25.07.2021 - 17:25 Uhr
AmbergOberpfalz

Krebszentrum Amberg kämpft mit vernetztem Forschungswissen gegen die Menschheitsgeißel

Die Corona-Pandemie ebnete mRNA-Impfstoffen den Durchbruch. Die Technik kommt aus der Krebsforschung. Besiegt ist die Menschheitsgeißel damit noch nicht. Doch Krebszentren, wie am Amberger Klinikum, bieten bessere Überlebenschancen.

Geballte onkologische Kompetenz am Klinikum St. Marien in Amberg: (von links) Stephanie Lang, Dr. Jochen Pfirstinger, Dr. Ralf Weiser, Dr. Harald Hollnberger, Patientin Jana Edenharder, Dr. Simone Götz, Patientin Ingrid Ossig, Dr. Ludwig Fischer von Weikersthal, Dr. Marc Dauer, Dr. Thomas Papathemelis, Dr. Hans Wahn, Dr. Matthias Hipp.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Das Rätsel Krebs ist noch nicht geknackt. Man weiß: "Es handelt sich um ein Reparaturversagen", sagt Gastroenterologie Dr. Marc Dauer. "Jeden Tag verändern sich Zellen, das ist ein Teil des Alterungsprozesses." Es gebe nicht den einen Moment der Krebsentstehung. "Je älter, desto wahrscheinlicher wird die unkontrollierte Vermehrung von Krebszellen."

Dennoch: Auch junge Menschen, selbst Kinder können betroffen sein. Ein Krebszentrum ist kein Ort einfacher Antworten. Etwa auf die Frage, wie sich Metastasen im Körper verteilen: Durch das Blut, die Lymphbahnen, die Zellen? "Es gibt keine mechanistische Theorie", sagt Frauenarzt Dr. Thomas Papathemelis. "Wenn wir das wüssten, wären wir einen großen Schritt weiter." Auch die Ursachen der Krankheit sind nicht eindeutig: "Das Rauchen ist beim Lungenkrebs ein entscheidender Faktor", sagt Dr. Hans Wahn über sein Fachgebiet. Bei anderen Krebsarten lassen sich Umwelteinflüsse, genetische Anlagen und Lifestyle-Faktoren nicht eindeutig als Ursachen festmachen.

Von wegen Götter in Weiß

Ein Konferenzraum voller Chefärzte. Von wegen Götter in Weiß: "Die Zeit, in der einzelne Koryphäen eine Klinik beherrschten sind vorbei", sagt Internist Dr. Ludwig Fischer von Weikersthal. "Heute dominiert die Teamleistung, der fachliche Austausch." Die Mediziner aus den Fachbereichen Brust, Magen-Darm, Lunge, Hämatologie, Urologie und Strahlentherapie stellen sich geduldig den Fragen: Was bringt Patienten ein zertifiziertes Krebszentrum? Vier Betroffene schildern ihre Erfahrungen. Ganz offen, ganz transparent.

"Irgendwo im Bayerischen Wald hätte ich keine Überlebenschance gehabt", sagt ein selbstbewusster Finanzberater, der lieber anonym bleibt. "Die Diagnose chronisch myeloische Leukämie (CML) war früher immer tödlich." Er sei damals, vor acht Jahren, sofort in eine Studie aufgenommen worden. "Jetzt gelte ich als austherapiert", freut sich der agile Patientensprecher. "Ich hatte zwei Rückfälle, habe sämtliche Stationen durchlaufen, hier haben sich alle mit so viel Herzblut um mich bemüht, dass ich lernte, mit den Therapien richtig umzugehen."

Diagnose Krebs: Als junge Frau überfordert

Für Jana Edenharder war die Diagnose ein Schock: "Ich war als junge Frau völlig überfordert." Bei Dr. Ludwig Fischer von Weikersthal habe sie sich gut aufgehoben gefühlt. "Trotz des ganzen Programms - Bestrahlung und Chemo - habe ich mich im Rahmen der Möglichkeiten hier wohlgefühlt." Auch der ältere Herr neben ihr, der seinen Namen lieber nicht verraten möchte, fühlt sich trotz langen Leidenswegs "optimal versorgt". 2015 wurde bei ihm Prostata-, 2016 dann auch noch Darmkrebs diagnostiziert. "Ich würde nirgends anders hingehen", sagt er, "hier wird alles aufeinander abgestimmt."

