07.06.2020 - 15:01 Uhr
AmbergOberpfalz

Azubis in der Corona-Klemme

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Wann zieht die Wirtschaft wieder an? Niemand kann das mit Bestimmtheit sagen. Unter den Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt leiden vor allem Auszubildende – und solche, die es werden wollen. Hoffnung macht ausgerechnet die Gastronomie.

Augen auf und durch? Handwerks-Azubis scheinen die Coronakrise recht gut zu meistern.
von Florian Bindl Kontakt Profil

Wer in den handelsüblichen Suchmaschinen das Stichwort "Azubi" eintippt, der muss befürchten, dass es um die Auszubildenden derzeit nicht gut steht. Die automatische Vervollständigung liefert auf Platz eins: Azubi kündigen. Dahinter folgt: Azubi Kurzarbeit. Die Corona-Pandemie hat nicht nur unser aller Alltag im Griff, sie schüttelt auch den Arbeitsmarkt kräftig durch. Besonders hart könnte es das vermeintlich schwächste Glied treffen, die Anfänger und Berufseinsteiger. Welcher Betrieb will sich, wenn die Einnahmen im Keller sind und das Schreckgespenst Insolvenz an die Tür pocht, einen Lehrling leisten?

Um bis zu acht Prozent soll die Zahl der Ausbildungsplätze bundesweit zurückgehen, dazu sind in den vergangenen Wochen Hunderttausende Firmen in wirtschaftliche Schieflage geraten. Das geht aus einem Bericht des Bildungsministeriums hervor. Immer wieder ist von einem "verlorenen Jahrgang" die Rede, den es tunlichst zu vermeiden gelte. Keinesfalls wolle man junge Menschen im Stich lassen, so die einhellige Meinung. Wie brenzlig die Lage der Azubis ist, zeigt ein Vorhaben der Bundesregierung: Firmen, die Auszubildende übernehmen, deren vorheriger Arbeitgeber Insolvenz anmelden musste, sollen bis Ende 2020 eine Prämie erhalten. Wie hoch diese ausfällt, ist noch nicht beschlossen. Auch im frisch aufgelegten Konjunkturpaket ist eine Prämie für Ausbildungsbetriebe verankert. Ob das als Anreiz reicht? Und treffen die düsteren Prognosen überhaupt auf den Raum Amberg zu?'

Handwerker nach wie vor gefragt

Schauen wir zunächst auf das Handwerk. Einige Branchen mussten hier zwar einen Rückgang bei den Aufträgen verkraften, die Beschäftigten konnten aber in vielen Fällen weiterhin ihrer Arbeit nachgehen. Einer Umfrage des Zentralverbands des Deutschen Handwerks zufolge plant trotzdem jeder vierte Betrieb, weniger Azubis anzunehmen. Für die Oberpfalz scheint dieser Trend aber nicht zu gelten. Die Handwerkskammer (HWK) Regensburg registriert derzeit 1451 freie Ausbildungsplätze und damit sogar etwas mehr als zum Vorjahreszeitpunkt. In der Stadt Amberg sind es 27, im Landkreis Amberg-Sulzbach 29 Azubi-Stellen. Gerade in den Branchen Elektronik, Sanitär- und Heizungstechnik oder Kfz sind Lehrlinge nach wie vor sehr gefragt. Das belegen die Statistiken der HWK-Lehrstellenbörse. Wolfgang Spöckner, Ausbildungsberater bei der HWK und zuständig für den Raum Amberg-Sulzbach, hält die Reden derer, die eine handfeste Azubi-Krise weissagen, auch deshalb für übertrieben.

"Sobald die Konjunktur wieder anzieht, geht es auch mit den Ausbildungsplätzen im Handwerk bergauf", ist er sich sicher. Schon, der Stellenmarkt für Azubis sei im März und April eingebrochen, aber "die Bereitschaft auszubilden, die ist ungebrochen". Trotzdem könne es Betriebe geben, denen es wegen der Pandemie finanziell sehr schlecht geht und die nun weniger ausbilden wollen. "Da ist dann viel Unsicherheit dabei, das ist klar." Welche Branche er da konkret vor Augen habe? "Eigentlich keine bestimmte, das sind Einzelfälle." Denn: Das Handwerk habe die Coronakrise insgesamt recht gut verkraftet, die meisten Betriebe konnten weitestgehend normal weiterarbeiten. Ja, einigen habe die Phase sogar mehr Aufmerksamkeit beschert. "Ein Bäcker hat mir kürzlich gesagt, dass er wieder mehr Wertschätzung für sein Handwerk verspürt", erzählt Spöckner.

