06.05.2021 - 12:32 Uhr
AmbergOberpfalz

Amberg-Sulzbach: Corona-Lücken sorgen für Kopfzerbrechen beim Übertritt

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Trotz großen Engagements der Lehrer und Eltern gibt es gewaltige Corona-Lücken im Lernstoff. Das macht Viertklässlern die Entscheidung vorm Übertritt nicht leicht. Können sie das Versäumte in der fünften Klasse wieder aufholen?

Präsenzunterricht, der direkte Rückfragen beim Lehrer erlaubt, fand seit März 2020 für Viertklässler nur wenig statt. Durch Homeschooling und Wechselunterricht entstanden große Lücken im Lernstoff vieler Schüler. In Bayern gibt es am 7. Mai die Übertrittszeugnisse.
von Mareike Schwab Kontakt Profil

Wechselunterricht und Homeschooling – die Corona-Pandemie hat den Schulalltag auf den Kopf gestellt. Seit März 2020 müssen Lehrer unter meist ungewohnten Bedingungen ihren Lernstoff vermitteln. Obwohl die Grundschulen ihr Bestes geben, startet im September ein Jahrgang, der große Corona-Lücken aufweist. Können die Schulen im Landkreis Amberg-Sulzbach darauf adäquat reagieren?

"Wir sind uns des Problems bewusst", versichert Peter Welnhofer, der Leiter des Gregor-Mendel-Gymnasiums in Amberg. Im September kommt der erste Jahrgang, der ein ganzes Schuljahr unter Corona-Bedingungen lernen musste. Doch das Gymnasium sei gut darauf eingestellt. Es komme beim Übertritt vor allem auf die Fächer Deutsch, Mathe und Englisch an.

Das Vorwissen der Fünftklässler sei jedes Jahr extrem unterschiedlich, sagt Welnhofer. Er unterrichtet selbst Deutsch und Englisch. Immer wieder habe er feststellen müssen, dass die Schüler mit voneinander abweichendem Grundwissen aus dem Deutschunterricht in die fünfte Klasse starten. Dieses Jahr könnte das allerdings noch mehr zu einem Problem werden. Denn Eltern hätten ihm bei Schulführungen berichtet, dass die Grundschullehrer mit den Kindern seit Corona viel weniger Aufsätze übten. Da müsse dann etwas mehr nachgeholt werden.

Im Englischunterricht hingegen seien die Corona-Lücken kein Problem: "Wir starten in der fünften Klasse immer bei null. So als hätten die Kinder noch nie Englisch gehabt", erklärt der Schulleiter. Über die möglichen Lernlücken im Matheunterricht könne er nicht viel sagen, da er das Fach nicht selbst unterrichtet. Doch die Mathelehrer hätten ihm schon versichert, dass sich der Stoff in der fünften Klasse gar nicht so sehr von dem Lehrplan in der Realschule und Mittelschule unterscheide. Deshalb sei auch dieses Fach im Gymnasium trotz Corona-Lücken gut machbar.

Eltern und Lehrer sind auf Zack

Auch an der Realschule in Auerbach starten jedes Jahr Kinder aus verschiedenen Grundschulen. "Da sind unabhängig von Corona die Lernunterschiede recht groß", erklärt die Schulleiterin Schwester Lioba Endres. Obwohl jetzt ein Jahrgang kommt, der noch dazu wenig im Präsenzunterricht war, ist die Schulleiterin zuversichtlich: "Auch die jetzigen Fünftklässler waren in der Grundschule durch Corona eingeschränkt. Trotzdem hatten sie nur geringe Lücken." Sie hoffe, dass es dieses Jahr ähnlich sein wird.

"Die Schüler sind anpassungsfähig", sagt Schwester Lioba optimistisch und spricht auch ein großes Lob für den Einsatz der Eltern und Grundschullehrer aus: "Sie sind auf Zack und haben Hervorragendes geleistet."

Die tatsächlichen Ausmaße der Lücken im Lernstoff könne die Schulleiterin jedoch noch nicht einschätzen. "Das wird sich erst im September und Oktober zeigen", sagt Schwester Lioba. "Im Präsenzunterricht stellt man am besten fest, was die Schüler wissen und was sie auch wirklich begriffen haben." Eine bessere Einschätzung könne sie vielleicht auch nach dem Probeunterricht am 18. Mai geben. Denn dort hat die Schule das erste Mal richtig Kontakt mit den zukünftigen Fünftklässlern.

