16.04.2021 - 17:20 Uhr
AmbergOberpfalz

Harald Herrle über seine Wahl-Heimat: Briten legen nach Lockdown wieder los

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Nach einem harten Corona-Lockdown seit Weihnachten hat Großbritannien gelockert. So sind inzwischen die Pubs wieder geöffnet. Harald Herrle über ein Land, das momentan aber auch um Philip, den Herzog von Edinburgh, trauert.

Harald Herrle, ehemals Wirtschaftsförderer des Landkreises, in seiner Wahlheimat Großbritannien: Hinter ihm weht der Union Jack, doch momentan sind im Königreich die Flaggen an öffentlichen Gebäuden auf halbmast gesetzt – als Zeichen der Trauer um den verstorbenen Prinz Philip.
von Kristina Sandig Kontakt Profil

Harald Herrle, der früher am Landratsamt Amberg-Sulzbach als Wirtschaftsförderer tätig war, ist 2018 von der Oberpfalz nach Großbritannien gezogen. Mit seiner Familie lebt er in Matlock, einer Stadt in den östlichen Midlands. Die Corona-Lage in Großbritannien, das von der Pandemie besonders betroffen war, hat sich inzwischen entspannt.

Keinerlei Besuche erlaubt

Gerade zu Jahresbeginn hatte das Königreich mit der Virus-Mutation B1.1.7 sehr zu kämpfen. „Ein ähnliches Bild zeichnet sich gerade in Deutschland ab“, sagt Herrle. Die Regierung in London verhängte daraufhin umfängliche Beschränkungen. So mussten die Schulen schließen und auf Homeschooling umstellen, Einzelhandel des nichttäglichen Bedarfs, Gastronomie und Hotellerie, aber auch Fitnesscenter, Museen und Freizeitparks mussten zusperren. „Die Leute mussten zu Hause bleiben und durften auch keinerlei Besuch empfangen“, erzählt Herrle. Das Haus durfte nur zur Arbeit, für tägliche Besorgungen, medizinische Anwendungen und sportliche Aktivitäten verlassen werden. „Also eigentlich strenger als in Deutschland“, urteilt der Oberpfälzer über die Maßnahmen.

Maskenpflicht herrsche in Geschäften, am Arbeitsplatz und im Nahverkehr. „Viele Leute arbeiten schon seit mehr als einem Jahr im Home-Office“, weiß Herrle. Die Lockdown-Zeit sei für die Familien sehr belastend gewesen, „aber jetzt wird es langsam besser“. Bei der Impfkampagne gebe es einige Dinge, die das Königreich von der EU unterscheiden. So sei viel früher begonnen worden, zu impfen – mit Notfallzulassungen von Impfstoff. Zunächst hätten so viele Menschen wie möglich eine erste Dosis bekommen. Der Zeitraum bis zur Zweitimpfung sei massiv verlängert worden. So erklärt Herrle die hohe Zahl an Erstimpfungen.

Impfen als "Bürgerpflicht"

Geimpft werde sowohl in Impfzentren und Altenheimen als auch in Krankenhäusern und Hausarztpraxen, ja sogar in Apotheken. Vorbehalte gegen einzelne Impfstoffe gebe es kaum. „Man hat ohnehin keine Auswahl. Man bekommt, was gerade da ist“, weiß Herrle. Impfen sehen die Briten als „Bürgerpflicht“ an. Wer sich nicht impfen lassen will, „sieht sich schon fast einer gesellschaftlichen Ächtung gegenüber“. Er selbst hat noch keinen Impftermin: „Dafür bin ich noch etwas zu jung“, scherzt der 44-Jährige.

Nach drei harten Lockdown-Monaten wurde das Land am Montag wieder geöffnet. „Es sind viele Leute wieder in den Einkaufsstraßen unterwegs“, berichtet Herrle. Die Außengastronomie sei gut besucht. „Manche Biergärten sind sogar schon auf drei Wochen ausgebucht“, weiß er. „Im Peak District National Park vor unserer Haustür sind schon die ersten Urlauber mit Campingwagen und Wohnmobilen unterwegs.“ Das Wetter sei gut, „die Leute drückt es einfach raus“. Verständlich nach all den Beschränkungen, „die es mehr oder weniger seit Weihnachten gab“.

Der Oberpfälzer erlebt momentan aber auch ein Land, das kollektiv um den Herzog von Edinburgh trauert. Der Ehemann von Königin Elisabeth war am Freitag, 9. April, gestorben. Nach dem Tod von Prinz Philip hätten viele Radio- und Fernsehsender ihr Programm eingestellt und nur noch über das Leben des Prinzen berichtet. Politiker aller Parteien hätten ihren Respekt bekundet und der Queen kondoliert. Die Flaggen an öffentlichen Gebäuden wehen seit 9. April und bis zum Ende der Trauerfeier auf halbmast.

Lockere Sprüche und Fettnäpfchen

Laut Herrle hatte der Prinzgemahl nie eine konstitutionelle Rolle. Gegolten habe er als Fels in der Brandung und Stütze der Queen. „Er hielt ihr den Rücken frei für ihre Aufgaben und kümmerte sich um Familienangelegenheiten.“ Prinz Philip sei Schirmherr zahlreicher caritativer Einrichtungen gewesen, habe sich für Naturschutz und ökologische Landwirtschaft stark gemacht. „Er ermutigte Jugendliche dazu, mehr über sich selbst zu erfahren und dies in außerschulischen Aktivitäten zu testen, die mit dem Duke-of-Edinburgh-Award ausgezeichnet wurden.“ Bekannt geworden sei er durch lockere Sprüche sowie das eine oder andere Fettnäpfchen, „in das er – wohl auch mit Genuss – trat“.

Immer wieder werden im Königreich Stimmen laut, die die Abschaffung der Monarchie fordern. Nach Einschätzung von Herrle ist das eine Generationenfrage. Je jünger die Leute seien, desto eher hielten sie die Monarchie für entbehrlich. Die Älteren stünden zu ihrem Königshaus. Er selbst mag gar keine Einschätzung abgeben, wie lange sich die Monarchie in England noch halten könne. „Politisch hat sie ohnehin keine Bedeutung. Nur Repräsentanz-Aufgaben.“

Kein großer Royals-Fan

Die Trauerfeier für Prinz Philip am Samstag, 17. April, wird ab 15 Uhr Ortszeit (16 Uhr MESZ) im Fernsehen übertragen. Harald Herrle weiß noch nicht, ob er sie sich anschauen wird. „Ein wirklich großer Fan der Royal family bin ich ja nicht“, gesteht der frühere Nabburger. „Vielleicht habe ich auch was anderes vor – mal sehen.“

Hintergrund:

Großbritannien & Corona: Stand am 14. April

  • 2491 Neuinfektionen
  • 2481 Corona-Patienten in Krankenhäusern
  • 38 Covid-19-Todesfälle
  • 32.326.604 Menschen, die eine erste Impfdosis haben
  • 8.170.081 Bürger, die schon die zweite Impfdosis erhalten haben und somit vollen Impfschutz haben.

Wie Harald Herrle den Austritt Großbritanniens aus der EU erlebte

Amberg

 

 

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