05.12.2021 - 12:09 Uhr
AmbergOberpfalz

Gefährliches Schnüffeln: Der tödliche Kick aus der Spraydose

Ein Deo für 1,50 Euro, ein Kleber für nicht recht viel mehr Geld. Der Rausch aus der Dose oder der Tube ist billig – und sehr gefährlich. Eine junge Frau aus Sulzbach-Rosenberg hätte den Kick durch Schnüffeln fast mit dem Leben bezahlt.

Die Gefahr lauert im Badezimmer: Schnüffeln an Treibgasen aus Deo- oder Haarspray kann tödlich enden. Eine 18-Jährige aus Sulzbach-Rosenberg löste aus der Kombination von Deospray und Zigarette am späten Donnerstagabend eine schwere Explosion aus, bei der sie sich schwerste Verbrennungen zuzog.
von Kristina Sandig Kontakt Profil

Eine 18-Jährige aus Sulzbach-Rosenberg versprüht erhebliche Mengen Deo im Badezimmer, um sich am Treibgas aus der Dose zu berauschen. Fatalerweise zündet sie sich noch eine Zigarette an, löst dadurch eine heftige Explosion aus. Die junge Frau wird schwerstverletzt, kommt per Rettungshubschrauber in eine Spezialklinik. Selbst wenn es nicht zur Explosion gekommen wäre: Allein schon das Schnüffeln ist gefährlich. Dr. Rainer Berendes warnt vor den Gefahren. Der Rausch aus der Dose kann tödlich sein.

"Schnüffeln ist nicht gleich Schnüffeln", sagt der langjährige Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, der hauptberuflich an einem Krankenhaus in Landshut arbeitet und in seiner Freizeit regelmäßig Notarztdienste in Sulzbach-Rosenberg übernimmt. Unterscheiden müsse man einerseits zwischen Benzol, das in Benzin enthalten ist, Terpentin oder Lösungsmitteln, wie sie in Klebern zu finden sind, und andererseits Deo- oder Haarspray, wie es die 18-Jährige am Donnerstagabend verwendet hat, um sich offenbar zu berauschen.

Schwerste zerebrale Schäden

Benzol, Terpentin oder Lösungsmittel sind laut Berendes unmittelbar toxisch für die Nervenzellen. Langfristig führe das zu schwersten zerebralen Schäden, so der Mediziner. "Selbst Kleber kann zu einer sehr nachhaltigen Schädigung des Gehirns führen. Und zwar dauerhaft." Schnüffeln mit Deo- oder Haarspray gilt laut Berendes als Einstiegsschnüffeln. Häufig praktizierten dies Teenager im Alter von 13 oder 14 Jahren. "Ganz oft ist dies leider der Türöffner für eine Drogenkarriere."

Genaugenommen wird das Treibgas geschnüffelt, welches das Deo benötigt, "um aus der Dose rauszukommen". Klassische Treibmittel seien Butangas, Propan und Dimethylether. Sei dieses Gas in entsprechender Konzentration in der Luft, verdränge es den Sauerstoff in der Einatemluft. Weniger Sauerstoff in der Lunge bedeutet laut Berendes weniger Sauerstoff im Blut und schließlich auch im Gehirn und anderen Organen.

Kreislaufversagen und Hirnblutung

Falle die Sauerstoffkonzentration im Gehirn, beeinträchtige dies den Stoffwechsel von Nervenzellen. Das Gehirn schalte eine Art Schutzmechanismus ein. Folge seien verminderte Leistung, Ausfallerscheinungen, Halluzinationen, Müdigkeit – bis hin zur Narkose. All das könne beim Schnüffeln ein gewünschter Effekt sein. "Es gibt aber leider auch andere Wirkungen", warnt Bernendes. Kreislaufversagen beispielsweise. Oder eine Hirnblutung, wenn eine Schwachstelle in einem Gefäß im Gehirn ist. "Daran sind schon Jugendliche nach dem Schnüffeln gestorben", sagt Bernedes und nennt als weiteres Beispiel einen Krampfanfall. "Auch das ist eine gefährliche Situation."

