04.05.2021 - 12:40 Uhr
AmbergOberpfalz

Handwerker in Sorge: Preisexplosion bei Baustoffen

Holz und Farben, Kunststoffe und Dämmmaterial: Bei vielen Handwerkern in Amberg und Sulzbach-Rosenberg herrscht momentan Mangel bei wichtigen Baustoffen. Wartezeiten und Preise explodieren. Woran liegt das und was bedeutet es für Kunden?

Die Ziegel sitzen fest, doch die Preise kommen ins Rutschen: Dachdecker Markus Kurz (rechts, hier auf einer Baustelle in Amberg mit der St.-Martins-Kirche im Hintergrund) berichtet von einer Verdoppelung des Holzpreises. Dämmmaterialien sollen bis zu 50 Prozent teurer sein.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Die Situation auf dem Weltmarkt ist angespannt, bei wichtigen Rohstoffen steigen die Preise seit Monaten – teils um 100 Prozent. Betroffen sind fast alle Bereiche am Bau: Metalle, Holz, Isolierungen, Kunststoffe, chemisch-technische Produkte. Etwas zeitversetzt hat dies nun auch Folgen für Handwerker und Baufirmen in Amberg und Sulzbach-Rosenberg.

Viele Arbeitsmaterialien sind nun deutlich teurer oder kaum mehr verfügbar. Auf Kunden dürften längere Wartezeiten und höhere Preise zukommen. Oberpfalz-Medien hat bei örtlichen Firmen nachgefragt, was die Gründe sind und wie sie damit umgehen.

Dachdeckerei Kurz

„Ein Holzbalken hat im Januar noch 6 Euro gekostet, inzwischen liegt der Preis bei 11, das ist fast das doppelte“, sagt Markus Kurz. Der Chef der Amberger Dachdeckerei Kurz („Der Dachprofi“) spürt deutlich, wie sich das Preisgefüge bei Baustoffen verändert. Aus seinem täglichen Berufsalltag kann er viele Beispiele aufzählen. „Allein im April ist bei Styropor und Dämmmaterial der Preis 30 bis 50 Prozent gestiegen. Schrauben kosten 10 Prozent mehr.“

Neben den hohen Preisen werden viele Materialien kaum mehr geliefert. „Zum Beispiel die Holzfaserdämmung“, sagt der 30-Jährige, „die ist momentan fast nicht mehr zu bekommen. Da hilft nur improvisieren und auf andere Stoffe ausweichen.“ Der 30-Jährige spricht von 8 bis 10 Wochen Wartezeit bei vielen Bestellungen. „Wenn ich im vergangenen Jahr eine Holzlatte bestellt habe, war die nach einer Woche da.“ Dachdecker Kurz hat aber Glück, weil er früh eingekauft hat. Für aktuelle Aufträge habe er bereits 2020 bestellt. „Planung macht auf der Baustelle 80 Prozent aus“, sagt der Firmeninhaber. Dies sei wichtig, denn an Arbeit fehle es nicht. „Die Auftragslage ist sehr gut, wie bei allen Handwerkern.“

Doch wenn die Einkaufskosten weiterhin steigen, habe das auch Folgen für die Auftraggeber, befürchtet Kurz. „Ich versuche natürlich meine Preise zu halten, so gut es geht. Aber wenn es nicht mehr geht, muss ich die Steigerungen weitergeben.“

In Auerbach herrscht Freude über den hohen Holzpreis

Auerbach

Schreinerei Horst Decker

Der Sulzbach-Rosenberger Möbelmeister arbeitet täglich mit Holz. Doch genau das wird seit rund drei Wochen immer schwieriger – manche Holzwerkstoffe sind kaum mehr zu bekommen. „Ich brauche Hartfaserplatten, bekomme die aber einfach nicht mehr geliefert“, klagt er. „Meine Bestellung ist kurzerhand storniert worden auf unbestimmte Zeit. Vielleicht bekomme ich die Lieferung mal im September, das ist unglaublich.“ Ähnlich sei es bei für Schreiner wichtigen OSB-Platten. „Früher hatte mein Großhändler 30 Sorten im Angebot, jetzt sind es noch drei. Und der Preis dafür ist um das 2,5-fache gestiegen.“

Auch bei Haushaltsgeräten hapert es momentan. „Ich bekomme keine Geschirrspülmaschinen mehr. Das trifft mich als Schreiner. Denn ohne Geschirrspüler erhalte ich auch keine Aufträge von Kunden, die Küche drum herum zu schreinern.“

Decker hat eine Erklärung für den Holzmangel: „Die Amis kaufen wie die Irren.“ Der ganze Holzmarkt sei leergefegt. Decker hat seinen Großhändler nach den Ursachen befragt. Schuld sei demnach die Corona-Krise und ein harter Winter in Amerika. „Weil es dort so kalt war, gab es kaum Holzeinschlag, die Amis konnten nicht bauen. Jetzt gibt es einen Bauboom und sie kaufen alles weg.“

