21.09.2021 - 17:21 Uhr
AmbergOberpfalz

Feuer frei: Amberger JVA kann künftig Drohnen abschießen

Radiofrequenzsensoren erfassen die Objekte schon vor dem Start, am Bildschirm wird der Flug verfolgt, mit einer Spezialwaffe erfolgt der Abschuss: Das Amberger Gefängnis hat ein hochmodernes Abwehrsystem bekommen – zum Abschuss von Drohnen.

Drohnen im Blick: Wer künftig illegal das Gefängnis-Gelände mit Drohnen überfliegt und Päckchen mit Drogen, Waffen oder Handys in die Anstalt zu schmuggeln versucht, muss damit rechnen, dass die Drohne abgeschossen wird.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Die Amberger Justizvollzugsanstalt (JVA) rüstet weiter auf: Bereits im April berichtete Oberpfalz-Medien über einen neu gebauten Wachturm mit Spezialtechnik und Sicherheitsverglasung – von dort aus haben die Wachen die Häftlinge noch besser im Blick als zuvor. Nun zieht die Anstaltsleitung die Sicherheitsschrauben zusätzlich an: Als erstes Gefängnis in Bayern bekommt die Einrichtung in der Werner-von-Siemens-Straße ein System zur Erfassung und zum Abschuss von Drohnen. Was es damit auf sich hat und wie die moderne Waffe funktioniert, erklärt die stellvertretende Amberger JVA-Chefin Veronika Retzbach.

"Wir sind Teil eines Pilotprojekts. Das Justizministerium hat uns ausgewählt. Erfahrungen, die mit dem Abwehrsystem in Amberg gewonnen werden, sollen dann auf alle Gefängnisse in ganz Bayern übertragen werden", sagt die 39-Jährige. Bei der neuartigen Drohnenabwehr für den stattlichen Preis von 600.000 Euro handelt es sich um ein zweistufiges System. "Die erste Komponente ist die Detektion", beschreibt Retzbach die Funktionsweise. "Auf dem gesamten Anstaltsgelände sind Sensoren verteilt. Sobald ein Flugobjekt startet und sich dem Gefängnis nähert, wird es erfasst. Wir können die Flugbahn auf einem Bildschirm genau nachverfolgen und wissen so immer, wo es sich befindet."

Dropster verschießt Wurfnetz

Dringt eine Drohne in den Luftraum über der JVA ein, schlage das System Alarm. Jedoch werde nicht sofort geschossen. "Ein Mitarbeiter läuft dann zu der entsprechenden Stelle und schaut sich an, ob eine Bedrohung vorliegt. Unsere Hoffnung ist, dass bereits zu diesem Zeitpunkt der Drohnenpilot abdreht, dann müssen wir nicht zum Äußersten greifen."

Wenn das nicht reicht, wird die Drohne vom Himmel geholt – mit einem sogenannten Dropster. Retzbach erklärt, was das ist: "Es handelt sich um ein Gewehr, das auf bis zu 30 Meter Entfernung ein Wurfnetz verschießt. Das Netz wickelt sich um die Rotoren und bringt die Drohne so zum Absturz." Die Waffe werde aber nur von speziell hierfür geschulten Mitarbeitern und mit Bedacht eingesetzt. "Nicht alle Situationen eignen sich für einen Abschuss. Wir wollen niemanden verletzen." Dies könnte zum Beispiel dann der Fall sein, wenn die Drohne auf einem belebten Gehweg vor den Gefängnismauern oder im Hof Insassen auf den Kopf fallen würde.

