19.02.2021 - 09:16 Uhr
AmbergOberpfalz

"Dem Böibl Bou sei Bou": Warum Hausnamen die besseren Nachnamen sind

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Eine der schönsten Besonderheiten der bairischen Sprache sind die Hausnamen. Sie funktionieren ganz ähnlich wie die skandinavischen Namensbezeichnungen. Wie? Das erklärt Veronika Schmalzl.

Bei der Familie Franz heißt es "beim Kraus'n". Das ist völlig klar - zumindest den Einheimischen.
von Autor (gri)Profil

Johan Johansson - das ist in Schweden zum Beispiel ein völlig normaler und logischer Namen. Den Schweden ist dabei klar: Dieser Mann heißt Johan und ist der Sohn eines Mannes, der auch Johan heißt. Und ganz ähnlich ist es im Bairischen auch: der Hansgirgl Alfons ist natürlich Alfons, der Sohn des Hans-Georg und der Fritzn Franz ist niemand anderer als Franz, Sohn des Fritz.

Gefährdetes Kulturgut

"Die Hausnamen im Bairischen und insbesondere in der Oberpfalz sind eine sprachliche Eigenheit, die in Vergessenheit gerät, ein gefährdetes Kulturgut", sagt Veronika Schmalzl, die Managerin der Lokalen Aktionsgruppe (LAG) Regionalentwicklung Amberg-Sulzbach. Die LAG hat sich unter anderem zum Ziel gesetzt, regionale Identität zu fördern. Die Pflege der Hausnamen ist dabei ein konkretes Projekt. „Wir haben bereits vor ein paar Jahren angefangen, Schilder an Höfe und Anwesen zu verteilen, um auf die Hausnamen aufmerksam zu machen“, erzählt Melanie Altas von der LAG, die ebenfalls mit dem Vorhaben betraut ist. „Jetzt starten wir eine neue Runde.“

Im Prinzip ist es bei den Hausnamen so: Jede Hofstelle hat einen Namen, zum Beispiel "beim Weber", beim "Weberdammer" (der Thomas des Webers). Der Hausname war in früheren Zeiten wichtiger als der amtliche Nachname, der war Nebensache. "Wichtig war zu wissen, aus welchem Hof man herausstammte und nicht, wie man nun genau hieß", erklärt Altas. Damit man die Leute auch immer richtig zuordnen konnte, verblieb der Hausname in der Regel bei der Hofstelle, auch wenn der Eigentümer wechselte. Der "Weber" blieb der "Weber", auch wenn in dem Haus längst nicht mehr gewebt wurde.

Plastische Beschreibungen

Dabei ging es nicht nur um Berufsbezeichnungen. Die Sprache lässt breiten Raum für diverse andere Beschreibungen des Namensträgers, das können etwa auch recht plastische körperliche Eigenschaften sein. "Beim Blaschn" zum Beispiel deutet auf einen Mann mit schütterem oder weißem Haar hin, der Hausname "Dickn" versteht sich von selbst und "Böibl" ist für den Mundartsprecher ebenfalls eindeutig. Der ursprüngliche Namensträger hatte die Eigenschaft, ein "Bübchen" zu sein. Lautmalerisch schöner wird es dann noch, wenn vom "Böibl Bou" die Rede ist - dem Sohn des Bübchens. Und es geht sogar noch interessanter: "Dem Böibl Boum sei Bou": Völlig klar, wer damit gemeint ist.

Beispiel für Hausnamen: Die Bezeichnung der Anwesen in Schleißdorf in der Gemeinde Freudenberg. Nur zwei sind mittlerweile in Vergessenheit geraten: Schießlbauer und Häusler.

"Die Hausnamen sind nicht tot", weiß Uli Piehler, er ist Ortsheimatpfleger in Freudenberg. "Es gibt sie immer noch, sie ändern sich und sie entstehen unter den Vorzeichen der Moderne neu." Er kennt einen Fall, bei dem eine Familie aus den Neuen Bundesländern in ein Dorf zog. "Die Familie bewohnte eine Wohnung beim Schrout. Niemand konnte sich anfangs den fremd klingenden Namen der zugezogenen Familie merken. Aber ein neuer Hausname machte sofort die Runde und wurde von allen anerkannt. Es war der Schroutmieter mit seinem Schroutmieter-Wei (Ehefrau) und seinem Schroutmieter-Moidl (Tochter)."

Schon bald gibt es wieder Schilder, die an Anwesen mit Hausnamen angebracht werden können. Wer in der neuen Runde dabei sein will, muss nur Kontakt mit der LAG Amberg-Sulzbach aufnehmen und den Namen nennen, der auf das Schild gedruckt werden soll. Jedes Schild ist bezuschusst und kostet am Ende nur noch 20 Euro für den Erwerber. Alle Infos gibt es kompakt auf den Internetseiten www.lag-amberg-sulzbach.de. Hier steht auch ein Formular zum Ausfüllen und Ausdrucken bereit.

Laut Veronika Schmalzl hängen mittlerweile rund 1500 Schilder mit Hausnamen im Landkreis Amberg-Sulzbach. "Es wäre schön, wenn noch viele weitere dazukämen", sagt sie. "So können wir helfen, einen wunderbaren Schatz unserer Sprache und unserer Kultur zu bewahren."

Hier geht es zum Formular für die Hausnamen-Schilder

So redn mia: Mundart im Landkreis Amberg-Sulzbach

So wurden die Hausnamen-Schilder 2018 verteilt

Kümmersbuch bei Hahnbach

Über die Mundart im Landkreis Amberg-Sulzbach

Freudenberg
Eines von 1500 Hausnamen-Schildern im Landkreis Amberg-Sulzbach: Es weist das Haus der Bäckerei Ries in Wutschdorf als "Riesenweber"-Anwesen aus.
Info:

Mitmachen beim Hausnamen-Projekt

  • Etwa 1500 Höfe und Anwesen im Landkreis Amberg-Sulzbach sind schon dabei.
  • Schilder können demnächst wieder für 20 Euro bestellt werden.
  • Kontakt: LAG Regionalentwicklung Amberg-Sulzbach, Schlossgraben 3, 92224 Amberg
  • Tel. 09621/39-171 bzw. 09621/39-7937 - E-Mail: info[at]lag-amberg-sulzbach[dot]de
  • www.lag-amberg.sulzbach.de

 

 

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