07.05.2021 - 17:06 Uhr
AmbergOberpfalz

24 Hektar Photovoltaik in einer einzigen Sitzung

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Photovoltaik wird bei der Energiewende eine zentrale Rolle einnehmen. Freiflächen-Photovoltaik-Anlagen boomen regelrecht. So kommt es, dass sich der Amberger Bauausschuss in einer einzigen Sitzung mit vier davon beschäftigen muss.

Das Gelände des ehemaligen Bundeswehrkrankenhauses (BWK - Bildmitte) aus der Luft. Die sich anschließende und jetzt noch landwirtschaftlich genutzte Fläche in Richtung Köfering (im Bild unten) soll mit einer Freiflächen-Photovoltaikanlage überbaut werden.
von Andreas Ascherl Kontakt Profil

Es ist reiner Zufall - und doch eine Art Fingerzeig. Kurz nachdem das Bundesverfassungsgericht von der Politik deutliche Verbesserungen in Sachen Klimaschutz einfordert, beschäftigt sich der Amberger Bauausschuss mit dem Bau von insgesamt vier Freiflächen-Photovoltaikanlagen auf Stadtgebiet. Dreimal signalisiert das Gremium Zustimmung, einmal folgt er dem Vorschlag der Verwaltung - und lehnt ab.

Die neben dem Wohngebiet am Postweiher geplante PV-Anlage sorgt seit Wochen für Wirbel und Diskussionen. Es gab eine Videokonferenz der CSU mit den Anwohnern, die wiederum überreichten Oberbürgermeister Michael Cerny eine Petition gegen das geplante Großprojekt in unmittelbarer Nachbarschaft ihrer Grundstücke. Zahlreiche Stadträte und einige Fraktionen machten sich vor Ort ein Bild. Parallel dazu lief das übliche Verfahren zur Aufstellung eines Bebauungsplans. Von den Anwohnern kamen dazu zahlreiche Einwendungen, die von der Bauverwaltung abgewogen und nun dem zuständigen Ausschuss erneut vorgelegt wurden.

30 Einwendungen gegen Freiflächen-Anlage

Der Schwerpunkt der Einwendungen lag naturgemäß an den Folgen der Tatsache, dass die PV-Anlage sehr nahe ans Wohngebiet heranrücken wird. Die Sichtbarkeit der am Hang ansteigenden Paneele, die mögliche Beeinträchtigung von Umwelt und Natur, die Belästigung durch den Lärm des Wechselrichters oder ein eventueller Wertverlust der Häuser und Grundstücke waren immer wiederkehrende Argumente in den 30 Schreiben der Anwohner. Gedanken machten sich die privaten Einwender aber auch hinsichtlich der Wirtschaftlichkeit der an einem Nordhang geplanten Anlage - die aber nicht Gegenstand der Abwägung sein durfte und daher auch nicht war.

Von den ebenfalls zu beteiligenden öffentlichen Stellen kamen hingegen kaum Bedenken. Lediglich Stadtheimatpflegerin Beate Wolters lehnt die Anlage wegen ihrer Dominanz gegenüber der idyllischen Wohnsiedlung am Postweiher ab. Der Bund Naturschutz regte an, den Eingrünungsstreifen für die Anlage, also den grünen Sichtschutz im Norden zur Wohnsiedlung hin, auf 20 Meter zu verbreitern und mit höheren Bäumen zu durchsetzen. Außerdem sollten Esskastanie und Haselnuss gepflanzt werden. Die Maßnahmen könnten dazu dienen, die Bewohner zu schützen und auf der anderen Seite einen kleine Beitrag zur "essbaren Stadt" zu leisten. Den Vorschlag des BN griff die Verwaltung übrigens für die weitere Planung auf.

Bauausschuss einstimmig einig

Nachdem die Verbreiterung und Erhöhung des Sichtschutzes einpreist ist, fand sich im Gremium keine Gegenrede mehr zur geplanten Anlage am Postweiher. Alle Fraktionen begrüßten den Beitrag zum Klimaschutz, betonten aber, wie wichtig es sei, die Bewohner der Siedlung möglichst vor Beeinträchtigungen zu schützen. "Wir müssen sie so gestalten, dass auch die Anwohner damit leben können", brachte Rudolf Maier (CSU) das auf den berühmten Punkt. Doch Alternativen gibt es nach Ansicht der Stadträte nicht. "Wir werden noch öfter in den sauren Apfel beißen müssen", so Hans-Jürgen Bumes (Grüne) zum zunehmenden Konflikt zwischen dem Interesse der Menschen und den Erfordernissen der Energiewende.

"Wir werden noch öfter in den sauren Apfel beißen müssen."

Hans-Jürgen Bumes (Grüne) zum Konflikt um die geplante PV-Anlage am Postweiher

Hans-Jürgen Bumes (Grüne) zum Konflikt um die geplante PV-Anlage am Postweiher

Drei weitere Anlagen

Während das Genehmigungsverfahren für die Anlage am Postweiher bereits im vollen Gange ist, hatte sich der Bauausschuss am Mittwoch mit drei weiteren Freiflächen-PV-Anlagen zu beschäftigen, die in unterschiedlichen Planungs- oder Voranfragestadien sind. So soll auf der bisher landwirtschaftlich genutzten Fläche südlich des ehemaligen Bundeswehrkrankenhauses in Richtung Köfering ebenfalls eine solche Anlage entstehen.