Enge Zusammenarbeit mit der Grundschule

Vor dem Übertritt bekommen die Grundschüler einen Fragebogen. Dieser wurde vom bayerischen Kultusministerium in Zusammenarbeit mit den Grundschulen erstellt. So kann die weiterführende Schule laut Schwester Lioba besser einschätzen, wo noch Lücken sind.

Auch Matthias Schall, der Leiter der Schönwerth-Realschule in Amberg, setzt auf diesen Fragebogen. "Wenn ein Schüler in bestimmten Fächern Nachholbedarf hat, fragen wir an der entsprechenden Grundschule nach, ob nur dieser Schüler es nicht weiß oder ob die Wissenslücke für die gesamte Klasse gilt", erklärt der Schulleiter. Die Übungen würden dann in der Realschule entsprechend angepasst.

Noch größerer Druck

Die Walter-Höllerer-Realschule in Sulzbach-Rosenberg vertraut laut Schulleiter Martin Zimmermann ebenso auf die Dokumentation der Eltern und Grundschulen. Durch die Corona-Pandemie laste jedoch ein noch größerer Druck auf allen Beteiligten. "Eltern und Grundschullehrer fällt die Einschätzung durch Homeschooling oft sehr schwer", sagt Zimmermann. Bei vielen Kindern hätten weitere Tests gut getan, um den Wissenstand einzuschätzen oder den Schnitt zu verbessern. So sei auch die Frage, welche weiterführende Schule für das Kind geeignet ist, momentan schwerer zu beantworten.

Außerdem fehlen den Kindern laut Zimmermann Struktur und soziale Kontakte. Auf all diese Defizite müsse die Realschule Rücksicht nehmen. "Den Lehrern muss ein Spagat zwischen Lehrplan und Wissensniveau der Schüler gelingen. Das gilt nicht nur bei den Fünftklässlern", betont Zimmermann. Die momentanen Bedingungen hätten nicht nur Auswirkungen auf den Übertritt im September. "Bei jedem Schulkind geht es weiter. Wir müssen noch viele Jahre sensibel bleiben", sagt der Direktor.

Zeit zum Ankommen finden

Weniger optimistisch blickt Peter Danninger, der Leiter der Krötensee-Mittelschule in Sulzbach-Rosenberg, auf das kommende Schuljahr: "Ich bin skeptisch, ob wir die Corona-Lücken wieder aufarbeiten können", gibt er zu. Die Ganztagsstunden an der Mittelschule sollen pro Klasse ab September von zwölf auf neun reduziert werden. "Ich weiß nicht, wo wir dann zusätzliche Förderstunden herbekommen", sagt der Schulleiter. Es sei so noch schwieriger, den versäumten Stoff nachzuholen.

Allerdings sei an der Mittelschule, anders als am Gymnasium und an Realschulen, der Druck auf die Schüler nicht ganz so groß. "Auch in nicht pandemischen Zeiten geben wir den Fünftklässlern Zeit anzukommen. Wir nehmen den Druck raus und geben ihnen auch die Möglichkeit, andere Talente zu entdecken", erklärt der Rektor. Besonders im Praxisbereich könnten die Schüler schon in der fünften Klasse durch Praktika viel aus sich herausholen. Das sei trotz Corona-Pandemie weiterhin möglich.

In Videokonferenzen versteckt

Die Schule setze auch viel auf soziales Lernen und Gruppenarbeit. Beim Thema Sozialkompetenz sieht Danninger deshalb ein fast noch größeres Problem. "Viele Schüler haben Angst, sich in der Gruppe zu äußern. In Videokonferenzen kann man sich besser verstecken", sagt er. Daran müsse die Schule auch nach Corona arbeiten. "Da kommen noch Berge von Arbeit auf uns zu."

Wichtig sei aber vor allem, zu Beginn des Schuljahres wieder Struktur reinzubringen – vorausgesetzt Corona lässt es zu. Aber der Schulleiter ist sich trotz allem sicher, dass die fünften und sechsten Klassen eine gute Aussicht auf einen Schulabschluss haben.

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Martin Zimmermann

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