29.07.2021 - 15:54 Uhr
AmbergOberpfalz

"Ein Flachdach in der Altstadt kann nicht sein"

Der Naturschutz kümmert sich um die Natur, Denkmalschützer kümmern sich um Denkmäler. Ein Satz von Bezirksheimatpfleger Tobias Appl, der über einer Podiumsdiskussion schwebt, die passend in einem Denkmal stattfindet.

Im denkmalgeschützten Ringtheater befasst sich die Podiumsdiskussion "Altstadt bewahren & gestalten – Denkmalpflege und Stadtentwicklung auf der Höhe der Zeit mit genau diesem Thema.
von Andreas Ascherl Kontakt Profil

"Altstadt bewahren & gestalten", war die Podiumsdiskussion am Mittwoch im historischen Ringtheater überschrieben. Sie soll Auftakt sein einer ganzen Denkmalreihe der IG Menschengerechten Stadt, die sich davon einen sensibleren Umgang mit der an Denkmälern reichen Amberger Altstadt erhofft. Wie dieser Reichtum an Historie von außen gesehen wird, machte Bezirksheimatpfleger Tobias Appl deutlich, einer der vier Experten auf dem Podium, das von Bertold Bernreuter moderiert wurde. Appl verlieh Amberg in seinem Eingangsstatement gleich einmal das "Rothenburg-Siegel", also das Potenzial zum Touristenmagneten – ohne die Nachteile natürlich, die Rothenburg ob der Tauber davon hat.

Generell sei es nicht Ziel des Denkmalschutzes, "eine Art Freilandmuseum zu schaffen", sagte Appl. Und grundsätzlich sei es praktisch in jedem Gebäude möglich, zeitgemäßes Wohnen zu schaffen. Oft natürlich mit Mehrkosten, dafür würden aber auch öffentliche Zuschüsse gegeben. A und O bei der Behandlung von Denkmälern oder denkmalgeschützter Ensemble ist laut Appl Qualität. Qualität bei den Architekten, Qualität bei der Planung und Qualität bei der Umsetzung. "Von der Stange" funktioniert nach der Einschätzung von Tobias Appl hier nicht.

Denkmalnetz als Gegenbewegung

Ähnlich sieht es auch Birgit Angerer, die Sprecherin des Denkmalnetzes Bayern. Das habe sich aus der Tatsache gegründet, dass die Zahl der Referenten beim Landesamt für Denkmalschutz ebenso zurückgegangen sei, wie die Höhe der dafür ausgegebenen Gelder. Das Denkmalnetz hat auch einen festen Punktekatalog ausgearbeitet, um den Stellenwert des Denkmalschutzes in Bayern wieder zu erhöhen.

Wie aus abgeliebten Denkmälern etwas sehr Attraktives entstehen kann, demonstrierte anschließend der Berchinger Architekt Michael Kühnlein. In seiner Heimatstadt wurde aus einem heruntergekommenen, in den 1980er Jahren völlig vermurksten barocken Gasthof eine jetzt sehr attraktive Gaststätte samt einer modernen Stadthalle, die anstelle der grausligen Erweiterungen aus dem vorigen Jahrhundert steht. Dabei musste das Projekt laut Kühnlein erst den Umweg über einen kuwaitischen Investor gehen, der 2008 mit seinen Palast-Plänen gescheitert war. Erst dann konnte die Stadt Berching das Areal zurückkaufen und in einer eigentlichen Randlage der Altstadt ein neues attraktives Zentrum mit Aufenthaltsqualität zu schaffen.

Kein Flachdach in der Altstadt

Wichtig war Michael Kühnlein der Hinweis, dass der Neubau der Stadthalle, der heute einen klassischen Spitzgiebel hat, zunächst als "Betonschachtel" mit Flachdach geplant war. "Aber ein Flachdach in einer mittelalterlichen Altstadt, das kann nicht sein." Statt Beton gibt es hier heute viel Holz, geschlagen aus dem Berchinger Stadtwald, Worüber sich der Förster sehr gefreut habe, weil ihm sonst der Borkenkäfer die Bäume zerfressen hätte.

"Ein Flachdach in einer mittelalterlichen Altstadt, das kann nicht sein.

Architekt Michael Kühnlein aus Berching

Architekt Michael Kühnlein aus Berching

Vierter im Bunde war am Mittwoch Architekt Johannes Peter Steidl aus Neunburg vom Wald, der viel in der modernen Stadtplanung tätig ist – soweit diese überhaupt noch existiert, wie er anmerkte. "Wir machen keine Stadtplanung mehr, wir weisen einfach neue Baugebiete aus", sagte er. Was dazu führe, dass man heutzutage eigentlich nicht mehr wisse, wo eine Stadt den genau anfange. Die Stadt Amberg beginne sicher nicht draußen am Ortsschild bei den großen Parkflächen vor irgendwelchen flachen Industriebauten. Amberg fange an der Stadtmauer an. Erst hier zeige sich der unverwechselbare Charakter dieser Stadt.

"Wir machen keine Stadtplanung mehr, wir weisen einfach neue Baugebiete aus."

Architekt Johannes Peter Steidl

Architekt Johannes Peter Steidl

Als eine Aufgabe von Architekten nannte Steidl es, für Kunden nicht einfach ein Einfamilienhaus irgendwo zu planen – "das mache ich natürlich auch". Vielmehr sollten die Planer die Menschen davon überzeugen, sich ein ungenutztes Denkmal zu kaufen und zu sanieren. "Oft ist es Liebe auf den ersten Blick, wenn sie das Haus erst einmal gesehen haben", sagte Steidl, der übrigens selbst mit seiner Familie so ein Stadtmauerhaus in Neunburg hergerichtet hat.

Fachstellen haben sich positioniert

Naturgemäß waren viele der doch zahlreichen Zuschauer nur ins Ringtheater gekommen, um sich argumentative Unterstützung gegen das geplante Ten-Brinke-Projekt auf dem Grundstück neben dem alten Kino zu holen. Den Gefallen taten ihnen die Referenten aber nicht. So hob Tobias Appl durchaus positiv hervor, dass die Stadt ja schon sehr intensiv über die Planungen diskutiere. "Die Fachstellen haben sich außerdem positioniert", hob er auf die ablehnenden Stellungnahmen von Landesamt für Denkmalpflege und der Stadtheimatpflegerin hin.

Grundsätzlich müsse man jedes Bauprojekt zunächst einmal kritisch betrachten", sagte Architekt Michael Kühnlein. "Das muss auch jemand begeistern, der keinen Bezug zur Architektur hat", gab er als Maßstab vor. Aber natürlich sei Investoren-Architektur immer darauf ausgelegt, am Ende möglichst viel Euro pro Quadratmeter zu erlösen.

Mehr zum Thema Bürgerspitalareal

Amberg

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.