20.06.2021 - 16:03 Uhr
AmbergOberpfalz

Es lief gut im Familienbetrieb: Dann kam Corona und der finanzielle Ruin

Drei Busse, ein Fahrradanhänger für 40 Räder, eine Halle im Industriegebiet Nord, volle Auftragsbücher. Der Reise Leo aus Raigering war ein gesundes, kleines, familiengeführtes Unternehmen. Dann kam Corona und der finanzielle Ruin.

Verlierer der Corona-Krise: Reise Leo, ein familiengeführter Reiseunternehmer aus Raigering, steht vor dem finanziellen Ruin. Von links: Nina und Leonhard Oberndorfer.
von Andrea Mußemann Kontakt Profil

Leonhard Oberndorfer ist ein leutseliger Mensch, einer, der seinen Beruf liebt. Seit 30 Jahren ist der 60-Jährige Busfahrer. Die letzten Monate haben ihn und seine Frau Nina viele Nerven und schlaflose Nächte gekostet. Der Reise Leo kämpft ums Überleben: ausbleibende Soforthilfen, Fördertöpfe, die nach dem Windhundprinzip ausgeschüttet wurden, ein Automobilunternehmen, das jeden Monat auf seine Rate von 7000 Euro bestand. Die Ausgaben jeden Monat sind trotz Corona hoch, die Einnahmen null. Der Reise Leo steht vor dem finanziellen Ruin. Die selbstgebaute Halle im Industriegebiet Nord, eigentlich als Altersvorsorge gedacht, musste mittlerweile verkauft werden. Nina Oberndorfer zweifelt, ob sie überhaupt ihr Wohnhaus behalten können.

Dabei hatte alles gut angefangen. Leonhard Oberndorfer hatte schon als angestellter Busfahrer viele Gruppen, die nur mit ihm fahren wollten. Das motivierte ihn zur Selbstständigkeit. Gemeinsam mit seiner Frau Nina eröffnete er 2007 das kleine Reiseunternehmen. Sie nannten es Reise Leo, kauften sich einen Bus und machten ein Büro in Amberg auf. "Trotz Wirtschaftskrise lief es gut. Wir haben uns gedacht, wenn wir das schaffen, schaffen wir alles." Nach zwei Jahren kauften sie sich den zweiten Bus und schließlich sogar noch einen dritten. Auch Nina hatte zwischenzeitlich den Busführerschein gemacht und ihren Vollzeitjob aufgegeben. Vereine, Schulklassen, Firmen, Gruppen: Viele wollten mit dem Reise Leo ihre Fahrt planen. Wer einmal gebucht hatte, kam meist wieder. 2014 bauten sie eine kleine Halle im Industriegebiet Nord. Die Auftragsbücher für 2020 waren voll. "Wir hätten schon mehr als eine 70-prozentige Auslastung gehabt." Die laufenden Kosten hätten damit gedeckt werden können. Dann kam alles anders.

Letzte Fahrt im März 2020

Die Oberndorfers haben ihren Kalender von letztem Jahr noch aufgehoben. Sie sitzen an ihrem Küchentisch und blättern darin. Es ist einer dieser Familienkalender, in dem jedes Familienmitglied eine Spalte hat. Bei ihnen steht eine Spalte für einen Bus. Der 60-Jährige stoppt die Blätter im März 2020. "Da war unsere letzte Fahrt." Die nächsten Termine sind von Nina Oberndorfer durchgestrichen worden. Die Corona-Pandemie erwischte das kleine, familiengeführte Reiseunternehmen mit voller Wucht. Vier Tage bevor sie mit einer Schulklasse nach Périgueux aufgebrochen wären, sagte die Lehrerin ab. "Dann ging es Schlag auf Schlag."

Am 17. März wurde bis Juni ein Fahrverbot für Reisebusse erlassen. Oberndorfer meldete seine Busse ab. "Trotzdem hat Mercedes jeden Monat 7000 Euro abgezogen." Zunächst wurde eine Stundung für drei Monate geduldet. Doch der Darlehensvertrag wurde nicht verlängert, der gestundete Betrag nach den drei Monaten draufgeschlagen. Die Sparkasse Amberg-Sulzbach kam ihnen dafür sehr entgegen. Dort wurde ihnen ermöglicht, ein Dreivierteljahr mit den Zahlungen auszusetzen. Sobald es möglich war, beantragten sie Soforthilfe. Die erste Unterstützung kam im April.

Nur ein Drittel der Hilfe erhalten

Die laufenden Kosten sind schon im Normalbetrieb extrem hoch. "Wir hatten im Monat zwischen 15.000 und 20.000 Euro Kosten", sagt Oberndorfer. "Aber wir haben das geschafft", kommentiert seine Frau, "es ging schön um." Das Problem war, dass während des erzwungenen Stillstands die Ausgaben kaum gesenkt werden konnten, da ja die Raten abbezahlt werden mussten. "Die Busse waren quasi wertlos. Keiner wollte sie kaufen." Hinzu kam der Wertverlust der Fahrzeuge. "Ein Bus verliert im Jahr 50.000 Euro. Ein Jahr standen sie jetzt rum. Wir hätten schon 150.000 Euro draufbezahlt, wenn wir sie überhaupt losbringen würden. Das war das Problem." Ein Verkauf war also unmöglich und die monatlichen Abbuchungen gingen weiter. Hinzu kam: "Es ist nur ein Drittel der Hilfen gekommen, die wir gebraucht hätten, um unsere Unkosten zu decken."