Doch das ist nur ein Grund unter mehreren. Wie sich die Folgen der Globalisierung mit weltweit vernetzten Handelsrouten auch auf Amberg-Sulzbach erstrecken, zeigt die Blockade des Suez-Kanals in Ägypten durch ein Containerschiff Ende März. Der daraus resultierende Stau von über 400 Schiffen über knapp eine Woche führt nun auch zur Verknappung wichtiger Baustoffe in der Oberpfalz. „Auf dem Schiff sollen Bestandteile lagern, die für PVC-Rohre gebraucht werden. Die fehlen jetzt bei uns überall“, sagt Decker. „Ich wollte auch transparentes Silikon bestellen – gibts nicht mehr, weil die Füllstoffe vergriffen sind. Es ist alles ein bisschen crazy.“

Der 55-Jährige sagt, eine solche Mangelwirtschaft habe er noch nie erlebt, seit er selbstständig sei. Bislang habe er sich „irgendwie durchgemogelt“ und fehlendes Material von befreundeten Handwerkern bekommen. „Wildeiche-Platten für das Schlafzimmer eines Kunden habe ich mir von Kollegen besorgt. Aber das ist auf Dauer kein Zustand.“ Dennoch glaubt der Chef von drei Angestellten, dass sich die Situation bis Herbst verschlimmern wird. „Viele Firmen geben die Preise direkt an ihre Kunden weiter. Auch ich werde das bald machen müssen“, sagt Decker ernüchtert. Dennoch habe er als Möbelschreiner noch eine vergleichsweise gute Situation: „Bei einem Schreiner ist nicht das Material der höchste Kostenfaktor, sondern die Arbeitszeit. Und die wird nicht teurer, bloß weil Holz fehlt.“ Auf dem Bau aber, wo tonnenweise Material verarbeitet wird, „da schlägt das voll ein.“

Malerfachbetrieb Herrndobler

Noch gibt es keine Lieferschwierigkeiten bei dem Amberger Malerbetrieb mit 30 Mitarbeitern, erklärt Senior-Chef Michael Herrndobler. Doch im Betrieb wüssten sie, dass schwere Zeiten bevorstehen: „Wir haben vorbestellt, so viel wir können. Unser Lager ist voll bis Oberkante Unterlippe“, sagt Herrndobler. Silikatfarbe, Spachtelmasse, Dispersionsfarben und Lacke seien vorrätig. „Das reicht uns hoffentlich bis zum Sommer.“

Noch werde zwar geliefert, aber: „Bei allen Farbenhändlern herrscht bereits Mangel.“ Kommen Preissteigerungen, sei das ein großes Problem, sagt der 58-jährige Malermeister. „Bei vielen Bauvorhaben lassen sich keine nachträglichen Preissteigerungen durchdrücken. Wenn ich eine Ausschreibung mache, gebe ich ein Angebot ab, damit kalkuliert der Kunde. Da kann ich nicht einfach erhöhen.“

Malerbetrieb Amberg

Ein weiterer Maler aus Amberg, der nicht namentlich genannt werden möchte, bestätigt Herrndoblers Aussagen. „Viele Lacke sind momentan nicht verfügbar. Auch bei Farben wird es künftig einen Mangel geben, weil die Rohstoffe fehlen.“ Schon jetzt lägen die Preissteigerungen bei rund 20 Prozent. Das gehe ebenfalls auf die Blockade des Suez-Kanals zurück. „Fast alle Farbrohstoffe kommen per Schiff aus China. Die Lieferungen sind durch den Kanal nicht mehr durchgekommen. Das haben die Chinesen natürlich als Rechtfertigung genommen, um die Preise zu erhöhen."

Warum beim Baustoff Holz Preise und Lieferzeiten explodieren

Tirschenreuth
Kommentar:

Regional produzieren!

Dass Globalisierung kein abstrakter Begriff ist, merken auch die Oberpfälzer. Im Suezkanal blockiert ein Mega-Tanker den Schiffsverkehr – und ein paar Wochen später herrscht in Amberg-Sulzbach Baustoffmangel. Auch bei der Maskenproduktion zeigte sich zu Beginn der Corona-Pandemie: Ohne China-Exporte geht fast nichts. Die weltweite Vernetzung soll hier nicht verteufelt werden, aber mehr regionale Wertschöpfung könnte solch folgenreichen Engpässen in der Versorgung vorbeugen.

Von Tobias Gräf

Früher hatte mein Großhändler 30 Sorten im Angebot, jetzt sind es noch drei. Und der Preis dafür ist um das 2,5-fache gestiegen.“

Möbelschreiner Horst Decker

Möbelschreiner Horst Decker

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.