01.10.2020 - 19:47 Uhr
Zessau bei TrabitzDeutschland & Welt

"Eigentlich wollten wir damals eine geile und coole DDR"

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Die Wiedervereinigung vor 30 Jahren stand eigentlich nicht auf der Agenda von Stephan Müller. Dass es mit dem Zusammenwachsen von Ost und West heute noch hapert, lag seiner Ansicht nach an Fehlern, die 1989/90 vermeidbar waren.

Von seinem Haus aus in Zessau hat der Sachse Stephan Müller einen perfekten Blick zum Rauhen Kulm: In der Oberpfalz ist er heute zu Hause, seine Leidenschaft gehört aber immer noch – das Outfit macht es deutlich - der BSG Chemie Leipzig.
von Holger Stiegler (STG)Profil

Stephan Müller war gerade einmal 16 Jahre alt, als am 3. Oktober 1990 die Wiedervereinigung Deutschlands offiziell wurde. Groß gefeiert hat er den Tag damals nicht. „Ich war ganz profan in der Disco in meiner Heimatstadt Eilenburg“, erinnert sich der gebürtige Sachse, der seit 2007 in der Oberpfalz lebt.

Staatsfeierlichkeiten, politikgeschwängerte Reden, Deutschlandfahne-Schwenken und das gemeinsame Singen von „Einigkeit und Recht und Freiheit“ – das war und ist alles nicht das Ding von Stephan Müller. Damals, 1990, haben er und seine Kumpel gar nicht verstanden, was da passiert und was auf einen zukommen wird. „Der 3. Oktober 1990 kam mir so vor wie Silvester im Herbst“, erinnert er sich. Es waren allerdings weder Unwissen noch politisches Desinteresse, mit denen Müller den Ereignissen begegnete. Denn für sein jugendliches Alter hatte der heute 46-Jährige, der mit seiner Ehefrau und den beiden Töchtern in Zessau bei Pressath (Landkreis Neustadt an der Waldnaab) lebt, schon einschneidende persönliche Erfahrungen mit dem SED-Staat gemacht.

Anfang der 90er Jahre – also in der Zeit kurz nach der Wiedervereinigung – war es ein recht unstetes Leben, das Stephan Müller (oben) führte – die Punk-Kultur der DDR wirkte noch nach.

„Ich bin gewissermaßen zwischen den Welten aufgewachsen. Der eine Opa war Mitglied der SED-Bezirksleitung, der andere Opa war selbständiger Bäcker. Das hat schon in der Familie immer für Hochspannung gesorgt“, erinnert sich Müller. Hier die Lebenswirklichkeit in der kleinen DDR-Backstube, dort die Erzählungen über die Glorie der DDR aus SED-Sicht. Irgendwie habe das alles nicht zusammengepasst. Einen Kontakt in den Westen hatte Familie Müller schon lange, ein Teil der Verwandtschaft war bereits in den 50er Jahren nach Remscheid gegangen. Mit den „Westpaketen“ kamen auch viele Westprodukte zu Familie Müller, die in Eilenburg lebte, einer Stadt etwa 20 Kilometer nordöstlich von Leipzig. „Ich bin quasi mit Milupa aufgezogen worden“, berichtet Müller. Als „besonders krass“ habe er es schon als Zehnjähriger empfunden, dass man Musikkassetten von den Rolling Stones und AC/DC in Jacobs-Kaffee-Päckchen in die DDR schmuggeln musste. Oder dass Westzeitschriften wie BRAVO im SED-Staat unerwünscht waren, man allerdings mit dem seitenweisen Verkauf des Heftes richtig Geld machen konnte. „Und irgendwann findest Du das Land komisch und triffst Leute, die das auch denken. Irgendwann hatte man das Grau satt in dem Land. Und man konnte das ganze Gesülze und den Schmarrn vom „antifaschistischen Schutzwall“ nicht mehr hören. Das war doch völlig unlogisch: Die Guten – also wir in der DDR – mussten bleiben, aber die Bösen – also die Leute aus dem Westen – durften rein“, erzählt Müller.