4,5 Hektar groß, mit einer Spitzenleistung von vier Megawatt Peak. Bereits eingeplant ist hier eine rund 2,20 Meter hohe Hecke als Sichtschutz, großen Wert legt der Bauausschuss auf die Berücksichtigung der Belange des Naturschutzes. Josef Witt (ÖDP) und Rudolf Scharl (Liste) erkannten übereinstimmend sogar die Chance, dass Solarparks künftig Rückzugsmöglichkeiten für geschützte Tier- und Pflanzenarten darstellen könnten.

Nur eine Erweiterung

Kein Problem hatte der Ausschuss auch mit einer weiteren Freiflächenanlage, die praktisch nur eine Erweiterung der schon bestehenden entlang der Bundesstraße 299 in Richtung Hahnbach darstellt. 7,73 Hektar an landwirtschaftlich genutzter Fläche sollen auf zwei Teilflächen mit Solarpaneelen bestückt werden, eine mögliche Leistung gibt der Antragsteller hier nicht an. Josef Witt (ÖDP) war zwar generell einverstanden mit der Planung, er sah in Sachen Begrünung aber teilweise noch ordentlich "Luft nach oben". Sollte es sich um den gleichen Betreiber handeln, der daneben bereits eine PV-Anlage hat, dann will Michaela Frauendorfer (CSU) erreichen, dass man mit diesem Kontakt aufnimmt und ihn "überredet", auch den Sichtschutz der alten Anlage deutlich nach oben zu korrigieren.

Ein weiteres Projekt will die Bauverwaltung hingegen nicht weiterverfolgen, wie Baureferent Markus Kühne in der Sitzung sagte. In rund 250 Meter Entfernung von der Kapelle Mariaschnee in Atzlricht sollte ebenfalls eine PV-Anlage in der Größenordnung von rund 4,6 Hektar entstehen. Doch das Landesamt für Denkmalpflege sowie die Untere Denkmalschutzbehörde hätten hier bereits sehr ablehnend reagiert, sagte Kühne. Der Bauausschuss folgte dieser Einschätzung und erteilte dem Vorhaben von vornherein eine Absage.

Hintergrund:

Im Stadtgebiet derzeit vier Freiflächen-Photovoltaikanlagen in Planung

Sie sind in unterschiedlichen Planungsstadien, teilweise liegen derzeit gerade einmal Voranfragen vor. Dennoch haben vier Freiflächen-Photovoltaikanlagen im Stadtgebiet eine Chance auf Realisierung.

  • "Am Gewerbegebiet West" - Die Anlage neben dem Postweiher. Größe: 7,3 Hektar, Leistung: 7 MWp (Megawatt Peak) – derzeit läuft das Aufstellungsverfahren für den Bebauungsplan.
  • "An der Köferinger Straße" - Größe: 4,5 Hektar, Leistung: 4 MWp - Bebauungsplanverfahren vor dem Start.
  • "Ammersricht an der B299" - Größe: 7,73 Hektar, Leistung: keine Angaben - Antrag auf Vorbescheid zu einem geplanten Bebauungsplan.
  • "Am Schlackenberg" - Größe: 9,5 Hektar, Leistung: keine Angaben - Aufstellungsverfahren für Bebauungsplan läuft.
Kommentar:

Eine grüne Zukunft wird es nicht ohne Probleme geben

Der Sonnenenergie wird bei der Energiewende eine zentrale Rolle zukommen. Man muss kein Prophet sein, um das zu erkennen. Klimaneutralität wird es nur geben, wenn Energie zu 100 Prozent aus regenerativen Quellen stammt. Doch noch immer lässt die installierte Kollektorenfläche auf Privat- und Gewerbegebäuden viel Luft nach oben. Die Stadt Amberg ist hier mit einem bayern- und deutschlandweit modellhaften Schritt bereits vorangegangen. Denn in allen neuen Baugebieten müssen hier mindestens 30 Prozent der Dachflächen mit Photovoltaik bedeckt sein. Beim geplanten Gewerbegebiet West an der Fuggerstraße geht Amberg sogar noch weiter: Hier liegt die vorgeschriebene Photovoltaik-Quote künftig sogar bei 60 Prozent.

Trotzdem reicht der Ertrag aus den Dachanlagen bei weitem noch nicht aus, um die Stadt Amberg zu einer „Klimastadt“ zu machen. An dieser Stelle kommen die großen Freiflächen-Photovoltaikanlagen ins Spiel. Ihr Vorteil: Sie produzieren relativ viel Strom ohne großen Aufwand. Aber die Anlagen haben den Nachteil, dass sie Fläche verbrauchen, die eine Kommune wie Amberg in ein paar Jahren vielleicht ganz anders nutzen könnte. Schön sind sie übrigens auch nicht. Rücken sie – wie am Postweiher draußen – den Menschen zu nahe, sind die Konflikte vorprogrammiert.

Die einfachste Lösung wäre hier wahrscheinlich, die Anzahl der Photovoltaik-Anlagen auf privaten Dächern enorm zu erhöhen. Jeder Quadratmeter auf unseren Hausdächern hilft mit, eine Freiflächen-Anlage zu vermeiden. Doch die Bereitschaft bei Hausbesitzern ist nicht immer gegeben. Am Ende läuft es dann doch darauf hinaus, dass unsere Städte und Dörfer immer mehr mit Photovoltaik-Parks „geschmückt“ werden. Inklusive vieler neuer Probleme.

Andreas Ascherl

So soll die Freiflächen-Photovoltaikanlage liegen, die direkt neben dem Wohngebiet am Postweiter geplant ist.

758 Menschen unterschrieben gegen die PV-Anlage am Postweiher

Amberg

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