01.12.2021 - 17:08 Uhr
AmbergOberpfalz

Immer mehr Hunde-Giftköder in Amberg-Sulzbach: So reagiert die Polizei

Rattengift, Insektenschutzmittel, mit Schrauben gespickte Würste: In jüngster Zeit häufen sich in Amberg-Sulzbach Köder-Attacken auf Hunde. Manchmal stecken krankhafte Tierhasser dahinter – aber nicht immer. So ermittelt die Polizei.

Psychopathen? Tierhasser oder verärgerte Grundstücksbesitzer? Wer ist so gemein und verteilt mit Schrauben gespickte Wurststücke als Köder? Hunde sollen sich mit diesem beim Kümmersbrucker Haidweiher gefundenen Köder beim Schlucken die Speiseröhre aufschlitzen.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Vilseck, Hirschau, Kümmersbruck: Allein in den vergangenen vier Wochen haben sich Meldungen über Giftköder aus nahezu allen Ecken des Landkreises gehäuft. Die heimtückischen Köder sind in der Form typischer Leckerlis verpackt und zielen fast immer auf die Vergiftung von Hunden. Egal ob untergemischtes Rattengift, Insektenschutzmittel oder Nägel, die perfide in Würste eingedreht sind – Vierbeiner können dem vermeintlich guten Happen selten widerstehen und kämpfen kurz darauf mit dem Tod. Hundehalter sind alarmiert und organisieren sich über das Internet, die Polizei ermittelt aktiv. Da stellen sich viele Fragen: Wer tut so etwas und vor allem warum? Hat die Polizei überhaupt Chancen, die Täter dingfest zu machen?

Im März hat ein Unbekannter in Ensdorf zugeschlagen und mit Pflanzendüngemittel verseuchte Köder über den Zaun in einen Garten geworfen. Die Familienhündin Bella, ein Golden-Retriever, wäre fast daran zu Grunde gegangen. Am Lengenfelder Weg in Kümmersbruck, ein beliebter Gassi-Weg am Haidweiher, hat erst am vergangenen Wochenende eine aufmerksame 23-Jährige Köder gefunden. Diese waren besonders perfide präpariert: Lange Schrauben, in Würste eingedreht, hätten Hunden beim Schlucken die Speiseröhre aufschlitzen sollen.

Blut und Kot in der Küche

Vermehrte Meldungen gab es zuletzt auch aus Hirschau. Am dortigen Moosweiher und an der Grundschule Ehenfeld – hier sind auch Kinder gefährdet – wurden mit Rattengift getränkte Köder gefunden (siehe Link unten). Der Hund von Christiane Schmidt (Name geändert) hat unbemerkt einen davon gefressen. Als die 59-Jährige nachts ihre Küche betrat, um nach dem Hund zu schauen, offenbarte sich ihr ein Schreckensszenario: Dunkles Blut, Erbrochenes, Ausscheidungen lagen überall im Raum verstreut. Nur eine Notbehandlung durch den Tierarzt konnte den zitternden Vierbeiner retten.

Die Berichterstattung von Oberpfalz-Medien hat Ramona Engelbrecht, ebenfalls aus Hirschau, dazu gebracht, sich auch an die Amberger Zeitung zu wenden. "Unsere Molly hat mehrere Tage lang gekotzt und Durchfall gehabt. Wir dachten zuerst, das liegt am Alter, sie ist schon zwölf. Aber als dann auch noch Blut im Stuhlgang war und weiße Äderchen in den Augen hervorgetreten sind, war klar, das ist Gift und wir sind sofort zum Tierarzt." Die 26-Jährige will den Fall bei der Polizei anzeigen, obwohl sie befürchtet, dass nichts dabei rauskommt. "Molly ist als Welpe schon einmal vergiftet worden und hat nur knapp überlebt. Wir haben damals nichts gemacht, weil die Ermittlungen sowieso im Sand verlaufen."

Serientäter am Werk?

Angesichts der auffälligen Häufungen hat Oberpfalz-Medien bei der Amberger Polizeiinspektion nachgehakt – handelt es sich um eine Serie? Und was wird dagegen unternommen? Pressesprecher Marcus Helfensdörfer glaubt nicht an einen Serientäter. "Wir haben eine große räumliche Distanz zwischen den einzelnen Fällen. Auch die Art der Köder ist unterschiedlich. Mal sind es Giftköder, mal Würste mit Schrauben, mal mit Nägeln gespickt. Einen Einzeltäter können wir mit hoher Wahrscheinlichkeit ausschließen." Auch von "einer krassen Häufung" der Vorfälle in jüngster Zeit will der Polizeihauptmeister nicht sprechen. "Es gibt diese Fälle leider immer wieder mal." Dennoch würde die Polizei jeden einzelnen Fall sehr ernst nehmen. "Wir ermitteln immer, auch, wenn der Hund bereits tot sein sollte." Helfensdörfer hat aber eine Bitte: "Sie müssen uns in Kenntnis setzen." Wenn die Polizei von nichts wisse, könne sie auch nichts unternehmen.

