14.02.2020 - 10:26 Uhr
AmbergOberpfalz

Künstliche Intelligenz: Vorteile und Vorurteile

Sie kommen, um die Weltherrschaft an sich zu reißen und wollen den Menschen ersetzen: Über Roboter und künstliche Intelligenz kursieren Horrorszenarien. Paul Lukowicz räumte in der OTH Amberg-Weiden mit den Vorurteilen auf.

Für OTH-Präsidentin Andrea Klug (links) waren die vollen Sitzreihen im Siemens- Innovatorium Beweis dafür, dass die Veranstaltung, „Künstliche Intelligenz – Potenziale erkennen und nutzen“, den Puls der Zeit trifft.
von Kathrin Moch Kontakt Profil

"Künstliche Intelligenz (KI) ist aktuell eine der am meisten missverstandenen Entwicklungen", machte Paul Lukowicz aus Kaiserslautern gleich zu Beginn seines Vortrags im Siemens-Innovatorium an der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Amberg-Weiden deutlich. Er beschäftigt sich am Deutschen Forschungsinstitut für Künstliche Intelligenz mit eingebetteter Intelligenz und der Entwicklung einer Smart-City. "Die KI wird oft mystifiziert. In Wahrheit ist sie ganz simpel: Mathematik und Mustererkennung."

Unter dem Motto "Künstliche Intelligenz - Potenziale erkennen und nutzen" hatte die OTH mit der IHK Regensburg Referenten aus Wissenschaft und Wirtschaft versammelt. Die Sitzreihen waren gut gefüllt und für OTH-Präsidentin Andrea Klug der Beweis, "dass die Veranstaltung den Puls der Zeit trifft". Neben Lukowicz gaben unter anderem Gerald Pirkl, Nicolas Götz und Christian Schieder einen Einblick in den KI-Einsatz im Ingenieursumfeld, in der Urlaubsberatung oder der Verpackungsindustrie.

"Mehr Handys als Menschen"

Lukowicz erklärte die Relevanz der Thematik: "Es gibt mehr Handys als Menschen auf der Welt. Wir leben im Zeitalter von Big Data und dem Internet der Dinge. Die Möglichkeit, Daten geheim zu halten, existiert fast nicht mehr." Gleichzeitig nahm er dem Hype um KI den Wind aus den Segeln: "Nur weil ein Roboter eine Kiste bewegen kann, ist er nicht intelligent. Das Wort Intelligenz ist hier oft irreführend. Eine KI kann nicht abseits ihrer Programmierung handeln oder eigenständig denken." Zwar sind maschinelles Lernen und Deep Learning Teilgebiete der künstlichen Intelligenz (siehe Infokasten), aber auch hier handele es sich mehr um die Erkennung von Mustern, Gesetzen und die Anwendung von programmierten Regeln, als um eigenständiges Denken von Computern.

Daten als Schüssel zur Funktion

Ob eine KI funktioniert, hängt vor allem von den verfügbaren Daten ab: "Je mehr und je bessere Daten verfügbar sind, desto genauer kann eine KI arbeiten." Ein Beispiel, woher die Daten stammen können, brachte Eva Rothgang von der OTH. An der Hochschule gibt es ein Projekt zur automatischen Generierung von Kontrastbildern, die bei einer Magnetresonanztomographie (MRT) notwendig sind. Die künstlichen Kontrastbilder könnten die Untersuchung für den Patienten verkürzen. Um die KI auf die Erstellung dieser Bilder zu trainieren, greifen die Forscher auf eine Datenbank der New York University zurück, die eine Kooperation mit Facebook hat. Rothgang: "Die Plattform ist im medizinischen Bereich sehr aktiv. Natürlich werden dabei keine Datenschutzgrundsätze verletzt. Aber Facebook hat einen Wettbewerbsvorteil, wenn es um das Management großer Bildmengen geht und den nutzen sie."

Künstliche Intelligenz beim Online Shopping

Weiden in der Oberpfalz

Lukowicz erklärte auch, wie die Technik Märkte verändert: "Wichtig ist, dass wir KI nicht irgendwo drüberstülpen, sondern Prozesse neu denken. Das hat im extremsten Fall eine Veränderung der Wertschöpfungskette zur Folge, wie es aktuell im Musikbereich zu beobachten ist." Wie die Anwendung in der Praxis funktioniert, zeigte Christian Schieder. Die Firma BHS Corrugated aus Weiherhammer stellt Wellpappe als Verpackungsmaterial her. Ungefähr 70 Prozent aller Güter weltweit werden in Wellpappe verschickt. Schieder: "Die KI hilft bei BHS zum Beispiel bei der Erkennung von Knickstellen im Material. Auch die individuelle Markierung von Paketen könnte durch KI vereinfacht werden. Daten sind der Dreh- und Angelpunkt. Erst wenn wir genügend Informationen über Papiersorte, -dicke und vieles mehr haben, funktioniert die Technik ausreichend." Denn, wie Eva Rothgang erklärte, ist auch KI nicht fehlerfrei: "Menschen machen Fehler, Maschinen auch. Bei einigen Einsatzbereichen ist deshalb eine Zusammenarbeit ein sinnvolles Szenario für die Zukunft, um die Fehlerquote insgesamt zu reduzieren."

Paul Lukowicz vom Deutschen Forschungsinstitut für Künstliche Intelligenz in Kaiserslautern war zu Gast an der OTH. Dort konnte er Skeptiker beruhigen: "Eine Künstliche Intelligenz handelt nicht selbstständig."

Bedenken beim Smart-Home

Im Publikum weckten vor allem Lukowiczs Ausführungen zum Smart-Home Bedenken: "Das klingt schon sehr nach Überwachung, wenn ein Server in China weiß, wann ich in Amberg das Licht ausmache", äußerte sich ein Hörer. Der Professor räumte Nachteile beim Datenschutz ein: "Letztendlich muss das jeder für sich selbst entscheiden. Für mich überwiegen die Vorteile. Aber natürlich stimmt es, dass die Datenmengen, die wir zurzeit produzieren, auch unsere demokratischen und politischen Prozesse verändern werden."

Bayern investiert in die Forschung zur Künstlichen Intelligenz

Weiherhammer
Info :

Künstliche Intelligenz

Unter künstlicher Intelligenz versteht man ein Teilgebiet der Informatik, das sich mit der Automatisierung intelligenten Verhaltens und dem maschinellen Lernen befasst. Maschinelles Lernen

Oberbegriff für die "automatische" Generierung von Wissen aus Erfahrung. Beispiele werden nicht einfach auswendig gelernt, sondern Muster und Gesetzmäßigkeiten erkannt. Deep Learning

Methode des maschinellen Lernens, die künstliche neuronale Netze mit zahlreichen Zwischenschichten einsetzt und dadurch eine umfangreiche innere Struktur herausbildet. (kmo)

Info:

Maschinelles Lernen

Oberbegriff für die "automatische" Generierung von Wissen aus Erfahrung. Beispiele werden nicht einfach auswendig gelernt, sondern Muster und Gesetzmäßigkeiten in den Lerndaten erkannt.

Info:

Deep Learning

Methode des maschinellen Lernens, die künstliche neuronale Netze mit zahlreichen Zwischenschichten einsetzt und dadurch eine umfangreiche innere Struktur herausbildet.

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