08.05.2021 - 15:25 Uhr
AmbergOberpfalz

Erst die Flak, dann die Flucht: Zwei Zeitzeugen erzählen vom Ende des Weltkrieges

Am Ende des Zweiten Weltkriegs sollen 15- und 16-Jährige München verteidigen. Drei Oberpfälzer fliehen von der Front zurück in die Heimat – vor fanatischen Nazis und Amerikanern. 76 Jahre später erzählen zwei von ihnen ihre Geschichte.

"Wir hatten sehr, sehr viel Glück": Ulrich Schwarz und Ludwig Lehmeier flohen vor 76 Jahren von der Front zurück in die Oberpfalz.
von Julian Trager Kontakt Profil

Es war ein klarer, sonniger Tag, aber das Donnern aus der Ferne wurde lauter. Der Kommandant der Flakbatterie rief seine Truppe zusammen, etwa 40 Jungs sammelten sich auf einer Wiese neben einem Bauernhaus. Der Krach von Panzern war zu hören, die Amerikaner standen vor München, kurz vor ihrer Stellung, dem Weiler Neuhimmelreich bei Dachau. Munition, um die Panzer abzuwehren, hatte die kleine Truppe nicht. Der Batteriechef befahl, die eigenen Geschütze zu zerstören. Mit einem „Sieg Heil“ entband er seine 15- und 16-jährigen Untergebenen vom Führereid. „Sieg Heil“, entgegneten die Buben – dann rannten sie los. „Wie eine Schafherde sind wir dann alle über die Wiese, alle sind abgehauen“, erzählt Ludwig Lehmeier. Die jungen Flakhelfer waren nun auf sich alleine gestellt, mitten in den chaotischen Endtagen des Zweiten Weltkriegs.

Ludwig Lehmeier wuchs in Wolfsbach auf, er war damals fünfzehneinhalb. Ulrich Schwarz kam aus Schnaittenbach (beide Kreis Amberg-Sulzbach), er war sechzehn. Heute, fast genau 76 Jahre später, sind die beiden 91 und 92, Lehmeier lebt mittlerweile in Amberg, Schwarz in Niedergebraching (Kreis Regensburg). Wenn sie bei sich daheim in ihren Esszimmern sitzen und von ihrer Geschichte erzählen, wirken beide um einiges jünger, als sie sind. Freilich ist nicht mehr jedes Detail im Kopf – und dennoch erinnern sie sich noch gut an den 29. April 1945, an den Beginn ihrer Flucht von der Front zurück in die Heimat in der Oberpfalz. Zu Fuß marschierten sie und Martin, ein dritter Kamerad aus Hahnbach, durch halb Bayern, durch ein zerstörtes und mitgenommenes Land – immer mit der Angst im Nacken, zuerst von fanatischen Nazis oder später von Amerikanern erwischt zu werden.

Nachdem sie der Batteriechef entlassen hatte, wollten die drei Jungs ihre braune Uniform loswerden. Mit der würden sie nicht weit kommen, das war ihnen klar. Ludwig hatte Probleme, einer aus der Kleiderkammer wollte ihm die Persilschachtel mit seinen Zivilklamotten nicht geben. „Der wollte die für sich“, erinnert sich Lehmeier. Irgendwann bekam er sie dann doch. Hinter einer Hecke zogen sich die Buben um, warfen die Uniform weg, das Soldbuch, die Ausweispapiere. Nichts sollte sie identifizieren können.

Probleme wegen einer Mütze

Das Trio hatte sich zusammengeschlossen, um gemeinsam in die Oberpfalz zurückzugehen. „Wir wollten bloß heim“, sagt Schwarz. „Wir wollten bloß überleben.“ Aber einfach so durchs Land zu ziehen, erschien ihnen an diesem Tag als zu gefährlich. Die Angst vor der SS und vor glühenden Nazis war groß. „Da waren ja noch ganz Narrische unterwegs“, meint Schwarz. Aber wohin? Martin, der Kamerad aus Hahnbach, hatte eine Tante in München – bei der wollten sie sich verstecken.

Als die drei Amberg-Sulzbacher in der Stadt ankamen, war es bereits dunkel geworden. Auf einer Brücke am Rand von München wurden die Jungs von deutschen Soldaten angehalten. Ludwig trug eine grüne Mütze, Militärstoff, eine Edelweiß darauf, er hatte sie sich daheim in Wolfsbach schneidern lassen. Weil sie an eine Armeemütze erinnerte, gab es nun ein Problem. „Die haben meine Mütze gesehen und uns für Ausreißer gehalten“, sagt Lehmeier. „Jetzt nehmen sie uns mit“, dachte er. Eine Frau, die ihnen den Weg zu Martins Tante zeigen wollte, versuchte, die Burschen herauszureden: Was sie denn mit denen wollen! Das seien doch nur Buben, keine Ausreißer! Die Soldaten ließen die Gruppe durch. Kaum waren sie außer Sichtweite, warf Ludwig seine Mütze weg.

