05.06.2020 - 11:32 Uhr
AmbergOberpfalz

Ein kleiner Fall nimmt große Dimensionen an

Ein 77-Jähriger wird auf der Autobahn bei Schwandorf ohne Führerschein erwischt. Sein Anwalt will Demenz geltend machen, doch eine Aussage des Rentners lässt den Sachverständigen daran zweifeln.

Ein 77-Jähriger steht vor Gericht, weil er ohne Führerschein unterwegs war.
von Autor HOUProfil

Was sich auf einem Autobahnparkplatz südlich von Schwandorf zutrug, war eigentlich ein eher kleinerer Fall für die Justiz. Doch unterdessen hat das Verfahren, abgewickelt als Berufungsprozess vor dem Landgericht Amberg, eine Großdimension angenommen.

Es geht um einen Rentner aus dem südlichen Kreis Amberg-Sulzbach. Er ist 77 Jahre alt, bringt 33 Vorstrafen mit und wurde vor längerer Zeit von der Polizei erwischt. Der Mann hatte bei einer Kontrolle an der Autobahn A93 keinen Führerschein, er saß am Steuer eines Autos, das falsche Kennzeichen trug. "Der Schein ist schon bei euch", sagte er damals einem Uniformierten. Ferner fiel die Bemerkung: "Das Kind ist in den Brunnen gefallen."

Das Schwandorfer Amtsgericht ahndete die Begebenheit mit fünf Monaten Haft ohne Bewährung. Dabei spielte auch das Vorstrafenregister des Mannes eine Rolle. Mit seinem Regensburger Anwalt Jörg Sodan zog der Rentner vor das Amberger Landgericht. Dort hat sich nun die Dritte Strafkammer mit der Frage zu befassen, was mit dem 77-Jährigen geschieht.

Am ersten Prozesstag lehnte Anwalt Sodan die Richter ab. Er hatte gleich zu Beginn darauf bestanden, seinem "zur Risikogruppe gehörenden Mandanten" ein Verfahren zu Zeiten von Covid-19 zu ersparen. Dieser Antrag wurde durch einen Dienstvorgesetzten des Vorsitzenden Richters Hollweck zurückgewiesen.

Jetzt gab es die Fortsetzung. Corona spielte dabei nur noch eine untergeordnete Rolle. Im Gerichtssaal entwickelte sich die hartnäckig geführte Debatte darüber, ob der 77-Jährige womöglich an einer fortschreitenden Demenz leidet. Der Angeklagte selbst sagte kein einziges Wort dazu. Für ihn sprach Verteidiger Sodan. Der Advokat bohrte nach und startete eine fast einstündige Fragestunde an den Amberger Landgerichtsarzt Rainer Miedel.

Der Mediziner hatte nach vorangegangener Untersuchung des Rentners attestiert: "Keinerlei Beeinträchtigungen". Dazu zog Miedel auch die Beurteilungen durch andere Ärzte heran. Die allerdings waren keine Neurologen. Jetzt müssen sie an einem dritten und womöglich auch vierten Verhandlungstag kommen, um vor der Kammer auszusagen. Das kostet Zeit und vor allem Geld. Der Eindruck drängte sich auf: Der Senior mag nicht hinter Gitter. Zumal auch noch Bewährungen offen stehen.

Im Ohr blieb, was der Landgerichtsarzt in seinem Gutachten herausgehoben hatte. Er lenkte den Blick auf den Satz "Das Kind ist in den Brunnen gefallen", der anlässlich der Polizeikontrolle bei Schwandorf fiel. So etwas, war der Mediziner überzeugt, gebe keiner von sich, "der ohne Führerschein ertappt wird und an Demenz leidet".

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Schwandorf
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