Ausbildungsmessen fehlen

Den Azubis, deren Ausbildungsbetrieb in finanzieller Schieflage ist, hilft das freilich wenig. Immerhin: Lehrlinge genießen einen besonderen Kündigungsschutz. Ein Umsatzeinbruch reicht für eine Entlassung längst nicht aus. Selbst von Kurzarbeit sind Azubis sechs Wochen lang ausgenommen. Erst wenn das Unternehmen tatsächlich Insolvenz anmelden muss, ist eine Auflösung des Ausbildungsverhältnisses möglich. "Aber selbst dann ist der Betrieb dazu verpflichtet, seinen Azubi bei der Suche nach einer neuen Lehrstelle zu unterstützen", so Spöckner. Für Schulabgänger, die erst auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz sind, sehe die Lage schon etwas anders aus. Was aktuell fehlt, sind Schulvorträge oder Messen. "Das könnte sich als Nachteil für den aktuellen Jahrgang herausstellen."

Also alles halb so wild? In den Branchen des Handwerks scheint der Schaden für den Ausbildungsbetrieb vergleichsweise gering zu sein. Keine Spur von einem dauerhaften Negativtrend. Etwas anders sieht Silke Auer von der IHK Amberg-Sulzbach die Lage. Sie sorgt sich vor allem um die Inhalte der Ausbildung, die durch die Pandemie-bedingten Einschränkungen verwässert werden könnten. "Für die Berufsschulen ist es sehr schwierig", sagt sie. "Die mussten ja von heute auf morgen alles umstellen." Zahlreiche Zwischen- und Abschlussprüfungen hat die IHK vorsorglich verschoben. Dazu komme, dass längst nicht alle Azubis technisch so ausgestattet seien, um ihre Aufgaben zu erledigen. Gerade für die kleineren Betriebe sei es zudem nahezu unmöglich, den Lernfortschritt ihrer Nachwuchskräfte zu kontrollieren.

Weniger Praktikanten?

Auf dem Ausbildungsmarkt rechnet Auer mit einem Rückgang: "Ich denke schon, dass es Betriebe geben wird, die sich gegen einen Ausbildungsplatz entscheiden, so wenig wir uns das natürlich wünschen." Außerdem fehle es an Praktikumsstellen - ein klarer Hemmschuh auf dem Weg zurück zur Normalität. Schließlich gelte es für einen Praktikanten in erster Linie, "ins Unternehmen hineinzuschnuppern" und auszuloten, ob das Arbeitsumfeld passt. "Eigentlich ist das eine Win-win-Situation, aber ich verstehe die Betriebe auch. Die wollen jetzt natürlich keine Schnupperpraktikanten reinlassen."

Nicht einfacher werde die Situation für die Gastronomie- und Hotelbranche, schätzt Auer. "Das Spezielle an dieser Krise ist: Es sind durch die Bank alle Branchen betroffen, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß." Das Gastro-Gewerbe habe es aber sowieso schon schwer, Azubis zu finden. "Da gibt es wirklich tolle Jobs und Aufstiegsmöglichkeiten", sagt sie. Trotz allem sei der Ruf der Branche eher schlecht. Gerade die ist nun besonders heftig von der Pandemie betroffen. Es ist ein bisschen verkehrte Welt und wäre beinahe komisch, wenn nicht so viele Arbeitsplätze davon abhingen: Müssen Gaststätten oder Bars, die überdurchschnittlich häufig mit Fachkräftemangel in Verbindung gebracht werden, nun gar auf Ausbildungsplätze verzichten und Bewerber abweisen?

