17.02.2021 - 18:58 Uhr
AmbergOberpfalz

Amberger Archivschätze sind wohl nicht endgültig verloren

Am Tag danach kam schon etwas mehr Licht in die Sache. Im doppelten Wortsinn. Die Beleuchtung ging wieder. Und der Wasserschaden im Stadtarchiv Amberg scheint zumindest keine der Archivalien völlig zerstört zu haben.

Vollgesaugt wie ein Schwamm: Eines der beschädigten Bücher.
von Heike Unger Kontakt Profil

Die Beleuchtung im Stadtarchiv Amberg konnte nach dem großen Wasserschaden vom Dienstag wieder in Betrieb genommen, das tatsächliche Ausmaß der Schäden war damit auch besser zu sehen – auch, weil die Archivalien, die tatsächlich nass geworden sind, im Foyer auf Folie und Papier ausgelegt wurden. Hier nahmen sie am Mittwoch Gutachter der Versicherung in Augenschein, hier werden sie von einem Team des Leipziger Zentrums für Bucherhaltung am Donnerstag abgeholt.

Wasser im Stadtarchiv: OB spricht von einer Katastrophe

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Was recht schnell schon vermutet worden war, hat sich inzwischen bestätigt: Ursache des Schadens ist, dass im Dachgeschoss des historischen Gebäudes an einem wasserführenden Rohr, das zur Lüftungsanlage gehört, eine Muffe geplatzt ist. Mehr konnte stellvertretender Archivleiter Jörg Fischer derzeit nicht sagen, die Experten untersuchen die Details noch. Die Schadstelle an sich ist also bekannt, die Ursache dafür aber noch nicht. Die frostige Kälte der vergangenen Tage könnte aber eine Rolle gespielt haben.

Feuerwehr rettet Archivalien

Fest steht inzwischen: Die Amberger Feuerwehr hat noch Schlimmeres verhindert. Nicht nur durch ihre Pumpen, sondern weil sie viele Archivalien schnell in Sicherheit gebracht hat. Tatsächlich nass geworden sind "nur" Bücher, keine Dokumente oder Urkunden. Allerdings hat es manche dieser Archivalien schon ziemlich bös erwischt.

Kommentar: Die Schadensursache muss genau geklärt werden

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Jörg Fischer nimmt ein Beispiel in die Hand, den „Chur-Bayrisch-Geistlichen Kalender“ von 1752, und schlägt ihn vorsichtig auf. Die Bindung ist aufgebrochen. Fischer hält eine einzelne Seite hoch. Kein Wunder, das Buch „ist wirklich patschnass“, das alte Papier hat sich mit Wasser vollgesaugt „wie ein Lappen“. Aber es gibt eine Chance auf Rettung: Dieses und eine ganze Reihe weiterer Bücher werden in Leipzig gefriergetrocknet. Eine erste „Ladung“ wird am Donnerstag abgeholt. Etwa 40 Exemplare, berechnet werden sie nach Gewicht. Also geht es um „etwa vier bis fünf Zentner Material“, wie Fischer sagt. Das Wasser wiegt natürlich schwer. Wenn sie getrocknet zurückkommen, sollten die Bücher wieder leichter sein.

Vollgesaugt wie ein Schwamm

Dass sich gerade altes Papier besonders stark mit Wasser vollsaugt, ist das eine Problem. Die aufwendige Bindung einiger Exemplare in Leder und mit Metallschnallen, mit denen man einige Bücher wie mit einem Gürtel verschließen kann, sind das andere. Könnte sein, dass diese Schnallen nach dem unfreiwilligen Bad zu rosten beginnen.

Fischer ist am Mittwoch ein gefragter Mann, er kommt nicht mal dazu, mittags einen Happen zu essen: Handwerker, Helfer, Gutachter geben sich die Türklinken in die Hand. Seit der Strom wieder in Betrieb ist, läuft eine ganze Reihe von Entfeuchtern, mehrere auf jeder Etage. Tatsächlich spürt man: Es ist nicht mehr ganz so feucht in den Magazinräumen wie am Tag zuvor. Die Geräte bleiben in Betrieb, bis am Dienstag eine Fachfirma die Luftfeuchtigkeit prüft. "Dann werden wir sehen, wie's weitergeht", sagt Fischer. Er ist, wie schon direkt nach der Katastrophe, sehr gefasst. "Es hilft ja nichts." Sich aufzuregen bringe nichts, meint er, jetzt gehe es einfach um Schadensbegrenzung.

