Oberpfalz

Erst Kurfürst Maximilian IV. unterzeichnet 1800 in Amberg die Resolution, wonach sich Lutheraner und Reformierte in Bayern ansiedeln dürfen. Seit 1803 sind sie auch zumindest auf dem Papier mit den Katholiken gleichgestellt. Doch es ist trotzdem noch ein langer Weg zur echten Gemeinschaft.

Das Innere der 1888 renovierten Kirche, damals noch mit Kanzel. Auf dem Altarbild der Hl. Josef.

So wie 1391 die Juden aus der Oberpfalz vertrieben wurden, geschah dies im Zuge der Gegenreformation 1628 mit den Lutheranern. Zwar durften diese ihr Hab und Gut in der (damaligen) Oberpfalz behalten, doch die Bewirtschaftung wurde sehr restriktiv gehandhabt.

Nichtkatholischen war es erlaubt, sich maximal sechs Wochen in der Oberpfalz aufzuhalten. Natürlich versuchten evangelische Gewerbetreibende immer wieder, sich zum Beispiel in Amberg niederzulassen, so 1798 ein Fabrikant, der die Fayencefabrik kaufen wollte. Der Magistrat der Stadt lehnte ab, denn "(...) noch nie wurde im Lande der Oberpfalz und Bayerns einem Protestanten erlaubt, sich alda ansässig zu machen (...)".

Protestantische Kurfürstin

Nach dem Tod von Kurfürst Karl Theodor 1799 erhielt sein nächster Verwandter, Maximilian IV. Joseph (ab 1806 König Max I.), die Kurfürsten-Würde über die Pfalz und (Alt-)Bayern (einschließlich Pfalz-Sulzbach). Nicht nur, dass seine zweite Frau, die 1797 geehelichte Karoline Friederike Wilhelmine von Baden, dem lutherischen Glauben angehörte, auch - bedingt durch bereits unter Karl-Theodor zugewachsenen Protestanten - zeigte sich Kurfürst Maximilian IV. für deren Anliegen zugänglicher. Sicher spielte dabei auch die Erwartung wirtschaftlicher Vorteile durch den Zuzug Nichtkatholischer eine Rolle.

Mit seiner Familie, mit Minister Montgelas und den Gesandtschaften befreundeter Staaten verlegte der Kurfürst im Juli 1800 auf der Flucht vor Napoleon - der München mit seinen Truppen besetzt hatte - seinen Regierungssitz für neun Monate nach Amberg. Hier unterzeichnete er 1800 die Resolution, wonach sich Lutheraner und Reformierte in Bayern ansässig machen durften. 1803 folgte, zumindest theoretisch, die Gleichstellung mit den Katholiken. Nun konnten evangelische Kirchengemeinden gegründet und gemischt-konfessionelle Ehen geschlossen werden.

Die ersten Lutheraner in der Oberpfalz waren sicher Angehörige der Garnisonen, der seit 1801 in Amberg ansässigen Gewehrfabrik und der Kick'schen Steingutfabrik. Der erste evangelische Händler war 1804, nach vergeblichen Gesuchen, der aus Württemberg stammende David Rall. Sie alle gehörten als Lutheraner zur katholischen Pfarrei St. Martin.

Hetzpredigt

Der ab 1807 wiederholt gestellte Antrag zur Errichtung eines simultan betriebenen Schullehrerseminars schlug fehl, ebenso der von 33 Offizieren und Regierungsangehörigen gestellte Antrag zur Benutzung der säkularisierten Schulkirche für ihre Gottesdienste. Zum Religionsunterricht mussten die Schüler nach Rosenberg. Eine Hetzpredigt gegen die Protestanten ("Fluch allen, die Protestanten unterstützen") führte zu einer Bürgerdemonstration. Verstorbene Lutheraner wurden ohne Glockengeläut zu Grabe getragen. Selbst der Magistrat bemerkte: "Soll denn ein Protestant, der doch auch ein Christ ist, wie ein Hund begraben werden?"

König Ludwig I. praktizierte gegen die Protestanten bis zu seiner Abdankung eine restriktive Vorgehensweise. Nach dessen Abdankung erlaubte König Maximilian II. den Lutheranern eine Umpfarrung nach Rosenberg. Dort, zum Teil auch in Poppenricht, erfolgten die Trauungen, die Taufen in den Wohnungen, die Beerdigungen auf den beiden Amberger Friedhöfen.

