26.01.2021 - 12:58 Uhr
AmbergOberpfalz

Chefarzt appelliert: "Nicht an tägliche Todesfälle gewöhnen"

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Hamid Hossain ist Chefarzt der Mikrobiologie im Klinikum St. Marien Amberg und in den Kliniken Nordoberpfalz. Im Interview verrät er, was er vom erneuten Lockdown hält und was wir jetzt alle beherzigen sollten.

Professor Hamid Hossain ist seit 1. Januar 2017 Chefarzt der Mikrobiologie der Kliniken Nordoberpfalz AG (Weiden) und St. Marien in Amberg.
von Thomas Kosarew Kontakt Profil

ONETZ: Herr Professor Hossain, wie wichtig war und ist es aus Ihrer Sicht, den Lockdown zu verlängern?

Professor Hamid Hossain: Das Ziel des Lockdowns war es, die rasant und anhaltend angestiegenen Infektionszahlen zunächst zu verlangsamen und dann stetig zu reduzieren. In dieser Hinsicht ist der Lockdown bislang erfolgreich gewesen: Der Anstieg wurde gestoppt und die Infektionszahlen, wie beispielsweise die Anzahl der täglichen neuen Fälle oder die Sieben-Tage-Inzidenz, sinken. Aber das Ziel ist noch nicht ganz erreicht, denn die Infektionszahlen haben noch nicht ein Niveau erreicht, bei dem man von Entwarnung sprechen könnte. Die Zahlen sind noch zu hoch.

ONETZ: Müssen wir uns folglich auf eine weitere Verlängerung des Lockdowns über den 15. Februar hinaus einstellen?

Professor Hamid Hossain: Aus infektiologischer und epidemiologischer Sicht ist es nun wichtig, dass die Maßnahmen des Lockdowns so lange aufrechterhalten werden, bis man hinsichtlich der Infektionszahlen ein sicheres Niveau erreicht hat. Eine voreilige Beendigung dieser Maßnahmen wäre nicht zielführend und würde den bisherigen Erfolg zunichtemachen.

ONETZ: Sie würden sich also nicht auf einen bestimmten Tag festlegen wollen?

Professor Hamid Hossain: Wir dürfen nicht vergessen, dass die aktuell sinkenden Infektionszahlen nur eine Momentaufnahme darstellen und vor allem auf Maßnahmen und Verhaltensweisen beruhen, die vor knapp zwei Wochen stattgefunden haben. Jetzt kommen aber erschwerend Mutationen des Sars-CoV-2-Virus hinzu. Nach derzeitigem Kenntnisstand sollen diese Mutationen ansteckender sein. Das birgt ein Risiko, dessen Dimension wir mit Blick auf andere Länder durchaus erahnen können. Wir müssen mit mehr Übertragungen rechnen. Wenn wir jetzt zu schnell die Maßnahmen zur Verhinderung von Übertragungen lockern oder gar beenden, können die Infektionszahlen wieder rasant ansteigen, und wir hätten den erreichten Erfolg verspielt. Jetzt gilt es, die Ausbreitung dieser Mutationen unbedingt zu verlangsamen und nicht zu erleichtern. Daher sollten alle Maßnahmen, die nachweislich eine Übertragung des Virus verhindern oder verlangsamen können, aufrechterhalten und nicht schlagartig an einem Datum beendet werden.

ONETZ: Ist es sinnvoll, immer zwei Wochen zu verlängern oder wäre es besser, sich ein konkretes Ziel zu setzen, sprich eine Inzidenz von 50 oder 25 oder sogar 0,0 – unabhängig von der Dauer?

Professor Hamid Hossain: Konkrete Ziele sind meines Erachtens nachvollziehbarer als ein starres, festgelegtes Datum. Allerdings sollten diese Ziele so gewählt werden, dass sie realistisch innerhalb eines bestimmten Zeitraums auch erreicht werden können. Das heißt, eine zeitliche Komponente wird es in der Corona-Strategie geben, egal ob es sich dabei um eine Entry- oder Exit-Strategie handelt. Der Zeitpunkt muss aber nicht scharf gewählt werden, da er von vielen bekannten, aber auch unbekannten Faktoren abhängig ist.

ONETZ: Was halten Sie davon, einen Wert von 0,0 anzustreben?

Professor Hamid Hossain: Eine No-Covid- oder Zero-Covid-Strategie ist bereits in einigen Ländern erfolgreich praktiziert worden. Das Ziel No-Covid ist also nicht völlig realitätsfremd, aber sehr sportlich und bedarf rigoroser Maßnahmen und sehr hohen Durchhaltevermögens. Die Chance wäre durchaus gegeben, die 7-Tage-Inzidenz in einer überschaubaren Zeit flächendeckend unter 10, idealerweise auf null, zu senken, so dass lokale Erhöhungen von Fallzahlen schnell und konsequent erfasst und wieder reduziert werden können.

ONETZ: Dann wären ja auch wieder Lockerungen möglich.