Schnüffeln kann sich auch auf das Herz auswirken. Neben dem Gehirn ist es laut Berendes das Organ, das am meisten auf Sauerstoff im Körper angewiesen ist. Eine Unterversorgung könne eine Herzrhythmusstörung verursachen. Oder einen plötzlichen Herztod auslösen. Die Sauerstoffunterversorgung nämlich mache das Herz empfindlicher für Adrenalin. Wenn Jugendliche allein daheim sind und gerade eine große Schnüffel-Session läuft, die Eltern unverhofft nach Hause kommen und ins Kinderzimmer reinplatzen, könne dies zu einem akuten Adrenalinausstoß führen. Und dieser wiederum zu einem plötzlichen Herztod nach Kammerflimmern.

Mitunter würden sich Schnüffler eine Plastiktüte über den Kopf ziehen, um die Konzentration des Treibgases zu erhöhen. Eindringlich warnt der Oberarzt für Kinder- und Jugendmedizin davor: Schnell könne Bewusstlosigkeit eintreten – und dann der Erstickungstod.

Verbrennungen und Inhalationstrauma

Die 18-Jährige in Sulzbach-Rosenberg hat nicht nur "erhebliche Mengen Deodorant" versprüht, so die Auskunft des Polizeipräsidiums Oberpfalz, sondern sich noch eine Zigarette angesteckt. Es kam zu einer Explosion, wodurch die junge Frau schwerste Verbrennungen erlitt. Scheiben gingen zu Bruch, mehrere Türen wurden aus der Verankerung gerissen, der Schaden summiert sich auf circa 40.000 Euro. Sei die Luft im Raum Treibgas-geschwängert und komme ein Zündfunke hinzu – was auch das Betätigen des Lichtschalters sein könne –, "fliegt alles in die Luft", erklärt Berendes. Mit fatalen Folgen für den Schnüffler: Verletzungen durch umherfliegende Teile oder die Druckwelle, schwere Verbrennungen. Auch ein Inhalationstrauma ist laut Berendes möglich: Das Opfer erschrickt durch den Knall der Explosion, atmet in diesem Moment die Hitze ein, was zu Verbrennungen in der Lunge führt. Die Folge: "Ein sehr schweres Lungenversagen."

Leicht verfügbar und billig

Ein grundsätzliches Problem sei, dass Schnüffel-Stoffe wie Kleber oder Deospray leicht verfügbar und kostengünstig seien. Für Eltern ist es somit schwierig, den Rausch aus der Dose oder aus der Tube als solchen zu erkennen. "Aufpassen muss man, wenn das Kind drei Dosen Deo pro Woche braucht. Da muss man als Eltern nachdenken", sagt Berendes. Oder wenn der Nachwuchs "aus dem Mund nach Deo riecht".

Suchtberatungen gehen davon aus, dass gerade bei Inhalationsmissbrauch die Dunkelziffer sehr hoch ist. Da nur Vergiftungsfälle bekannt werden, bleibt Schnüffeln häufig unentdeckt. "Das fällt bei keinem Drogen-Screeing auf", sagt Rainer Berendes dazu. Er selbst hat in seiner Laufbahn als Kinderarzt einen Fall erlebt, in dem Schnüffeln tödlich endete. Vor 20 Jahren in Nürnberg. Ein Zwölfjähriger hatte Gas aus einem Ballon inhaliert. "Der Junge ist schon hirntot bei uns im Krankenhaus angekommen."

18-Jährige löst mit Deo und Zigarette eine Explosion aus und wird schwerstverletzt

Sulzbach-Rosenberg

"Ganz oft ist dies leider der Türöffner für eine Drogenkarriere."

Dr. Rainer Berendes über das Schnüffeln

Dr. Rainer Berendes über das Schnüffeln

 

 

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