22.03.2021 - 15:48 Uhr
AmbergOberpfalz

Kritik am Vatikan: Predigt in der Amberger Basilika lässt aufhorchen

Applaus gibt es in katholischen Gottesdiensten eigentlich nur nach Aufforderung. In der Pfarrei St. Martin in Amberg war das am Sonntag anders. Pfarrer Helm erntete für seine kritische Predigt spontanen Beifall.

Thomas Helm ist Stadtpfarrer von St. Martin in Amberg.
von Uli Piehler Kontakt Profil

Die Predigt zum 5. Fastensonntag in der Basilika St. Martin hat viel Beachtung gefunden. Scheinbar hat Stadtpfarrer Thomas Helm den Nerv vieler Gläubiger getroffen. In den beiden Messen am Sonntag kritisierte er die aktuelle Erklärung der vatikanischen Glaubenskongregation, dass eine Segnung gleichgeschlechtlicher Paare nicht möglich sei.

"Unabhängig vom Unverständnis der Menschen und in der Folge von zahlreichen bitterbösen Hasskommentaren gegen die Kirche dazu im Netz, frag ich mich, ob eine römische Behörde Gott vorschreiben kann, was er segnet und was er nicht segnet", sagte Helm zu der Vorgabe aus Rom. "Das finde ich dann schon gelinde gesagt anmaßend." In seinem Leben als Priester habe er schon alle möglichen Dinge gesegnet: Geschäfte, Brücken, Straßen, Autos oder auch Rosenkränze. "Aber warum soll ich Menschen, die sich lieben und einen Segen Gottes dafür erbitten, diesen verweigern?" Helm betont, dass er lediglich von einer Segnung und nicht von der sakramentalen Ehe spreche. "Diese Frage steht ja gar nicht zur Disposition."

Und dann spannt der Stadtpfarrer den Bogen zum Missbrauchsskandal im Bistum Köln, mit dem die Kirche in den vergangenen Tagen ebenfalls für Schlagzeilen gesorgt hat. "Wie unglaublich viel Vertrauen ist dort zerstört worden." In ein und derselben Woche habe die Kirche auf der einen Seite Unbarmherzigkeit mit Menschen gezeigt und zugleich auf der anderen Seite ihre eigenen schwersten Verfehlungen offenbart und hoffe ihrerseits auf Barmherzigkeit. "Diesen Spagat bekommen viele Gläubige nicht mehr hin. Sie verlassen die Kirche in Scharen."

Die Predigt im Facebook-Video

Er mache sich große Sorgen um seine Kirche. "Ich sehe, wie manche auch noch den letzten Funken Vertrauen in uns zerstören." Er habe sich lange überlegt, ob er dieses Thema in der Predigt aufgreifen soll. Doch er sehe eine tief gespaltene Kirche und das Bedürfnis, zu versöhnen. "Wir können hier vor Ort Kirche nach dem Willen Jesus Christi sein. Wir können hier vor Ort ernst machen mit dem, was er uns in seinen Gleichnissen erzählt und mit seinem ganzen Leben vorgibt." Gott sei immer und überall bei den Schwächsten gewesen, auch bei denen am Rande, erklärte der Geistliche, der dann Bezug auf das Wort des Evangeliums nahm: "Wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht". Helm: "Ja, vielleicht muss auch in unserer Kirche so manches alte an Strukturen und Formen, vor allem aber an Denken absterben, damit Neues entstehen kann."

Die Predigt wurde live im Internet übertragen und noch während der Stadtpfarrer sprach, gingen mehrere Reaktionen dazu ein. "Danke für diese beeindruckende Predigt", schrieb eine Facebook-Nutzerin in den Chat. "Die Predigt war hervorragend", "Hut ab, lieber Thomas", merkten andere Zuschauer an. Diakon Peter Bublitz äußerte sich: "Danke für Deine Predigt. Da denke ich so wie Du." Doch es gab auch Widerspruch. Ein Zuhörer schrieb: "Ich habe nicht den Eindruck, dass dieser Priester die geistige und geistliche Tiefe hat, die Materie auch nur annähernd zu durchdringen. So oberflächlich anbiedernde Statements sind echt für die Tonne."

Umstrittenes Dekret aus Rom

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Kommentar:

Die beste Richtschnur: Herz, Verstand und Gewissen

Stadtpfarrer Thomas Helm hat in seiner Sonntagspredigt auf den Punkt gebracht, was viele Gläubige denken. Nun mögen ihm manche studierte Theologen entgegenhalten, was viele Gläubige denken, könne nicht automatisch Richtschnur für die Kirchenlehre sein. Da haben sie natürlich recht. Sie sollten dann aber auch berücksichtigen, dass alle Getauften Glieder der katholischen Kirche sind, dieser also nicht nur angehören, sondern sie verkörpern. Die ganz normalen Kirchgänger kennen sicher nicht jeden Paragrafen des Kanonischen Rechts, aber sie haben Herz, Verstand und ein Gewissen. Und mit diesen drei Gottesgaben sind sie manchmal besser unterwegs als die Theoretiker in Rom.

Uli Piehler

 

 

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