Ende der 70er Jahre gehörte dieses Spielzeug in vielen Familien zum Standard – ein Pinocchio aus Plastik.

Solche Gedanken und manche Äußerungen stießen nur auf geringe Sympathie in der Schule – was schließlich im Herbst/Winter 1987 seinen Höhepunkt erreichte. Stephan Müller wollte mit zwei Freunden aus der DDR abhauen und in Magdeburg die Grenze in den Westen überqueren. „Man hätte uns wahrscheinlich direkt an der Grenze erschossen, wenn wir es versucht hätten. Wir waren schon mit dem Zug unterwegs, irgendwann bin ich dann umgekehrt. Meine Freunde fuhren noch weiter, aber wir galten zu Hause schon als vermisst und nachdem man auch Packlisten gefunden hatte, wusste die Stasi schon, was wir vorhaben“, blickt Müller zurück. Er wurde verhaftet und verhört, Dank der Intervention seines SED-Opas blieb ihm die Unterbringung im Jugendwerkhof Torgau erspart. „Einer meiner beiden Freunde kam dort hin. Beschönigend galt es als Disziplinareinrichtung, aber es war ein Umerziehungslager. Für mich war es ein Kinder-KZ, die übelste Einrichtung dieser Sorte in der DDR. Und auch wenn ich nicht dorthin musste, so hatte das Land mich – einen damals 13-Jährigen – zum Staatsfeind erklärt“, erzählt Müller. Auch wenn der Verweis der Schule relativ beschönigend formuliert war, galt er für das Schulsystem der DDR als „verbrannt“: Schulleitung und Stasi haben ihm 1988 zusammen mitgeteilt, dass ihm das Abitur – und damit viele Berufe – definitiv verweigert werden würde.

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Müller blieb auch in der Folgezeit das, was in der SED-Führung wohl als „unzuverlässig“ und „subversiv“ galt. So war es fast schon zwangsläufig, dass der Jugendliche als 15-Jähriger am 9. Oktober gemeinsam mit einem Freund mit dem Moped nach Leipzig fuhr: „Wir haben gehört, dass demonstriert wird. Aber wir waren auch naiv und wussten nicht, was passieren wird. Mit Tausenden sind wir durch die Stadt gezogen. Wir haben jeden Moment gedacht, dass man auf uns schießt. Ich frage mich heute noch, warum kein Einziger ausgetickt ist.“ Wenn Müller von diesem Tag erzählt, auch über 30 Jahre später, merkt man ihm an, dass das Erlebte ganz tief sitzt und ihn geprägt hat.

Dank der Intervention des SED-Opas war die Formulierung in dem Schulverweis zwar sehr beschönigend und auch die Unterbringung im Jugendwerkhof Torgau konnte vermieden werden: Der Versuch der so genannten „Republikflucht“ machte aus dem 13-Jährigen allerdings einen Staatsfeind