Von September 2020 bis Mai 2021 gab es zum zweiten Mal ein Reiseverbot. Und weiterhin wurden die Raten für die Busse abgebucht. Einen kleinen Hoffnungsschimmer gab ein Sondertopf, der speziell für Reiseunternehmer aufgemacht worden war. Um 9 Uhr sei das Portal geöffnet worden, um 14 Uhr als Nina Oberndorfer alle Anträge ausgefüllt und Bestätigungen vom Steuerberater eingeholt hatte und diese hochladen wollte, sei die Nachricht gekommen, dass alle Mittel aus dem 15 Millionen großen Fördertopf verbraucht seien. "Ich dachte mir, das kann doch nicht sein, genau wenn ich das hochlade, ist der letzte Cent von 15 Millionen Euro weg. Uns wären nach diesen Berechnungen 40.000 Euro zugestanden", erklärt Nina Oberndorfer. Sie probierte es immer wieder. Eine halbe Stunde später habe sie eine E-Mail vom Landesverband Bayerischer Omnibusunternehmer (LBO) bekommen. Der Inhalt sinngemäß: Man solle sich nicht wundern, aber die Mittel seien bereits ausgeschöpft. Nina Oberndorfer war fassungslos. Ihr Mann erinnert sich: "Das war an einem Tag im Mai. Wir haben die 40.000 Euro nicht bekommen und unser Steuerberater hat uns angerufen, dass der Verkauf der Halle ebenfalls zu versteuern sei. Für 40.000 Euro." 80.000 Euro an einem Tag.

Halle bereits verkauft

"Wir verkaufen ja nicht zum Spaß, sondern wir mussten verkaufen, weil kein Geld mehr für die Raten da ist", sagt die 45-Jährige, "wir verlieren jetzt alles, was wir uns unser Leben lang erarbeitet haben". Ärger und Frust sind groß, vor allem weil die beiden ohne Schuld in das finanzielle Dilemma geraten sind. "Wir konnten nichts dafür, wir bekamen ein Fahrverbot und mussten die Kosten tragen", so der Raigeringer. Er plant den Gang zum Rechtsanwalt. Schließlich werde getönt, dass jedem geholfen werde, der ein gesundes Unternehmen gehabt habe. "Aber wir warten auf zehn Monate Hilfen. Wir haben kein Geld mehr. Wir mussten die Halle schon verkaufen und wenn wir Pech haben müssen wir unser Haus auch noch verkaufen."

Die Überbrückungshilfe 3, die für die Oberndorfers vom Steuerberater beantragt wurde, hielt noch eine besondere Überraschung parat. "Jetzt haben wir von der IHK eine E-Mail bekommen: Unser Unternehmen wurde stichprobenartig herausgenommen, um überprüft zu werden, ob die Hilfen uns auch wirklich zustehen. Die Zahlungen verzögern sich deshalb." Die 45-Jährige schüttelt immer noch fassungslos den Kopf: "Wir sind zwei Leute, wir haben drei Reisebusse und die drei haben nicht mal ein Nummerntaferl dran. Was muss daran überprüft werden? Ich verstehe es einfach nicht." Und so richtig geschenkt seien die Gelder ja auch nicht: "Alle Hilfen, die wir erhalten, müssen auch versteuert werden."

Nina und Leonhard Oberndorfer wollen trotzdem nicht einfach aufgeben. Dafür lieben sie ihren Beruf zu sehr. Mit einem Bus und einem Radlanhänger wollen sie jetzt erstmal weitermachen. Er sei halt nun mal ein Busfahrer. "Schauen Sie", sagt er, "das ist wie beim Busfahren, da muss man sich auch seinen Weg suchen, völlig auf sich allein gestellt, es muss immer weitergehen, bis man am Ziel ist". Das eiserne Firmenschild mit dem Schriftzug "Reise Leo" wartet derweil unter der Terrasse.

Die Menschen wollen wieder Urlaub machen

Amberg
Ihr Büro haben die Oberndorfers (im Bild mit Hündin Leni) zu sich nach Hause in die Forstamtsstraße nach Raigering verlegt.
Hintergrund:

Reisebranche in der Krise

  • Nach monatelangem Berufsverbot konnte die Reisebusbranche Mitte Mai wieder ihr Geschäft wieder aufnehmen.
  • Umfragen des Bundesverbandes Deutscher Omnibusunternehmer haben jedoch ergeben, dass unterschiedliche Corona-Schutzverordnungen der Bundesländer einen deutschlandweiten Flickenteppich ergeben, welcher weder für Unternehmer noch Kunden nachvollziehbar sei.
  • 90,5 Prozent der Befragten (514 Teilnehmer) sahen keine Praktikabilität in der Wiederaufnahme des Reisebusgeschäfts, solange bundeseinheitliche Regelungen fehlen.
  • Die Mehrheit der Befragten (56,6 Prozent) gab an, dass sie bei weiteren regional unterschiedlichen Verordnungen ihre Betriebe nur zu 20 Prozent des Vorkrisen-Niveaus wieder hochfahren können.

Wir verlieren jetzt alles, was wir uns unser Leben lang erarbeitet haben.

Nina Oberndorfer

 

 

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