"Vertrauend auf die Hilfe Gottes" richteten 1849 die Protestanten in Amberg eine Ergebenheitsadresse an den König und baten, eine Gemeinde gründen zu dürfen. Der König genehmigte dies, die Einstellung eines Vikars und die Benutzung des Obergeschosses der säkularisierten Paulanerkirche, das bis dahin als Futtersalzmagazin diente, am 13. Oktober 1850. Gleichzeitig erlaubte die Regierung die Durchführung einer Hauskollekte in der Pfalz und in Bayern zur Ausgestaltung des Raumes. Diese erbrachte 8738 Gulden (ein Handwerker in der Oberpfalz verdiente damals etwa einen Gulden pro Tag, ein Lehrer mittlerer Gehaltsstufe etwa 250 bis 300 Gulden pro Jahr).

Am 15. April 1851 bekam die Gemeinde mit etwa 200 Mitgliedern ihren ersten Vikar: Christian Lotzbeck. Vier Wochen später erfolgte die Weihe des Betsaales im Obergeschoss. 1862 konnte die Gemeinde auch das bis dahin als Futtermagazin für das Reiterregiment genutzte Untergeschoss der Kirche erwerben. Die nach der Säkularisation eingezogene Zwischendecke wurde demontiert, ein neuer Kirchturm anstelle von zwei bis 1819 zu beiden Seiten des Haupteingangs stehenden errichtet. Gegenüber der Kirche wurde 1860 das Pfarrhaus mit einem Schulraum gekauft, bereits 1853 eine Orgel, 1865 die Kirche geweiht und 1866 das Geläut für den Kirchturm angeschafft.

Arbeitskräfte für Baumann

Einen wesentlichen Einschnitt in das profane Leben der Lutheraner brachte der Bau der Ostbahn mit vielen protestantischen Arbeitskräften, von denen einzelne hier Familien gründeten. Dann der Zuzug der Familie Baumann aus dem protestantischen Wunsiedel: Nach zweimaliger Ablehnung klappte dies 1864.

Die Gemeinde wuchs, Baumann brauchte Arbeitskräfte, die ersten brachte er aus Wunsiedel mit. Allein die in Amberg wohnenden Lutheraner konnten den weiteren Bedarf nicht decken.

Gerne gingen Katholiken aus der Not heraus, vor allem aus den Nachbardörfern, zu Baumann arbeiten. Nur deren Pfarrer durften es nicht wissen! Mit Unterstützung der Familie Baumann wurden ein Kindergarten und eine Diakonissenstation errichtet und es gab einen Evangelischen Arbeiterverein.

Doch wo Menschen, egal welcher Religion, sind, gibt es auch unterschiedliche Meinungen. So verließ Pfarrer Lotzbeck, der sich um den Aufbau der Gemeinde verdient gemacht hatte, nach Meinungsverschiedenheiten 1879 die Gemeinde. Nachfolger wurde mit Entschließung des Königs Pfarrer Friedrich Schamel.

1888 stand die erste Renovierung mit Einzug der Emporen an. Der Zuwachs der Lutheraner durch die Industrie und vor allem auch durch den Zuwachs evangelischer Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg ließ sich nicht aufhalten, doch es war bis zum Einzug der Ökumene vor 40, 50 Jahren ein ständiges Misstrauen zwischen katholischen und evangelischen Gläubigen. Religiös gemischte Ehen führten zu Zerwürfnissen in den Familien. Vor allem auch bei der Frage, in welcher Religion die Kinder erzogen werden sollten.

"Gute" Katholiken

Katholische Pfarrer und Eltern wehrten sich gegen die Aufnahme evangelischer Kinder in katholische Schulen. Gehässigkeiten der konfessionell Anderen an katholischen oder protestantischen Feiertagen waren an der Tagesordnung und ein "guter" Katholik strafte seine Kinder, wenn diese ohne seine Erlaubnis die Paulanerkirche betraten. Schließlich war man ja neugierig, ob den "Ketzern" wirklich Hörner wuchsen. Auch beim Einkauf blieb man weitgehend unter sich.

Heute ist dies alles Geschichte. Zwang- und meist auch vorbehaltlos ist der Umgang miteinander, ökumenische Gottesdienste sind zur Selbstverständlichkeit geworden und - ob von Oben gewollt oder nicht - gehen Mann und Frau auch schon mal zum Abendmahl des Anderen.

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