Freimütig bekennt er auch, dass es ihm nie darum ging, der DDR als Staat ein Ende zu setzen, sondern vielmehr dem politischen System in der DDR: „Ich bin echt kein Nostalgiker oder jemand, der sich den SED-Staat zurücksehnt. Aber ich und viele andere meiner Generation haben damals einfach gehofft, dass wir jetzt eine geile und coole DDR bekommen.“ Die Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 sei nicht das Ziel gewesen, für das man gestartet war. Die Art und Weise, wie die Wiedervereinigung über die Bühne ging, habe ihn damals gestört – und tut es auch noch heute. „Da wurden so viele Chancen verpasst und Dinge verpennt. Das wirkt bis heute nach. Und erklärt für mich auch, warum es mit Zusammenwachsen zwischen Ost und West eben immer noch ziemlich hapert. Warum hat man sich nicht auf eine neue gemeinsame Verfassung verständigt? Warum hat man sich keine neue Nationalhymne wie beispielsweise „Freude schöner Götterfunken“ gegeben?“, nennt Müller Probleme, die bis in die Gegenwart reichen. DDR-Bürger hätten doch auch ihre Erfahrungen gemacht, die nach Müllers Ansicht allerdings nur sehr marginal in den Einigungsvertrag eingeflossen sind. Die Abwertung und die Nicht-Wertschätzung von Lebensläufen sei oftmals einer Demütigung gleichgekommen, die man heute äußerst schwer wieder heilen könne. „Die Menschen wurden 1990 auch in ihrem Stolz verletzt. Das gegenseitige Zuhören hat damals gefehlt. Und das tut es oftmals auch noch heute“, bedauert Müller. Müllers Einschätzung zur Art und Weise der Wiedervereinigung ist und bleibt kritisch. „Ich könnte aber kotzen, wenn – vor allem in den Sozialen Medien – die Bundesrepublik als DDR 2.0 oder gar Meinungsdiktatur bezeichnet wird. Das ist völliger Humbug und total daneben. Solche Leute sollten mal nach Torgau, Bautzen oder Hohenschönhausen fahren und sich informieren, bevor sie Müll erzählen“, macht Müller unmissverständlich klar.

Anfang der 90er Jahre – also in der Zeit kurz nach der Wiedervereinigung – war es ein recht unstetes Leben, das Stephan Müller (oben) führte – die Punk-Kultur der DDR wirkte noch nach.

So wie die DDR ein Land mit Brüchen war, so ist auch das Leben Müllers durch einige Brüche gekennzeichnet: Bäckerlehre, dann zwischendrin auch ein Leben als Punk und arbeitslos, weiter eine Erzieherausbildung und das Abi auf der Abendschule nachgeholt, schließlich ein Studium der Sozialpädagogik. Ab 2001 lebte und arbeitete Müller in Rumänien, wo er auch seine heutige Frau Kristina kennengelernt hat, die aus Zessau stammt. In der Oberpfalz war Müller das erste Mal 2004, seit 2007 ist er hier fest verankert. Gegründet und aufgebaut hat er die Firma „Learning Campus“, einen in ganz Nordbayern tätigen Anbieter von Erlebnispädagogik mit heute 110 Mitarbeitern, Sitz ist in Trabitz.

Die Verbindung in den Osten Deutschlands ist nach wie vor gegeben: Die Eltern und Geschwister wohnen dort. Und dann ist da natürlich noch der Fußball: Müller war, ist und bleibt eingefleischter Fan der BSG Chemie Leipzig. „Das Fußballstadion ist schon so etwas wie ein Anker. Leben und arbeiten möchte ich in Eilenburg nicht mehr. Ich tue mich auch mit dem Begriff Heimat schwer, da ich recht entwurzelt bin. Ich sehe mich auch nicht als Ossi, sondern – so abgedroschen es für manche auch klingen mag – als Europäer. Und auch wenn es hoffentlich noch eine Zeitlang dauert: Meine Urne soll in den rumänischen Karpaten beigesetzt werden, dort habe ich ein Grab.“

Müller ist Geschäftsführer der von ihm gegründeten „Learning Campus GmbH“ mit heute 110 Mitarbeitern

Ein besonderes Fest wird es bei Familie Müller am 3. Oktober nicht geben, die Einheitsfeierlichkeiten werden den Tag nicht dominieren. Und so überrascht auch Müllers Einschätzung nicht: „Der Tag ist ja eher willkürlich gewählt. Für mich hat der 9. Oktober eine viel größere Bedeutung, da bin ich beispielsweise beim 25-jährigen Jubiläum auch in der Nikolai-Kirche in Leipzig gewesen. Als Einheitstag hätte ich mir auch den 9. November vorstellen können, auch wenn es der Schicksalstag der Deutschen ist.“

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