19.07.2021 - 17:23 Uhr
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Megaprojekt: Siemens baut Riesenbatterie in Wunsiedel

Der Speicher ist 5000 Quadratmeter groß und kann 20 000 Haushalte ein Jahr mit Strom versorgen. Auch Windräder müssen in Zukunft nicht mehr so häufig abschalten.

Vorne, von links, Andreas Schmuderer von Siemens, Marco Krasser, Geschäftsführer der SWW, und Bernd Koch von Siemens. Im Hintergrund (von links): Markus Brand, Vorstand des Kommunalunternehmens Marktredwitz, der Arzberger Bürgermeister Stefan Göcking, Siemens-Finanzvorstand Ralf Thomas, der Wunsiedler Bürgermeister Nicolas Lahovnik und sein Kirchenlamitzer Amtskollege Thomas Schwarz.
von Autor HFZProfil

Von Matthias Bäumler

Wieder ein Superlativ für Wunsiedel: Siemens wird in der Festspielstadt den wahrscheinlich derzeit größten Batteriespeicher Europas bauen. Die Riesenbatterie wird eine Fläche von 5000 Quadratmetern einnehmen – das ist in etwa die Größe eines Dorffußballplatzes oder die von sechs durchschnittlich großen Wohnbaugrundstücken. Projektpartner ist die erst Anfang Juli aus der Zukunftsenergie Fichtelgebirge (ZEF) hervorgegangene Gesellschaft Zukunftsenergie Nordostbayern ZENOB. Der Standort für den Batteriespeicher steht noch nicht hundertprozentig fest, wird aber voraussichtlich auf einer Konversionsfläche sein, also einer, die bereits gewerblich genutzt worden ist. Nur so viel ist sicher: Am Energiepark ist kein Platz mehr vorhanden.

Noch ist der Bau des Speichers in Wunsiedel nicht komplett in trockenen Tüchern. Doch die Verantwortlichen von Siemens und der ZENOB haben zumindest eine Absichtserklärung unterzeichnet, sodass dem Vorhaben letztlich in der Praxis nichts mehr im Wege steht.

Wie Siemens in einer Mitteilung schreibt, wird der Wunsiedler Batteriespeicher eine Leistung von 100 Megawatt haben. Die Anlage mit einer Speicherkapazität von 200 Megawattstunden soll zur Nutzung überschüssiger erneuerbarer Energie beitragen und Bedarfsspitzen im Stromnetz abdecken. Insgesamt könnten mit der Lithium-Ionen-Batterie rein rechnerisch 20 000 Durchschnittshaushalte ein Jahr lang mit Strom versorgt werden.

Erster Batteriespeicher schon seit 2018

Den Bau des Speichers übernimmt das Unternehmen Fluence, ein Joint Venture von Siemens und dem amerikanischen Stromunternehmen AES. Siemens übernimmt die Projektplanung, die technische Umsetzung sowie den Bau einer Mittelspannungsschaltanlage und die Hochspannungsnetzanbindung.

Damit wird es in Wunsiedel bald zwei Batteriespeicher geben. Der erste, wesentlich kleinere, steht seit 2018 im Energiepark und hat eine Leistung von 8,4 Megawatt. Er ist in zwei weißen Containern untergebracht. Für Marco Krasser, Geschäftsführer der SWW Wunsiedel, die der ZENOB angehört, sind Batteriespeicher wichtige Bausteine für die Energiezukunft. „Sie können dazu beitragen, das Netz zu stabilisieren und die erneuerbare Erzeugung besser auszunutzen. Die Batterie lädt überschüssigen Strom aus dem Netz und entlädt bei höherer Stromnachfrage.“ Dank der intelligenten Speichertechnik könne so noch mehr Ökostrom bereitgestellt werden.

Tatsächlich ist die nicht kontinuierliche Leistung von Windkraft- und Photovoltaik-Anlagen derzeit noch ein großes Problem. Bläst zu viel Wind und scheint dazu auch noch die Sonne kräftig, kann es vorkommen, dass zu hohe Energiemengen erzeugt und die Windkraftanlagen abgeregelt werden müssen. Tatsächlich hat sich wohl schon jeder mal gewundert, warum sich einzelne Anlagen trotz guter Windverhältnisse nicht drehen. Dank des Riesenspeichers können demnächst die regionalen Windräder wesentlich länger laufen.

