21.10.2020 - 18:20 Uhr
AltendorfOberpfalz

Groll wegen der "grünen Hölle"

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

"Ich nenne das grüne Hölle". Josef Prey zeigt auf die großen Mulchgeräte von Kreisbauhof und Straßenbauamt, deren Messer an Böschungen durch Bewuchs und Kleingetier fahren. "Wo bleibt hier der Artenschutz?"

Gut für Biene und Co: Die Blühflächen, die Josef Prey angelegt hat.
von Claudia Völkl Kontakt Profil

Für Josef Prey, gelernter Industriekaufmann und Landwirt, ist es eine Herzensangelegenheit: Die intensive Böschungspflege im Landkreis sei "tier- und pflanzenfeindlich". Er macht Vorschläge, wie man das ändern könnte, fühlt sich dabei aber "wie der Rufer in der Wüste". Eine Nachfrage von Oberpfalzmedien bei den zuständigen Stellen ergab: Das Spannungsfeld ist bekannt - und es werden bereits Konzepte umgesetzt.

Der 63-Jährige Siegelsdorfer zeigt auf seine großen, bunten Blühflächen - sowohl gut für Biene und Co als auch für die Bodenverbesserung. In der Nähe führt der Bayerisch-Böhmische Freundschaftsradweg vorbei. Ein großes Mulchgerät mäht breite Schneisen in die Böschungen. Das gleiche Bild dann an Straßen, an Regenrückhaltebecken. Mit dem Altgras kommen Kleingetier und Gehölze unters Messer. "Früher hab ich auf der Straße immer wieder mal eine zusammengefahrene Schlage gesehen. An der Autowindschutzscheibe klebten Insekten. Warum ist das nicht mehr so?

Vorstöße der Naturschützer

Nabburg

Weil nichts mehr da ist," beantwortet sich Prey seine Frage selbst. Früher sei das Gras gemäht, abgesaugt und abtransportiert worden. "Der Samen blieb liegen, Neues konnte entstehen. "Dann hätten die personal- und damit kostensparenden Mulcher Einzug gehalten: zum Nachteil von Vögeln, Rebhühnern und Fasanen. Die Nahrung - Samenstände, Schnecken und Käfer - fehlen, ebenso Deckung und Rückzugsmöglichkeiten.

Das ist bereits in der Detailplanung

Baudirektor Stefan Noll, Staatliches Bauamt Amberg-Sulzbach

Baudirektor Stefan Noll, Staatliches Bauamt Amberg-Sulzbach

Josef Prey ist nicht blauäugig: Natürlich könnten die Baulastträger nicht alles zuwuchern lassen, müsse die Verkehrssicherheit gewährleistet und Sichtdreiecke ausgeschnitten sein. Doch es wäre schon viel gewonnen, "wenn in einem Jahr die eine Seite und im anderen Jahr die andere Böschungsseite gemulcht würde und die Arbeiten ausschließlich in der Winterruhe stattfinden würden".

Prey sieht hier auch den Staat gefordert. Uferstreifenprogramm, Düngeverordnung, Blühflächen: Das Volksbegehren "Rettet die Bienen" dürfe nicht nur den Landwirt in den Pflicht nehmen. Auch der Freistaat müsse mit gutem Beispiel vorangehen. Doch seine Appelle seien ins Leere gelaufen.

Sicherheit gewährleisten

Eine Nachfrage von Oberpfalzmedien bei Kreisbauhof und Staatlichem Bauamt ergab: Die Baulastträger sind durchaus sensibilisiert. Kreisbauhofleiter Bernhard Hösl betreut mit 39 Leuten 420 Kilometer Kreisstraße, 26 Kilometer Freundschaftsweg und unzählige Wasserrückhaltebecken, also technische Bauwerke. "Funktionsweise und Verkehrssicherheit müssen gewährleistet sein", schickt Bernhard Hösl voraus. Wenn der Radweg zu sehr zuwachse, bedeute das wenig Licht und Nässe, also matschiges Laub und Zecken im hohen Gras. Nichts für Radfahrer. Und würde der Bauhof Schlehen und Robinien an Böschungen nicht im Zaum halten, sei das in Kürze "wie ein Dschungel". Wenn Flächen zu sehr zuwuchern, könne auch nicht überprüft werden, ob die Gräben intakt sind. "Wir können das nicht verwildern lassen, das muss funktionieren". Mit der bestehenden Personaldecke müsse "gut geplant werden, um zeitlich überhaupt durchzukommen".

Doch der Landkreis kompensiere: Außerhalb des Verkehrsraumes würden Blühflächen als Nahrungsquelle angelegt, Wurzelstöcke und Steinhaufen aufgeschichtet und Benjeshecken angelegt, um Tieren Rückzugsorte zu bieten. Das "Wiedergutmachungsgesetz" sei durchaus angekommen. Man bemühe sich, der Natur etwas zurückzugeben: "Allerdings kann das nicht im Bankett neben der Straße sein".

Neue Mäh- und Pflegekonzepte

Beim Staatlichen Bauamt Amberg-Sulzbach, das im Landkreis Schwandorf rund 450 Kilometer Straße betreut, wird man noch konkreter. Baudirektor Stefan Noll hält eine 49-seitige Mappe in der Hand. Titel: "Ökologische Aufwertung von Straßenbegleitflächen". Der Freistaat habe sich in Zusammenarbeit mit Landschaftspflegebüros auf den Weg gemacht, Flächen – mehrere hundert in Bayern – zu identifizieren, auf denen Mäh- und Pflegekonzepte greifen. "Das ist in der Detailplanung", so Noll. "Unsere Behörde ist dabei, Konzepte zu erstellen, wo Bewuchs stehen bleiben kann und wo Blühstreifen angelegt werden können."

Eine Vorreiterrolle nehme beispielsweise der vier Kilometer lange Blühstreifen am Radweg von Wernberg-Köblitz nach Schnaittenbach ein. Das Straßenbauamt ist mittlerweile dazu übergegangen, extensiv zu pflegende Bereiche der Grünstreifen in jährlich wechselnden Streifen zu mähen, "so dass immer ein Teil der Grünstreifen ungemäht bleibt, " erläutert Noll. Zur Schonung der Insekten und Kleintiere seien erst vor einigen Tagen neue Grünpflegeköpfe für die Mähgerätekombinationen getestet worden.

Umdenken im Gang

Es müsse ein Spagat zwischen Ökologie und Verkehrssicherheit bewältigt werden. Natürlich könne Bewuchs "nicht drei Jahre neben der Fahrbahn stehengelassen werden", meint er mit Blick auf die rasant wachsenden Gehölze und die Verkehrssicherheit. Doch mit Rückzugsflächen, Mähzeitpunkten und variablem Maschineneinsatz könne einiges bewirkt werden. Ein Umdenken sei im Gange. Noll freut es, dass sein Team durchaus eine Antenne dafür habe. Doch der Behördenvertreter ist auch Realist: "Das geht nicht von heute auf morgen". Und es werde mit "deutlichen Mehrkosten" verbunden sein.

Mähen und mulchen an Straßenrändern oder am Bayerisch-Böhmischen Freundschaftsradweg: Josef Prey appelliert daran, hier im Sinne des Artenschutzes extensiver zu arbeiten.
Am Radweg zwischen Wernberg-Köblitz und Schnaittenbach setzt das Straßenbauamt sein umweltschonendes Blühstreifenkonzept bereits um. Der Bewuchs bleibt stehen.
Der Kreisbauhof ist dazu übergegangen Wurzelstöcke und Steinhaufen aufzuschichten, um Tieren eine Rückzugsmöglichkeit zu geben.
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.