Bei dem neuen System handelt es sich Retzbach zufolge nicht um eine "Spielerei", sondern um eine wichtige Neuerung, die eine Sicherheitslücke schließt, welche es inzwischen gibt. Allein in den vergangenen fünf Jahren habe es in Bayern knapp 60 erfasste Drohnenvorfälle bei den Gefängnissen gegeben. "Dieses Problem nimmt zu. Drohnen kriegt man heutzutage manchmal ja sogar schon beim Aldi für kleines Geld." Für die Sicherheit einer JVA stelle das eine Gefahr dar. Kriminelle oder Kontaktpersonen von außerhalb könnten schließlich per Drohne Gegenstände über die Gefängnismauern transportieren. Auch die Amberger JVA hat damit bereits Erfahrungen gesammelt. "Wir hatten bislang schon drei oder vier Vorfälle mit Drohnen."

Waffenschmuggel verhindern

Doch worin besteht die Gefahr konkret? "Drohnen haben Kameras, mit denen sich das Gefängnis und einzelne Gelände-Örtlichkeiten aus der Luft ausspionieren lassen." Die Flugobjekte würden oft auch dazu benutzt, um Handys, Betäubungsmittel, Waffen oder Werkzeuge, die für einen Ausbruchsversuch hilfreich sein könnten, in die Anstalt zu schmuggeln. "Bislang konnten wir da nur zuschauen", sagt Retzbach. Doch das sei nun vorbei. Dank der Radiofrequenzwellen funktioniert die Detektion auch bei Dunkelheit, Nebel oder Regen. "Das ist völlig wetterunabhängig", sagt die Beamtin. "Würde es nur bei Sonnenschein funktionieren, das wäre ja auch unsinnig. Das Geld hätte man dann anders ausgeben können."

Einen tieferen Grund, dass ausgerechnet die Amberger JVA vom Justizministerium als Pilotprojekt ausgewählt wurde, gebe es aber nicht. So sei Amberger keine Gefängnisanstalt, die mit einem besonderen Drohnenproblem hervorstechen würde. Dennoch freut sich die Anstaltsleiterin über die Entscheidung. "Wenn es technische Neuerungen gibt, ist es wichtig, dass die Justiz darauf reagiert. Wir freuen uns, die erste JVA in Bayern mit dem System zu sein, und geben unsere Erfahrungen gerne weiter."

Überflüge verboten

Retzbach betont zudem, dass ein Flug über eine JVA sowieso verboten sei. Zwar könnte ein Drohnen-Überflug eines Hobby-Piloten auch ein Versehen sein, aber: "Wir bewerten jeden Fall individuell. Wenn sich eine Drohne mit einem Päckchen einem Häftlingsfenster nähert, dann greifen wir definitiv ein." Hier greife die gesetzlich verankerte Notstandsregelung: Um eine drohende Gefahr abzuwenden, dürfen auch fremde Gegenstände beschädigt werden. Sollte es sich wider Erwarten doch um einen Flug ohne kriminelle Absicht handeln, dann greife im Zweifel die Amtshaftung.

Amberg
Hintergrund:

Drohnenabwehr in der JVA Amberg

  • Technik: Zweistufiges Detektions- und Abwehrsystem. Sensoren erfassen Flugobjekte und verfolgen die Flugbahn. Dreht die Drohne nicht ab, kommt der Dropster zum Einsatz – ein Gewehr, das Wurfnetze bis zu 30 Meter verschießt.
  • Funktion: Das System funktioniert dank Radiofrequenzdetektion auch nachts, bei Nebel oder Regen
  • Kosten: 600.000 Euro, finanziert durch das bayerische Justizministerium.
  • Pilotprojekt: Das System wird in Amberg getestet. Die Erfahrungen werden dann auf alle Gefängnisse in Bayern übertragen.
  • Rechtliches: Der Flug über Justizvollzugsanstalten ist verboten. Der Abschuss von illegalen Drohnenüberflügen wird mit der Notstandsregelung begründet – der Abwehr drohender Gefahr.

"Dieses Problem nimmt zu. Drohnen kriegt man heutzutage manchmal ja sogar schon beim Aldi für kleines Geld."

Veronika Retzbach, stellvertretende Leiterin der JVA Amberg

Veronika Retzbach, stellvertretende Leiterin der JVA Amberg

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