Professor Hamid Hossain: Dieses Vorgehen hätte die Perspektive und den Charme, dass nach einem Tal der Tränen das Leben im privaten und öffentlichen Sektor sowie in der Arbeitswelt anhaltend - bis auf lokale Ausnahmen - im Normalbetrieb laufen könnte. Auch eine 7-Tage-Inzident von unter 25 ist ein vielversprechendes Ziel. Ziele mit Werten zwischen 50 und 100 sind sicher schneller zu erreichen, bergen aber die Gefahr, dass man sich gegebenenfalls immer wieder von Lockdown zu Lockdown hangeln muss.

ONETZ: Ab welcher 7-Tage-Inzidenz kann das Klinikum St. Marien so arbeiten, dass Sie sagen, es ist normaler Betrieb mit normaler Versorgung möglich? Müsste der Wert wirklich runter auf null oder gibt es eine Art Schmerzgrenze, die durchaus höher liegen könnte?

Professor Hamid Hossain: Die Frage zu den Voraussetzungen eines Normalbetriebs lässt sich nicht mit einer konkreten 7-Tage-Inzidenz beantworten. Die Aufrechterhaltung eines Normalbetriebs hängt vielmehr von drei anderen wesentlichen Faktoren ab: Verfügbare Bettenkapazitäten auf Normal- und Intensivstationen, Personalstand und Anzahl positiver Patienten im Klinikum.

ONETZ: Diese Faktoren können sich aber jeden Tag ändern. Wie gehen Sie damit um?

Professor Hamid Hossain: Wir haben intern innerhalb des Krisenstabs ein Ampelsystem etabliert, das uns in Abhängigkeit der drei genannten Faktoren erlaubt, schnell auf Veränderungen zu reagieren. So können wir unabhängig von der 7-Tage-Inzidenz bei einem Bedarf für die Versorgung von Covid-Patienten mit Teilschließungen von Stationen, Reduzierung von elektiven Eingriffen und Umschichten von Personalressourcen schnell die Bettenkapazitäten für die Covid-Versorgung erhöhen. Umgekehrt können wir den Normalbetrieb ebenso schnell stufenweise wieder einführen, wenn es die vorher genannten Faktoren zulassen.  

ONETZ: Hand aufs Herz: Was hätte die Politik mit Beginn der zweiten Welle besser machen können oder anders machen sollen?

Professor Hamid Hossain: Im Nachhinein ist man immer schlauer. In der Rückschau hätte man, basierend auf der Erfahrung anderer Länder, den Lockdown früher beginnen können. So hätte man den großen Fallzahlen nicht hinterherlaufen müssen. Aber man muss zugeben, dass es zu diesem Zeitpunkt sowohl in der Bevölkerung als auch in der Politik große Widerstände gegen einen erneuten Lockdown gab. Die viel wichtigere Frage ist doch, was die Politik und die Bevölkerung aus der zweiten Welle gelernt hat, um eine dritte Welle zu vermeiden. Und was man aus dem Gelernten bereit ist, tatsächlich im Konsens auch umzusetzen. Hinweise und Belege gibt es genug. Ist man bereit, alles zu tun und dafür die Chance auf ein Ende mit Schrecken zu haben oder will man lieber den Weg des bekannten Schreckens gehen, aber dafür immer wieder? Diese Frage sollte sich jeder von uns stellen.

ONETZ: Was kann jeder Einzelne noch tun, außer sich an die Regeln und Vorschriften zu halten?

Professor Hamid Hossain: Wir Menschen neigen dazu, uns zu schnell an die Magie der großen Zahlen zu gewöhnen. Während uns in der ersten Welle tägliche Fallzahlen von 3000 schockierten, freuen wir uns heute, wenn sie wieder auf 12.000 absinken. Hinter diesen Zahlen stehen auch Todesfälle. Seit Auftreten von Covid-19 sind etwa 52.000 Menschen in Deutschland gestorben. Das wäre so, als ob eine neue Infektionskrankheit alle Einwohner der Stadt Passau in einem Jahr ausgelöscht hätte. Diese Zahl ist zu hoch, und der Gedanke an sie muss unerträglich sein. Wir dürfen uns nicht an die tägliche Meldung von Todesfällen als reine Zahlen gewöhnen. Nur dann sind wir bereit, alles zu tun, um dauerhaft diese Zahl niedrig zu halten.

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Hintergrund:

Zur Person: Professor Hamid Hossain

Der 52-Jährige ist in Frankfurt am Main aufgewachsen, studierte Humanmedizin von 1988 bis 1995 an der Justus-Liebig-Universität in Gießen, promovierte 2001 und ist seit 2002 Facharzt für Medizinische Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie.

Nach der Ernennung zum Oberarzt (2004) folgte die Übernahme der Ärztlichen Leitung des Instituts für Medizinische Mikrobiologie am Universitätsklinikum Gießen im Jahre 2008. Vor seinem Engagement in Amberg und Weiden (2017) war Hossain in Gießen stellvertretender Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie. Seit 1996 lehrte und forschte er an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Anfang 2017 hat er zudem die Professur für Krankenhaushygiene an der Technischen Hochschule Mittelhessen in Gießen angenommen und vertritt dieses Fach in Lehre und Forschung.

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