24.09.2020 - 16:53 Uhr
AmbergOberpfalz

Hilfe aus Amberg für Moria-Flüchtlinge

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14.000 Flüchtlinge auf Lesbos, das sind 14.000 Namen und Schicksale: Drei Amberger kennen jetzt eine Handvoll dieser Menschen. Sie sagen, es ist immer noch die "Hölle auf Erden" und es sind Dramen, die sich dort vor Ort abspielen.

Das Flüchtlingslager auf Lesbos: Drei Amberger packen vor Ort an. Hier: das abgebrannte Camp Moria.
von Andrea Mußemann Kontakt Profil

Benjamin List, Dominik Lenz und Sebastian Apfel waren von Sonntag bis Dienstag auf Lesbos, um nach der Brandkatastrophe in Moria unbürokratisch und schnell zu helfen, wo es am nötigsten ist.

Pressegespräch vor dem Abflug

Amberg

Nötig ist Hilfe an vielen Ecken und Enden. Den ersten Abend nutzten die drei, um Kontakte zu knüpfen und einen Plan für Montag auszuarbeiten. Zunächst stellte sich die Situation nicht so dar wie erwartet. Es gab keine Menschen mehr, die auf den Straßen campierten. Diese waren am Sonntag mit Polizeigewalt und Tränengas in das neue Areal, etwa fünf Kilometer vom Camp Moria entfernt, getrieben worden. Während die Bilder einer neuen, weißen Zelt-Stadt, die einen Steinwurf vom Strand entfernt liegt, um die Welt gehen, kennen die drei jetzt die Realität. Unter den Planen ist nichts. Es gibt keine Matratzen, keinen Boden, keine Decken. "Die Menschen müssen sich alles selbst im Müll zusammensuchen. Kein Mensch hat es verdient, so leben zu müssen", sagt List. Es seien "schlimmste Zustände". Im neuen sei der Boden teilweise steinig und abschüssig.

Kein Strom, keine Dusche

Die Bedingungen sind hart: Es gibt keinen Strom, kein Licht, keine Dusche, keine ärztliche Versorgung und nur eine Mahlzeit pro Tag. Dafür müssen die Menschen stundenlang anstehen. Familien mit kleinen Kindern, Kranke oder Menschen mit Behinderungen bekommen keinen Vorzug. Den Montag nutzten die drei Amberger komplett aus, um die vor Ort bestellten Lebensmittel zu verteilen, um sich einen Überblick über die Lage zu verschaffen und Kontakte zu knüpfen. Zum Beispiel mit einer Physiotherapeutin, die die komplette ärztliche Notversorgung übernommen hatte. Durch sie lernten sie einen querschnittsgelähmten Mann kennen, der sieben Monate im Camp Moria lag, ohne Fortbewegungsmittel, der sich den Katheder selbst wechselte und von Ratten angefressen worden war. Gerade diese Einzelschicksale gehen den Ambergern unter die Haut. "Natürlich bereitet man sich vor und man stellt sich darauf ein, dass man Schlimmes sehen wird, aber gerade bei den Leuten, die nicht von großen Hilfsorganisationen versorgt werden, war es echt erschreckend zu sehen, wie schlimm die Zustände sind", sagt Lenz.

An 14 Stationen verteilten sie Lebensmittel, zwischendurch kam der Anruf eines Kontaktmannes, der weitere vier Familien fand, die sich in den Wald geflüchtet hatten. Neben der Essensversorgung sind Wasser und Hygiene große Themen. Und hinzu kommt die psychische Komponente. "Die Leute haben Angst, sind teilweise traumatisiert, nicht nur von den Tränengas-Attacken, sondern von vorher schon. Sie wollen nicht nochmal so eine Hölle erleben wie die, aus der sie geflohen sind", sagt Sebastian Apfel.

Kinder wollen kein Spielzeug, sondern nur Schuhe

Dem 32-jährigen Vater einer kleinen Tochter gehen vor allem die Schicksale der Kinder nah. "Es ist so krass zu sehen, wie diese Kinder jahrelang aufwachsen müssen. Das war für mich die Hölle." 6500 Mädchen und Buben leben unter den Geflüchteten. Viele hätten gar nichts. "Sie wollen gar kein Spielzeug. Sie haben nur auf ihre Füße gedeutet. Sie wollten einfach nur Schuhe." Die Flüchtlinge, denen List, Apfel und Lenz begegnet sind, seien ungeheuer diszipliniert, selbstlos und untereinander hilfsbereit gewesen. "Sie teilen fast alles." Besonders der bevorstehende Winter macht den Ambergern Sorgen. Trotzdem sehen sie vor einer zu Hause organisierten Sammelaktion ab. "Alles was jetzt benötigt wird, kann morgen schon wieder anders sein", sagt Benjamin List und verweist auf die großen Hilfsorganisationen, die mit einer Lieferung tausende von Jacken bringen könnten. Theoretisch.

Praktisch wollen sie damit ausdrücken, dass sich die Lage im Flüchtlingscamp sehr schnell ändern kann. Doch jetzt haben die drei Amberger direkte Drähte geknüpft zu Leuten, die selber wiederum gut im Lager vernetzt sind. So wurden beispielsweise Gutscheine für einen Supermarkt auf Lesbos von dem in Amberg gesammelten Geld verteilt. Die ersten Rückmeldungen sind schon per Whatsapp eingetroffen. So wissen die Round Tabler genau, bei wem die Spenden ankommen.

Doch List, Lenz und Apfel haben schon neue Pläne gemacht. Da vor Ort jede helfende Hand gebraucht werden kann, planen sie schon ihre nächste Reise nach Griechenland Ende Oktober. Dann soll es richtig kalt werden und tausende Menschen werden immer noch unter Zeltplanen schlafen.

Info:

Die Spendenbereitschaft für die Menschen aus Moria war überwältigend. 40.000 Euro gingen aus ganz Deutschland bei Round Table 235 Amberg-Sulzbach seit dem Aufruf vergangener Woche ein. Viele Bekannte hätten sich bei Benjamin List, Dominik Lenz und Sebastian Apfel rückversichert, dass sie die Hilfe direkt zu den Flüchtlingen im Camp bringen. Die höchste Einzelspende lag bei 1750 Euro.

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