„Wir hatten noch keinen Bart, wir mussten uns noch nicht rasieren“, sagt Schwarz. „Wir sahen halt aus wie Buben – wir waren ja auch noch Buben.“ Das war ihr Glück, da sind sie sich heute sicher. Ihre Geschichte hätte nämlich auch ganz anders ausgehen können.

Für Regime eine "Form von Desertion"

Als Verräter oder Deserteur fühlten sie sich nicht, sagt Schwarz, sie waren ja vom Führereid entbunden worden, sie hatten ja gewusst, dass der Krieg bereits verloren war. „Aus Sicht des Regimes war es eine Form von Desertion“, erklärt der Regensburger Geschichtsprofessor Bernhard Löffler, „in der Praxis war es aber ein Phänomen der sich auflösenden Strukturen der Wehrmacht.“ Die Ordnung war Ende April 1945 bereits zerfallen – aber nicht jeder Nazi sah das auch ein.

Im Lauf des Krieges hätten sich die Fahnenfluchtprozesse zunehmend radikalisiert, erklärt der Historiker. „Es gab nur noch eine scheinrechtliche Ordnung, alles hat sich erheblich dynamisiert, es gab mehr Todesurteile“, so Löffler, der Inhaber des Lehrstuhls für bayerische Landesgeschichte an der Universität Regensburg ist. „Das Schicksal war oft von Zufällen abhängig.“ Obwohl die Amerikaner kurz davor standen, München einzunehmen – wären die drei Oberpfälzer am Anfang ihrer Flucht an die falschen Männer geraten, „hätte das schon übel ausgehen können“. Bei Standgerichten seien die Angeklagten im Grunde rechtlos, die Todesstrafe oft von vornherein schon klar gewesen. „Es gab auch spontane Racheaktionen, die oft nicht dokumentiert sind“, sagt Löffler. In München kämpften Fanatiker bis zur letzten Minute.

Zweiten Weltkrieg: Zeitzeugen erinnern sich an ihre Flucht von der Front

Zu klein für die Flak

Ulrich und Ludwig wurden Anfang 1945 zum Reichsarbeitsdienst (RAD) einberufen. Der RAD war ein paramilitärischer Verband für Jugendliche, der sich anfangs vor allem um den Aufbau und Ausbau der Infrastruktur kümmerte. Später im Krieg bekam er mehr und mehr militärische Aufgaben. In Pfarrkirchen wurden Ulrich und Ludwig im Schnelldurchlauf ausgebildet. Antreten, marschieren, durch den Dreck robben. Den Umgang mit Karabiner, Maschinengewehr und Panzerfaust lernen. Nach ein paar Tagen ging es mit dem Zug über Eggenfelden nach Dachau, von dort aus zu Fuß zur Flakstellung in Neuhimmelreich – wo sie gleich bei der Ankunft von einem Höllenlärm erschreckt wurden. Fliegeralarm. Amerikanische Bomber griffen München an, die schweren Geschütze, Kaliber 10,5, ballerten mit „unbeschreiblichem Getöse“ los, erinnert sich Schwarz. „Da standen wir da, starr, haben gestaunt, das Maul und die Augen aufgerissen.“ Der Geschützführer drohte, sie erschießen zu lassen. Was die Neuankömmlinge da taten, sei schließlich Feigheit vor dem Feind.

Ein paar Wochen lang schossen sie dreimal am Tag, dreimal in der Nacht auf feindliche Flieger, von denen sie nur Kondensstreifen am Himmel sahen. Ulrich bekam mit der Zeit einen Posten auf dem Geschütz, Seitenrichtkanonier. Weil er aber noch so klein war, musste er sich einen Holzklotz unter den Hintern schieben, als Sitzerhöhung. Wurde gefeuert, hüpfte das ganze Geschütz – „und wir sind alle heruntergefallen“, sagt Schwarz und lacht.

Am 29. April war ihr Einsatz vorbei. Als sich die drei Amberg-Sulzbacher nach München durchschlugen, hatte die US-Armee das KZ Dachau bereits befreit.

Über München wurden im Zweiten Weltkrieg 3,5 Millionen Bomben abgeworfen. Als das Trio die Stadt erreichte, war sie ein Trümmerfeld, die historische Altstadt zu 90 Prozent zerstört. Das Haus von Martins Tante stand noch. „Das war unser Glück“, sagt Schwarz. Mit Kleiderläusen im Gepäck tauchten sie dort unter. Sie blieben bis Mittwoch, zwei Tage nachdem die Amerikaner München eingenommen hatten und sich in Berlin Adolf Hitler selbst getötet hatte. Dann wagten sich die drei Jugendlichen auf den Heimweg, mehr als 200 Kilometer zu Fuß, ohne Geld.

