17.09.2021 - 18:19 Uhr
AmbergOberpfalz

Harter Schlagabtausch und erbitterte Wortgefechte bei Podiumsdiskussion in Amberg

Die Podiumsdiskussion in den Räumen von Oberpfalz-Medien hat deutlich gemacht, wie Tief der Graben zwischen Vertretern des Bürgerbegehrens und des Ratsbegehrens zur Zukunft des Bürgerspitalareals in Amberg ist. Streit und rauer Umgangston.

Oberpfalz-Medien hat die Podiumsdiskussion zur Zukunft des Bürgerspitalareals live im Internet übertragen.
von Wolfgang Ruppert Kontakt Profil

Hitzig war sie, die Podiumsdiskussion bei Oberpfalz-Medien zur Zukunft des ehemaligen Bürgerspitalareals in Amberg. Schnell wurde klar: Die Fronten sind verhärtet. Auf der einen Seite Wolfgang Schimmel und Achim Hüttner von der IG Menschengerechte Stadt. Auf der anderen Seite: die beiden Stadträte Matthias Schöberl (CSU) und Klaus Mrasek (ÖDP).

Dabei wirkte es zunächst so, als wären die beiden Lager gar nicht so weit voneinander entfernt, was ihre Forderungen angeht.

Die maßgeblichen Ziele des von den Stadtratsfraktionen der ÖDP und CSU initiierten Ratsbegehrens formulierte Schöberl. Demnach soll mit der Realisierung des Ten-Brinke-Baus moderner Wohnraum in der Altstadt geschaffen, eine attraktive Nahversorgung gewährleistet und eine Quartiersgarage für die Menschen, die in der Altstadt leben, geschaffen werden. Schöberl: "Wir wollen endlich den Stillstand beenden und wieder Nutzung auf dem Gelände schaffen." Es sei ihm ein Anliegen, dass wieder mehr Menschen in die Altstadt ziehen.

Hüttner von der IG betonte: "Wir wollen nichts verhindern, sondern etwas entwickeln, was den Belebungsaspekt der Altstadt wertschätzt." Auch er sprach von einem Nahversorger, von Plätzen der Begegnung, Ökologie und Wohnen in der Altstadt - Dinge, die die Innenstadt attraktiver machen sollen. Dass die Vorstellungen in Sachen Umsetzung aber meilenweit auseinanderliegen, machte Hüttner deutlich, als er auf den geplanten Bau zu sprechen kam: "Es gab Pläne, die die Durchlebung an dieser Stelle gefördert und dort nicht einen riesigen Sperrriegel hingestellt hätten, der einen Teil der Altstadt zerstört."

Auf Veränderungen eingehen

Schöberls Konter folgte prompt. Er stimmte Hüttner zu, dass es verschiedene Pläne für das Areal gegeben habe. Zum Beispiel den, dort betreutes Wohnen für Senioren anzusiedeln. Das ändere aber nichts daran, wie sich das Projekt im Laufe der Jahre entwickelt habe. Schöberl: "Damals hat sich keiner gefunden, der das auf der Basis des Wettbewerbssiegers umsetzen wollte. Dazu sage ich: wenn man merkt, dass etwas nicht funktioniert hat, dann ist es nur vernünftig, etwas Neues zu wagen." Weil sich die Ansprüche verändert hätten, gebe es nun ein städtebauliches Konzept, das eine Lösung mit Nahversorger vorsieht.

Schimmel warf den Vertretern des Ratsbegehrens, das sich "Für ein Ende des Stillstands" auf die Fahnen schreibt, dagegen vor, selbst für Stillstand zu sorgen. Mit einer derartigen Planung, die sich ständig wieder verändere, könne man auf keinen grünen Zweig kommen. Schimmel: "Woher wissen wir denn als Bürger der Stadt Amberg, dass der Stadtrat nicht doch im nächsten Jahr sagt, jetzt machen wir es wieder anders." Er bezweifelte, dass sich ein Supermarkt in der Größenordnung von knapp 1000 Quadratmetern in der Innenstadt rechne. "Ich kann alle Lebensmittel, die man im Alltag braucht, von den Handwerksbetrieben in der Stadt beziehen. Da braucht man nicht immer so tun, als wäre die östliche Altstadt eine Hungerzone." Mrasek dagegen hob das Einzelhandelsentwicklungskonzept hervor, das klare Vorgaben für die Altstadt beinhalte. Er bezeichnete die Vorstellungen der IG-Vertreter als unrealistisch, weil sie nicht mit in Betracht zögen, dass sich Platzbedarf und Konzepte von Supermärkten in den vergangenen Jahren verändert hätten.

Zankapfel Alternativen

Während Mrasek und Schöberl im Ten-Brinke-Projekt eine ökologische und menschenfreundliche Planung erkennen, sprechen Hüttner und Schimmel von einem Monstrum und einem überdimensionierten Betonklotz. Schimmel bezeichnete das Ten-Brinke-Gebäude als "städtebaulich inkonsequent und lieblos". "Man sollte nicht immer so tun, als hätte es aus Geldgründen keine Alternative gegeben", fügte er an. Auch das geplante "Urban Gardening" im Innenhof sei nicht zielführend, da dieser im Sommer viel zu verschattet dafür sei.