Mit Mut in die Zukunft

Norbert Stöckl, der Kreisvorsitzende des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes, widerspricht diesem Narrativ entschieden. "In Sachen Azubis mache ich mir keine Sorgen. Wir stellen ja nach wie vor ein und bilden aus, weil wir die Fachkräfte dringend brauchen." Die vergangenen Wochen, in denen Gaststätten geschlossen hatten, seien natürlich nicht ganz einfach gewesen. Die meisten Azubis waren in ihren Betrieben, eine reguläre Ausbildung aber war unmöglich. Dafür gab es Alternativkonzepte: Das "Weiße Roß" in Illschwang etwa veranstaltete regelrecht Projekt-Wochen, in denen sich der Nachwuchs fortbilden konnte. Andernorts habe man das Hotel auf Vordermann gebracht. Außerdem gibt es Online-Seminare zur Überbrückung.

"Es wird, es muss wieder aufwärts gehen."

Norbert Stöckl, BHG

Norbert Stöckl, BHG

"Ausbildung hat für uns oberste Priorität", sagt Stöckl, dem das Amberger "Café Kult" gehört. "Wir leben ja davon und setzen auf Azubis." Jeder werde nach seinen Möglichkeiten eingestellt. Und diejenigen, die bald ihren Abschluss machen? "Die werden garantiert alle übernommen. Wir sind ein personalintensives Gewerbe. Einen Computer hinstellen, das geht bei uns nicht." Wer noch nach einer Anstellung suche, der brauche sich nur in Wartestellung halten. "Es wird, es muss wieder aufwärts gehen." Jetzt brauche es Mut und Zuversicht.

Kommentar:

Optimismus blendet

Immer wieder fallen derzeit Sätze wie diese: Jede Krise ist eine Chance. Es kann nur besser werden. Oder, ein besonders verbreiteter Irrtum: Corona ist bloß so eine Phase. Nein, Corona ist keine Phase, kein Frühlingssturm, der schon irgendwann abflaut. Dann noch rasch die Straße kehren und schon ist eitel Sonnenschein. Von wegen. Die Corona-Pandemie ist ein Einschnitt, eine Zäsur. Die wohl radikalsten Veränderungen zeichnen sich für die Wirtschaft, im Speziellen für den Arbeitsmarkt ab. Lieferketten zerreißen in der globalen Nationalstaaterei wie papierene Girlanden. Auch wenn viele daran derzeit nicht glauben wollen und das Wörtchen Rezession als haltlosen Spuk abtun, der hin und wieder durch die Medien geistert. Sie ist längst da und wird sich vorerst nicht abschwächen, auch nicht in Deutschland. Und, um den Bogen zu den Azubis zu schließen, das trifft auch den Nachwuchs. Noch wirken viele Branchen, etwa Handwerksbetriebe, recht robust. Vielerorts gibt es Aufträge en masse, das Geschäft brummt. Zumindest ein bisschen. Der schöne Schein könnte ein trügerisches Sicherheitsgefühl auslösen. Einen V-Verlauf der Krise, also ein rasches Zurück-zur-Normalität nach dem Kollaps, halten Ökonomen mittlerweile für unwahrscheinlich. Möglich erscheint derzeit eher eine Entwicklung, die dem Logo des Sportartikelherstellers Nike ähnelt - ein steiler Absturz, dem sich ein langer, mühseliger (und verlustreicher) Anstieg anschließt. Eine zweite, heftige Infektionswelle ließe die Kurve erneut abstürzen. Was aber hat diese graue Wirtschaftstheorie mit Lehrstellen zu tun? Je nach dem, wie langsam die Wirtschaft aus dem Tal klettert, kann sich der Wind rasch drehen. Dann sind, allen ehrenwerten Beteuerungen zum Trotz, Azubis, Lehrlinge und Aushilfskräfte die ersten Opfer, auch wegen ihrer oftmals befristeten Arbeitsverträge. Noch reichen die Hilfsgelder und Sofortzahlungen, die die Bundesregierung ausgeschüttet hat. Sie halten so manchen klammen Betrieb mit Müh und Not über Wasser. Das ist auch gut so. Ob es aber ein zweites Paket dieser Form für den Mittelstand geben wird und kann? Fest steht: Der Sturm, der scheinbar abflaut, beginnt gerade erst an der wirtschaftlichen Basis zu rütteln. Falscher Optimismus blendet. Nichts ist derzeit wichtiger als eine klare Sicht.

Von Florian Bindl

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