Jetzt geht's ums Raumklima

Dabei geht es auch um Fragen wie die, ob die Wände desinfiziert werden müssen, weil Schimmel aufblüht. Und ob Archivalien vorübergehend ausgelagert werden müssen. Grundsätzlich gilt, so erklärt es Fischer: "Je mehr man Archivalien durch die Gegend schleppt, desto problematischer ist es." Also sei es besser, sie da zu lassen, wo sie sind, wenn keine Not besteht. Deshalb gilt die Devise: "Das wichtigeste ist jetzt, das Raumklima in Griff zu bekommen."

Sollte man Archivalien doch auslagern müssen, hat Fischer schon Möglichkeiten. Er freut sich über die große Resonanz vonseiten seiner Archivkollegen: Das Stadtarchiv Weiden und das Staatsarchiv Amberg hätten sofort Hilfe angeboten. Letzteres will bei Bedarf "ganz unbürokratisch 200 Regalmeter zur Verfügung stellen". Mal sehen, ob die Hilfe gebraucht wird. Fischer freut sich in jedem Fall über diesen großartigen "Zusammenhalt in der Archiv-Community", das alleine helfe "im Elend" schon. Sogar Kollegen aus Bochum haben sich gemeldet, um Unterstützung zu offerieren. Und dann gibt Fischer doch zu, dass auch ihn, der gerade so unaufgeregt tut, was getan werden muss, der Anblick der aufgeweichten Archivalien nicht kalt lässt – "ich schaue hier auch auf 20 Jahre Arbeit".

Dachboden ist eine Baustelle

Ganz oben, unterm Dach, haben Experten inzwischen fast schon den ganzen Holzboden entfernt und die darunter liegenden Mineralwoll-Dämmungen herausgeholt: Dicke, gelbe, mit Wasser vollgesaugte Faserpakete, aus denen es immer noch ordentlich tropft, wenn die Männer mit Masken und Schutzanzügen sie hochheben und in spezielle Sicherheitssäcke packen. Das hier ist krebserregendes Material, verrät der Aufdruck auf den weißen Plastiksäcken. Es muss als Sondermüll entsorgt werden.

Darunter sieht man jetzt auch die Betondecke des Neubau-Kubus', den man beim Umbau in das bestehende historische Wagenhaus hineingesetzt hat: Darin logiert das Archiv. Das sei jetzt, bei den anstehenden Gebäude-Reparaturen nach dem Wasserschaden ein Vorteil, erklärt Fischer. Die Magazinräume sind dadurch vom alten Wagenhaus streng abgetrennt, insofern könnte dort wohl weiter gearbeitet werden, auch wenn am alten Bau etwas saniert werden muss.

Jedes Stück ist wichtig

Den Schaden an Gebäude und Archivalien kann Fischer immer noch nicht beziffern. Und er will auch keine einzelnen Stücke aus dem Bestand als "besonders wertvoll" herausgreifen. Bei Archivaren seien das oft die alten Urkunden als öffentlichkeitswirksame Schaustücke. Manche von ihnen sind auch heute noch in Gebrauch. Die Bürgerspital-Stiftungsurkunde zum Beispiel werde öfter mal herangezogen, zum Beispiel, wenn es um eine Hypothek gehe. Hier sei diese Urkunde heute noch so gültig sei wie vor 700 Jahren.

Fischer will trotzdem kein Buch oder Dokument herausstellen. "Das Archiv, der Bestand, als solches, ist eine Einheit", in der die Amberger Volkszeitung von 1871 genauso wichtig sei wie jeder Urkunde als Gedächtnis der Stadt. Nur zusammen seien alle Archivalien idenititätsstiftend, "um darzustellen, wie es wirklich war". Das, sagt Fischer noch, "macht eine Demokratie aus. Dass man Entscheidungen nachvollziehen kann".

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