Optimistisch sieht Ingrid Ossig in die Zukunft: 2011 wurde bei ihr ein großer Darmtumor entdeckt, der als austherapiert gilt. "2020 fand man dann ein Nierenbeckenkarzinom." Sie gehe nach der Therapie regelmäßig zu den Untersuchungen. Ein Leben eben zwischen Hoffen und Bangen. Gemeinsam ist allen vier: "Das Angebot einer ganzheitlichen Krebstherapie mit angepasster Bewegung, richtiger Ernährung, Entspannungsübungen, psychologischer Betreuung und sogar Kunsttherapie", erklärt der Patientensprecher, "hat uns geholfen, nicht in Resignation zu verfallen."

Mehr als ein Placebo

Dass die Effekte dieser integrativen Therapie mehr als ein Placebo sind, dokumentiert Fischer von Weikersthal, der dem Interviewer eine englischsprachige Literaturliste zu einschlägigen Studien in die Hand drückt: "Die positive Wirkung gerade der Bewegungstherapie ist vielfach belegt." Was man aktuell täglich in Christian Drostens oder Alexander Kekulés Podcasts bestätigt sieht, zeigt sich auch hier: "Wissen nützt, mehr Wissen kann heilen."

Seit zehn Jahren häuft das Klinikum St. Marien onkologisches Wissen auf: Von den Anfängen als zertifiziertes Brustkrebszentrum bis zum Onkologischen Zentrum heute - eines von 4 in Bayern und 25 in Deutschland mit einer Vielzahl von Fachrichtungen. "Wir hatten in diesen 10 Jahren 66 000 Patienten, davon 6000 mit Erstdiagnose Krebs", schildert Dr. Harald Hollnberger, Ärztlicher Direktor des Klinikums, "pro Jahr zwischen 5000 und 7000."

Prognose: Chronische Krankheit wie Aids?

Durch die Einbindung in die Versorgungsstruktur des Comprehensive Cancer Centers Erlangen, die Anbindung an die 6 bayerischen Unikliniken als bayerisches Krebsforschungszentrum (BZKF) und die 4 Unikliniken Bayerns als Nationales Krebsforschungszentrum (NCT-WERA) mit Würzburg, Erlangen Regensburg und Augsburg seien ganz andere Fallzahlen und ein wachsender Erfahrungsschatz verbunden.

Die Zertifizierung als Krebszentrum garantiert auch die Orientierung an Leitlinien, die eín nationales Gremium mit unterschiedlichen Fachrichtungen alle vier Jahre aktualisiert: "Die sichten die entsprechende Forschungsliteratur", erklärt Fischer von Weikersthal. "Eigentlich ist das zu langsam", kritisiert Kollege Ralf Weiser. "Europäische Leitlinien werden jährlich aktualisiert."

Kann dieses geballte Wissen den Krebs besiegen - etwa mit mRNA-Impfstoff? "Manche Tumorarten kann man wie Aids zur chronischen Erkrankung runterdimmen", denkt Fischer von Weikersthal. "Eine Heilung wird für viele Patienten, aber nicht für alle möglich sein."

Amberger Modell: Ganzheitliche Krebstherapie

Amberg
Info:

Schwerpunktversorgung in zertifizierten Zentren

  • Onkologisches Zentrum
  • Brustzentrum
  • Darmzentrum
  • Gynäkologisches Krebszentrum
  • Uroonkologisches Zentrum (Prostata und Niere und T-Harnblase)
  • Zentrum Hämatologische
    Neoplasien
  • KTQ – Zertifikat
  • Zertifiziertes Traumazentrum
  • Perinatalzentrum Nordostbayern
  • Zertifiziertes MVZ
  • Zertifizierte Chest Pain Unit
  • Zertifizierte Stroke Unit
  • Zertifiziertes Endoprothetikzentrum
  • Zertifizierte Endometriosezentrum
  • Zentrum für Alterstraumatologie
  • In 10 Jahren wurden im zertifizierten Onkologischen Zentrum etwa 6000 Patienten mit einer Erstdiagnose Krebs behandelt, pro Jahr weitere 5000-7000 Patienten mit der Diagnose Krebs am Klinikum und im MVZ behandelt, was etwa 60.000 weiteren Patienten entspricht.
  • Das Krebszentrum konnte für die Integrative Onkologie in den letzten 5 Jahren über 300 Plätze anbieten. Die Tendenz ist langsam steigend.
  • Haupthindernis ist die fehlende Finanzierung, da die Nachfrage stetig wächst.

 

 

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