Anspruch auf Schmerzensgeld muss individuell geprüft werden

Amberg
09.02.2023 - 11:20 Uhr
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Schmerzensgeld können Gerichte zusprechen, wenn der Körper, die Gesundheit, die Freiheit, die sexuelle Selbstbestimmung, die persönliche Ehre beziehungsweise das allgemeine Persönlichkeitsrecht verletzt werden. Tipps vom Rechtsanwalt.

„Wir alle kennen mittlerweile wohl die Erzählung des verschütteten heißen Kaffees to go, der einen US-Amerikaner durch Schmerzensgeld dann zu einem wohlhabenden Mann gemacht haben soll“, sagt Rechtsanwalt Jürgen Feldsmann aus der Amberger Kanzlei Dr. Wilfurth Rechtsanwälte. Auch im privaten Umfeld habe vermutlich jeder schon einmal von einem Bekannten gehört, dass er nach einem Verkehrsunfall Schmerzensgeld bekommen habe. „Doch was steckt dahinter? Kann man in Deutschland durch Ungeschicktheit beim Kaffeetrinken auch zum Millionär werden?“, stellt Rechtsanwalt Feldsmann die zentrale Frage.

Grundsätzlich komme Schmerzensgeld in Betracht, wenn der Körper, die Gesundheit, die Freiheit, die sexuelle Selbstbestimmung oder aber auch die persönliche Ehre beziehungsweise das allgemeine Persönlichkeitsrecht verletzt werden. Besonders praxisrelevant seien Körper- und Gesundheitsverletzungen. Er betont: „Kommt es etwa bei einem Verkehrsunfall zu einem Schleudertrauma oder gar größeren Verletzungen, so sollte ein Anspruch auf Schmerzensgeld geprüft werden. Gleiches gilt bei ärztlichen Fehlbehandlungen, die oftmals zu ganz erheblichen Schäden führen können.“

Sinn und Zweck des Schmerzensgeldes sei es, dass der Schädiger dem Geschädigten einen Ausgleich für die erlittenen Schmerzen biete und damit der Geschädigte eine gewisse Genugtuung erfahre. Dementsprechend müsse der Geschädigte das Schmerzensgeld also nicht einsetzen, um beispielsweise Physiotherapiekosten zu tragen oder Ähnliches, sondern das Geld solle ihm verbleiben, damit er sich davon etwas zur Ablenkung kaufen könne.

Erlittene Schmerzen

Die Höhe des Schmerzensgeldes sei von Fall zu Fall unterschiedlich und müsste dementsprechend individuell geprüft werden. Zum Millionär durch einen verschütteten Kaffeebecher werde man in Deutschland jedenfalls nicht – bei eigener Ungeschicklichkeit müsste man sich hier wohl sogar den Eisbeutel zur Kühlung der lädierten Stellen selber kaufen.

„Kriterien zur Bemessung des Schmerzensgeldes sind natürlich die erlittenen Schmerzen, deren Intensität und Dauer, die Art der Verletzungen, Umfang und Anzahl notwendiger Operationen, etwaiger Arbeitsunfähigkeit und die Dauer stationärer Behandlungen. Aber auch soziale Faktoren wie etwa das Alter des Verletzten, die Verminderung von Heiratschancen und Einschränkungen bei der Berufswahl beispielsweise“, erklärt Rechtsanwalt Feldsmann.

Unfallfolgen

Gut zu wissen: In der Praxis orientiert man sich an in der Vergangenheit ergangenen Gerichtsentscheidungen zu ähnlichen Verletzungsbildern. Das Amtsgericht Aachen beispielsweise hat bei einem Verkehrsunfall, der zu einer Gehirnerschütterung, einer HWS-Distorsion mit Aktivierung einer bestehenden HWS-Arthrose und einem dreitägigen Krankenhausaufenthalt führte, ein Schmerzensgeld von 1223 Euro (indiziert) zugesprochen.

Bei einer mehrfachen Radiusfragmentenfraktur mit weiteren Verletzungen, die zahlreiche Operationen notwendig machten und erhebliche Beweglichkeitseinschränkungen im Bereich von Ellbogen und Handgelenk mit sich brachte, hat das Oberlandesgericht Hamburg ein Schmerzensgeld von 70 000 Euro zugesprochen.

„Was also deutlich wird: Jeder Fall muss individuell geprüft werden“, sagt Rechtsanwalt Feldsmann. „Dabei ist es meines Erachtens nach wichtig, hier auch immer wieder für höhere Entschädigungsbeträge zu kämpfen, da etwa im Bereich des Kfz-Sachschadens hier die Rechtsprechung wesentlich ausdifferenzierter ist, obwohl es nur um’s Blech geht. Jedenfalls sollten sich Betroffene anwaltlichen Rat einholen.“

 
 

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