Maßnahme gegen Blackout

Wie wichtig Riesenbatterien schon jetzt sind, hat sich Anfang Januar in Österreich, Italien und mehreren Ländern Osteuropas gezeigt. Der 25 Sekunden lange Ausfall einer Kupplung im bedeutenden kroatischen Umspannwerk Ernestinovo hat am Freitag, 8. Januar, um 14.05 Uhr fast zu einem großflächigen Blackout geführt. Sofort nach dem Ausfall der Kupplung sank die Netzfrequenz von 50 Hertz auf 49,74. Unterschreitet die Stromfrequenz 47,5 Hertz oder überschreitet sie den Wert von 52,5 Hertz, schalten sich Kraftwerke reihenweise automatisch ab – mit verheerenden Folgen. Verantwortlich dafür sind technische Sicherheitsinstallationen. Im Nachhinein hat sich gezeigt, dass auch der kleine Wunsiedler Speicher im Energiepark sofort auf den Frequenzabfall reagiert und zum Ausgleich beigetragen hat – wenn auch in bescheidenem Maß.

Der geplante Batteriespeicher wird bei derartigen Szenarien ein weit höheres Gewicht haben und in größerem Stile dazu beitragen, das europäische Stromnetz zu stabilisieren.

Wie der Cheftechnologe der Siemens-Sparte Energy Performance Services, Bernd Koch, ebenfalls bestätigt, können in der in Wunsiedel geplanten Batterie große Mengen grünen Stroms gespeichert und abgegeben werden. „Die Anlagen müssen somit nicht mehr abgeregelt werden, und teure Spitzenlasten lassen sich vermeiden – sie werden nun gespeichert.“

Die an der ZENOB beteiligten Bürgermeister sind von dem Projekt begeistert. Nur wenige Tage nach der Gründung der Zukunftsenergie Nordostbayern konnten sie mit dem Superlativ des größten Batteriespeichers in Europa aufwarten. „Die Unterzeichnung der Absichtserklärung ist ein Meilenstein. Jetzt zeigt sich, was erreicht werden kann, wenn Ziele konsequent verfolgt werden“, sagte Thomas Schwarz, Bürgermeister von Kirchenlamitz. Sein Arzberger Amtskollege Stefan Göcking, der in seiner Stadt ebenfalls auf den Einsatz regenerativer Energien setzt, sieht in der ZENOB weiteres Potenzial. Der Wunsiedler Bürgermeister Nicolas Lahovnik freut sich über die Dynamik des Batterie-Projektes.

Wunsiedel eine "Art lebendes Labor"

Der Weltkonzern Siemens ist 2016 mit Wunsiedel, insbesondere dem Energieversorger SWW, eine Technologiepartnerschaft eingegangen. Wie der Finanzchef von Siemens, Dr. Ralf P. Thomas, kürzlich der Frankenpost sagte, ist Wunsiedel für den Konzern eine Art lebendes Labor. Hier werde gezeigt, wie die Energiewende in der Praxis gelingen könne. Erst am 9. Juli haben Vertreter von Siemens, dem Gase-Hersteller Rießner und der SWW, flankiert von einer Reihe von Politikern – unter anderem Ministerpräsident Markus Söder und sein Stellvertreter Hubert Aiwanger – den Spatenstich für den Bau einer Wasserstoffproduktion am Energiepark gesetzt. In Wunsiedel entsteht eine der größten Anlagen zur Herstellung grünen Wasserstoffes in Deutschland. Sie hat 8,75 Megawatt elektrische Leistung. Im ersten Abschnitt können pro Jahr 1350 Tonnen Wasserstoff produziert werden.

Wenn einst die Riesenbatterie steht – derzeit erarbeiten die Projektpartner ein Finanzierungskonzept – wird Wunsiedels Stellung als international bedeutende Energiestadt noch weiter steigen. Schon heute besuchen immer wieder Expertengruppen aus ganz Europa und darüber hinaus Wunsiedel, um sich vor Ort ein Bild zu machen, wie die Energiewende gelingen kann. Die verheerenden Unwetter der vergangenen Tage im Westen Deutschlands und in Oberbayern zeigen, wie wichtig schlüssige Konzepte für eine nachhaltige und kohlendioxidfreie Energieerzeugung sind, um den Klimawandel abzuschwächen.

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