Begegnung mit einem "Deutschenfresser"

Über Freimann ging es in die Holledau, an den genauen Ort erinnern sie sich nicht mehr. Auf der Suche nach einem Quartier landeten sie, ausgerechnet, beim Nazi-Bürgermeister, der sich aber weigerte, die Jungs aufzunehmen. Bei hilfsbereiten Frauen kamen sie dann unter, zum ersten Mal seit langem konnten sie wieder in einem gescheiten Bett schlafen, nicht am Boden, nicht auf Stroh. Allerdings vertrug Martin das Essen nicht – das Zimmer war danach nicht mehr so sauber. Am nächsten Tag brachen sie früh auf. „Wir haben uns immer wieder umgeschaut, ob die Leute nicht nachkommen“, erzählt Ludwig Lehmeier. „Was haben wir da lachen müssen.“

In der Nähe von Pielenhofen, rund 35 Kilometer vor Ludwigs Heimatdorf, wurde es noch einmal eng. „Plötzlich haben wir ein Pfeifen und Schreien gehört“, erzählt Schwarz. Es war ein Amerikaner, der flüchtende Deutsche suchte. Ein „Deutschenfresser“, so schrieb es Schwarz später in seinen Erinnerungen auf. Es war der 6. Mai, die US-Truppen hatten die meisten Gebiete in Bayern bereits eingenommen, aber der Krieg war offiziell noch nicht zu Ende. Die Burschen wurden nervös, bekamen Angst, berieten sich. Wie sollten sie erklären, dass sie trotz Ausgangssperren unterwegs waren? Sie seien auf der Suche nach Brot, erklärten sie. Der Amerikaner ließ nicht locker. Als ihm die Oberpfälzer sagten, dass sie im Krieg nichts gewesen waren, wurde er aggressiv. Er hatte das schon zu oft gehört. „Das ging eine Zeitlang so hin und her. Dann hat er uns aber doch laufen lassen“, sagt Schwarz, „weil wir so jung waren.“

Lange Kontakt verloren

Noch am selben Tag, es war ein Sonntag, kamen sie in Wolfsbach an. Ludwigs Vater hatte die drei vom Küchenfenster aus gesehen, auf dem Dorfplatz empfing er seinen Sohn. „Das war schön“, erinnert sich Lehmeier an die Szene, in seinen Augen stauen sich Tränen. Seine Mutter kochte geröstete Kartoffeln und Büchsenfleisch. Ulrich und Martin übernachteten in Wolfsbach.

Ulrich kehrte am nächsten Tag nach Schnaittenbach zurück. Die Eltern weinten vor Glück, wenigstens einer von drei Söhnen war wieder daheim. Von Ulrichs beiden älteren Brüder hatten sie seit Jahresanfang nichts mehr gehört. Die Brüder hatten an der Ostfront weniger Glück, einer fiel im März 1945, der andere starb aller Wahrscheinlichkeit im Januar 1945, als die Rote Armee an seinem Frontabschnitt eine Großoffensive startete, seine Leiche wurde nie gefunden. „Ich war heilfroh, davon gekommen zu sein“, sagt Schwarz. „Ich weiß, dass ich sehr, sehr viel Glück hatte. Aber lustig war es bestimmt nicht.“

In der Zeit nach dem Krieg verloren sich die drei Oberpfälzer aus den Augen. „Jeder musste erstmal selber schauen, wie er sein Leben auf die Reihe bekommt“, erklärt Schwarz, der erst Lehrer und dann Ingenieur wurde. Er hat drei Kinder und fünf Enkel. Ludwig Lehmeier wurde Schneider, er hat einen Sohn, drei Enkel und vier Urenkel. Martin starb 2002 bei einem Verkehrsunfall. Die traurige Nachricht seines Todes brachte Ulrich und Ludwig nach fast 60 Jahren wieder zusammen. Seitdem halten sie Kontakt, telefonieren ab und zu miteinander. Und sie besuchen sich gegenseitig, wenn es runde Geburtstage zu feiern gibt.

Wiesauerin versteckt 1945 zwei jüdische Brüder

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Oberpfälzer Widerstand gegen das NS-Regime

Weiden in der Oberpfalz
Hintergrund:

Fahnenflucht in NS-Zeit

  • Das Thema Fahnenflucht ist „oftmals nicht eindeutig", erklärt der Regensburger Geschichtsprofessor Bernhard Löffler. In vielen Fällen sei es unklar, was genau Desertion ist. Es gebe relativ wenig Forschung dazu.
  • In vielen Fällen sei es unklar, was Desertion ist. Es gebe wenig Forschung dazu.
  • Der Historiker spricht von etwa 350.000 Deserteuren in der NS-Zeit. 30.000 seien zum Tode verurteilt worden, 20.000 Urteile seien vollstreckt worden. Die Zahlen seien aber ungenau. Und: „Die Jugendlichen, die von der Front geflohen sind, fallen vermutlich gar nicht darunter.“

 

 

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