Zum Thema Alternativen erwiderte Mrasek, dass die von der IG kritisierte Blockbebauung von den Architekten, die an einem Wettbewerb teilgenommen haben, größtenteils favorisiert worden sei. Auch den Vorwurf, der Stadtrat wolle ein Monstrum auf das Areal stellen, wollte er sich nicht gefallen lassen. Mrasek: "Man möge sich in der Umgebung umschauen, wie die tatsächlichen Verhältnisse sind. Das Gebäude ordnet sich nicht nur ein, sondern es ordnet sich unter." Er verwies auf den hohen Effizienzhaus-Standard (KfW 55), der für die Altstadt Maßstäbe setzen soll. Mrasek: "Ein solcher KfW-Standard in der Altstadt ist grade nicht nur Durchschnitt, weil es dort nicht dieselben Möglichkeiten wie draußen auf der grünen Wiese gibt, bei der es sich leichter erfüllen lässt. Genau das aber schafft Ten Brinke."

Die Amberger und das gute Leben

In diesem Zusammenhang kam auch die Dachbegrünung und der ökologische Aspekt des Gebäudes zur Sprache. Für Hüttner war der Fall glasklar. Er behauptete: "Das mit dem Dach hat man doch nur nachgeschoben, um einen ökologischen Aspekt aus dem Hut zu zaubern." Das ändere aber nichts an der fehlenden Aufenthaltsqualität. "Die hab ich nicht auf dem Dach, sondern in der Stadt. Das ist nach diesen Plänen bei so einem Fremdkörper aber nicht möglich. Da interessiert es mich auch nicht, ob das Dachl oben grün ist oder nicht, es passt nicht in die Altstadt."

Schöberl wies den Vorwurf der fehlenden Aufenthaltsqualität zurück. Die Pläne würden einen 900 Quadratmeter großen Platz vorsehen, der die Bahnhofsstraße unterbrechen soll. Dieser solle mit Sitzgelegenheiten, einem Wasserspiel und Luftkunst Menschen anziehen.

Schöberl ergriff die Gelegenheit klarzustellen, dass das Gelände, um das es geht, nicht wie von der IG behautet 5000 Quadratmeter groß ist, sondern lediglich 4000. Er hat der Redaktion der Amberger Zeitung Pläne vorgelegt, die das beweisen.

Ebenso sei die Umgebung, in der das Gebäude errichtet werden soll, keineswegs so geschichtsträchtig wie von Hüttner behauptet. "Das historische Umfeld spielt sich hauptsächlich im 20. Jahrhundert ab. Daher soll einmal die Kirche als Solitär wirken." Preise, also wie viel eine Wohnung im Ten-Brinke-Gebäude kosten soll, konnten die beiden Stadträte nicht nennen. Schöberl: "Was die Wohnungen kosten, wissen wir nicht. Das ist Sache des Unternehmens, das sie baut." Schöberl warf der IG ein weiteres Mal eine Falschaussage vor. Er bezog sich auf die Behauptung, man wisse aus Regensburg, dass Ten-Brinke-Immobilien die teuersten seien. "Es gibt in Regensburg kein einziges realisiertes Ten-Brinke-Projekt. Diese Aussage ist schlicht und ergreifend falsch", so Schöberl. Schimmel konterte, dass es genau aus dem Grund nie realisiert worden sei, weil das Unternehmen so teuer sei.

Appelle an die Öffentlichkeit

Die Fraktionen hielten ein Plädoyer für ihren Standpunkt. Schimmel: "Es geht um eine wichtige Entscheidung für die Stadt. Wollen wir ein Gebäude, das den vorhandenen Grund optimal nutzt?" Bei der derzeitigen Planung kenne man nicht die Preise für die entstehenden Wohnungen. Klar ist für Schimmel aber bereits, dass dort kein "familiengerechtes Wohnen" möglich sein wird. "Wir müssen entscheiden, ob wir einen 65-Meter-Gebäude-Riegel haben wollen." Ihm sei es ein Rätsel, wie man auf die Idee kommen könne, dass das ein Platz mit hoher Aufenthaltsqualität werden könnte.

Schöberl hielt mit seinem Appell dagegen: "Die Stadt Amberg ist natürlich ein Stück weit wie ein Puzzle. Wir müssen die Teile an die richtige Stelle setzen." Man solle auf "das große Ganze" achten. "Derzeit entsteht viel in Amberg, das sieht man an den Kränen, die in der Stadt stehen. Amberg hat aber auch Probleme." Corona habe "Verwüstungen" angerichtet. Einzelhandel und Wohnen könnten Rückenwind brauchen. "Das Projekt am Spital ist eine echte Chance, etwas für Amberg zu tun."

Lesen Sie hier den Vorbericht zur Veranstaltung

Amberg
Info:

Die Bürgerentscheide im Kurzüberblick

  • Am Wahlsonntag, 26. September, haben die Amberger die Möglichkeit über die Zukunft des ehemaligen Bürgerspitalareals abzustimmen. Zwei Bürgerentscheide gibt es, er eine geht auf ein Bürgerbegehren der IG Menschengerechte Stadt zurück, der andere auf ein Ratsbegehren des Amberger Stadtrats.
  • „Keine Brutalarchitektur in der historischen Altstadt“: Das Begehren der IG will das laufende Ten-Brinke-Projekt stoppen und es durch ein „Verfahren mit Beteiligungsprozess für die Bürgerinnen und Bürger“ ersetzen. Es möchte mehr Klima- und Denkmalschutz erreichen.
  • „Ja zum Leben am Spitalgraben – für ein Ende des Stillstandes“: Der Entscheid entspricht dem Ratsbegehren aus dem Stadtrat. Ihm zufolge soll das Projekt mit Ten Brinke weitergeführt werden. Die Pläne überzeugten durch eine „innenstadtgerechte und ökologische Architektur“.

 

 

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