Doch warum kommen Menschen überhaupt auf die Idee, Hunde auf solch grausame Weise zu verletzen oder zu vergiften und damit nicht nur Tierleid, sondern auch schwere Gesetzesverstöße in Kauf zu nehmen. "Es gibt unterschiedliche Arten von Täter, die menschliche Natur spielt eine große Rolle", sagt Helfensdörfer. "Zum einen haben wir da den Tierhasser an sich. Er findet Spaß daran, Tiere zu quälen und sie leiden zu sehen."

Nicht nur Psychopathen

Doch nicht immer gehe es um Psychopathen, auch steckten gewöhnliche Menschen dahinter. "Oft sind es Grundstückseigentümer, die sich über Verunreinigungen durch die Hunde ärgern und sich rächen wollen." Diesen Leuten gehe es darum, eine Botschaft an die Halter auszusenden – nämlich, dass sie den Hund nicht auf ihr Grundstück lassen und Kot beseitigen sollen. "Die Leidtragenden sind natürlich die Tiere, das wird billigend in Kauf genommen", sagt der Polizeihauptmeister.

Solche Täter ausfindig zu machen, sei für die Polizei aber äußerst schwierig – weil kaum mehr Spuren existieren. Wenn ein Hund Symptome zeige, würden die Halter natürlich zuerst zum Tierarzt gehen. "Erst hier wird überhaupt klar, dass es um eine Vergiftung geht. Die polizeiliche Ermittlungsarbeit wird dadurch erschwert, weil die Spuren, der Köder, bereits vernichtet sind", sagt Helfensdörfer. "Wir können nur rekonstruieren, dass es sich um Gift handelt, aber nicht, um welche Art von Gift." Genau diese Info wäre aber sehr wichtig, um Rückschlüsse auf den Täter zu ziehen. Um diese dennoch zu finden, setze die Polizei stark auf Öffentlichkeitsarbeit. "Wir geben jeden Fall an die Presse, weil bei uns das Tierwohl groß geschrieben wird." Artikel in Zeitung und Onetz hätten zwei Ziele: "Damit sich Zeugen melden und andere Tierhalter sensibilisiert werden."

Noch kein Täter gefunden

Im Fall der genannten Köder-Attacken in Hirschau und Kümmersbruck musste Helfensdörfer aber eingestehen, dass kein Täter gefasst wurde, zumindest bislang. "Die Ermittlungen sind nicht eingestellt, wir sind weiter dran und hoffen auf Angaben aus der Bevölkerung", sagt er. Doch diese Versicherung kann natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Aufklärungsquote sehr gering ist.

Helfensdörfer richtet deshalb einen Appell an die Bevölkerung, aufmerksam zu sein. "Wenn der Köder bereits geschluckt ist, ist es schwer, den Täter zu fassen. Deshalb sollten nicht nur Hundehalter beim Gassi-Gehen sehr aufmerksam sein, sondern jeder, vor allem Spaziergänger." Wenn Köder im Original entdeckt würden, könnten Spuren gesichert werden. "Da ist uns dann auch keine aufwendige Untersuchung zu schade", kündigt der Polizist akribische Ermittlungsarbeit an. Wer bei einer solchen Tat erwischt oder beobachtet wird, müsse sich zudem auf harte Strafen einstellen. "Das ist keine Bagatelle, sondern eine Straftat. Wir sprechen hier von Tierquälerei. Wer Wirbeltiere quält", zitiert Helfensdörfer aus dem Strafgesetzbuch, "wird mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft".

100 Euro für drei Spritzen

Ramona Engelbrecht aus Hirschau will sich dennoch nicht nur auf die Polizei verlassen. "Wir Hundehalter überlegen uns, uns auf Facebook gemeinsam zu organisieren, weil es immer mehr Fälle gibt." So könne man sich gegenseitig warnen und mehr öffentliche Aufmerksamkeit erzeugen. Hinzu komme, dass die Vergiftungen nicht nur eine mentale, sondern auch eine finanzielle Belastung sind. "Die Tierarzt-Besuche gehen ja ins Geld. Drei Spritzen gegen die Vergiftung kosten 100 Euro. Und das nur, weil so ein Idiot Gift auslegt. Das ist eine Sauerei."

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Nur drei Spritzen in einer Notbehandlung beim Tierarzt konnten Mischling Molly aus Hirschau retten. Die 12-jährige Hündin hatte zuvor einen Giftköder gefressen.

"Die Tierarzt-Besuche gehen ja ins Geld. Drei Spritzen gegen die Vergiftung kosten 100 Euro. Und das nur, weil so ein Idiot Gift auslegt. Das ist eine Sauerei."

Ramona Engelbrecht

Ramona Engelbrecht

"Oft sind es auch Grundstückseigentümer, die sich über Verunreinigungen durch die Hunde ärgern und sich rächen wollen."

Polizeihauptmeister Marcus Helfensdörfer

 

 

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