21.08.2020 - 17:34 Uhr
AmbergOberpfalz

Amberger Experte: Darum sterben jetzt weniger Menschen an Corona

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Die Fallzahlen steigen: Seit Ende Juli vermeldet das Robert-Koch-Institut (RKI) täglich wieder mehr Covid-19-Infizierte. Aber eine Zahl bleibt erfreulicherweise bei null: Die der Todesfälle. Es gibt eine Erklärung.

Urlauber, die jetzt zurückkehren, können oder müssen sich testen lassen – je nachdem, aus welchem Land sie kommen. In der Regel sind das aber keine hochbetagten älteren Leute sondern deutlich jüngere. Und damit keine Risikogruppe.
von Reiner Fröhlich Kontakt Profil

In der Oberpfalz werden durch die Gesundheitsämter seit ein paar Wochen höhere Zahlen an Menschen registriert, die sich mit dem Coronavirus angesteckt haben. Aber, und das ist die gute Nachricht, niemand stirbt daran. Woran liegt das? Müssten nicht wie im Frühjahr bei höherem Infektionsgeschehen jetzt auch wieder mehr Menschen am Virus sterben? Nein, sagt Dr. Roland Brey, Medizinaldirektor und Leiter des Gesundheitsamtes für Amberg und den Landkreis Amberg-Sulzbach. "Die Erklärung ist, dass momentan eine Altersgruppe betroffen ist, die sich nicht so in Gefahr befindet, was die Sterblichkeit betrifft. Oft ist es so, dass diese Leute keine Symptome haben, aber infiziert sind."

Denn das Durchschnittsalter der Todesfälle in der bisher schlimmsten Phase der Pandemie sei relativ hoch gewesen. Jetzt betreffe das Infektionsgeschehen viele Reiserückkehrer, und die gehören eben einer anderen Altersgruppe an: "Das sind jüngere Leute, die auch größtenteils keine ernsten Vorerkrankungen haben." Deshalb gebe es nicht diese Probleme wie im Frühjahr. Auch vermelden die Krankenhäuser in der Region keinerlei erhöhte Belegungen durch ernsthafte Covid-19-Fälle.

"Unberechenbares" Geschehen

Aber: "Wenn jetzt die jüngeren Leute Ältere oder Kranke anstecken, dann kann es dazu führen, dass wir wieder einen Anstieg bei der Sterblichkeit sehen. Das wird sich aber in den Statistiken mit einer Verzögerung abbilden. Momentan haben wir erfreulicherweise keinen Anstieg." Aber das ganze Geschehen sei so "unberechenbar", dass man überhaupt keine Prognose abgeben könne.

Laut Statistik ist in den vergangenen Wochen auch die Positivrate gestiegen. Die Zahl, die in Prozent das Verhältnis von Tests und Infizierten ausdrückt. In der Hochphase betrug dieser Wert 9 Prozent, das heißt, neun von hundert Getesteten hatten das Virus. Aktuell ist der Wert bundesweit von 0,6 Prozent auf 1 Prozent gestiegen.

Medizinstatistiker wie der Freiburger Professor Gerd Antes haben bereits des öfteren kritisiert, wie getestet und ausgewertet wird. In einem Interview mit dem Magazin "Der Spiegel" hatte Antes gesagt, "wir müssen sehr regelmäßig, vielleicht jede Woche, einen repräsentativen Bevölkerungsquerschnitt auf Infektionen untersuchen. Dafür sind sehr viele Tests nötig. Das bindet Ressourcen und ist teuer, wäre in Anbetracht der Lage aber angemessen, um eine solide Entscheidungsgrundlage zu schaffen."

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Amberg

Teststrategie umstritten

Gezielte Tests seien dabei nicht unbedingt hilfreich. Wie im Falle des Urlaubers aus Bodenwöhr, der positiv war, es zu spät erfahren hatte und am Wochenende mit rund 120 Leuten auf einer Geburtstagsfeier war. Nun mussten sich alle Gäste dieser Feier testen lassen. "Da kann man unter Umständen eine Steigerung der Positivenrate bekommen. Das wird in Fachkreisen immer wieder diskutiert", räumt Roland Brey ein. Im März und April habe man eine andere Teststrategie gehabt, es standen auch entsprechende Testkapazitäten nicht zur Verfügung. Jetzt gebe es eine andere Linie, gerade in Bayern: "Testen, testen, testen." Auf breiter Front. Das Robert-Koch-Institut hingegen bevorzugt die gezielte Variante. "Da gibt es unterschiedliche Auffassungen, was Sinn macht."

Brey gibt zu bedenken, dass es verschiedene Testmethoden gebe. "Man weiß nicht ganz genau, wie sicher und zuverlässig diese Tests sind. Wir haben schon falsche Befunde von den Labors bekommen." Das habe Konsequenzen: "Dann schickt man die falschen Leute in Quarantäne, und die anderen laufen frei herum." Zudem bedeute ein negativer Test nicht, dass man sich nicht infiziert hat. "Wir kämpfen täglich damit, dass wir Testergebnisse bekommen, die wir uns anschauen müssen. Wie plausibel sind diese? Dann müssen wir die Leute befragen: Hatten sie Kontakt, und wo waren sie?"

Trotz aller Probleme: Der Anstieg, der jetzt zu sehen ist, sei nicht allein darauf zurückzuführen, dass viel mehr getestet werde. "Es ist scheinbar so, dass das Ganze wieder stärker zunimmt und sich das Virus durch intensive Reisetätigkeit und Lockerungen wieder weiter verbreitet", erklärt Brey.

Hintergrund:

Keine Feier ohne Regel

Diskutiert wird in Berlin im Moment vor allem über vermehrte Ansteckungen bei Familienfeiern und über eine Verbreitung des Virus durch Reiserückkehrer aus Corona-Risikogebieten. Regierungssprecher Steffen Seibert: „Private Feiern mit hundert und mehr Menschen, bei denen sich niemand an Regeln hält, sind unverantwortlich.“

46 Milliarden Euro stellt der Freistaat der Wirtschaft als weitere Hilfen gegen Pleiten durch die Pandemie zur Verfügung. Wie viel Geld aus dem Fonds abgerufen wird, ist offen. Primär dürften die Unternehmen aus der Exportbranche stammen.

Der Bund will wegen der Folgen der Corona-Pandemie kleinere und mittlere Musikclubs und Livemusik-Spielstätten mit insgesamt 27 Millionen Euro fördern. Die Mittel stammen aus dem Etat von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) und ihrem Rettungs- und Zukunftspaket „Neustart Kultur“. Fördermittel können jeweils bis zu 150 000 Euro abgerufen werden. Das Programm für die Clubs und Livemusik-Spielstätten startet am 27. August 2020.

Deutschlands oberster Verbraucherschützer hat vor neuen Forderungen aus der Politik gewarnt, Touristen für Coronatests bezahlen zu lassen. „Kostenpflichtige Tests würden von zu vielen Rückkehrern vermieden werden. Dadurch entstünde der Gesellschaft ein viel höherer Schaden als durch die Finanzierung durch die Allgemeinheit“, sagte Klaus Müller, Chef des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen (vzbv). Und weiter: „In der Abwägung ist es sinnvoller und effizienter, die Tests kostenlos zu lassen.“

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