24.10.2020 - 11:46 Uhr
WindischeschenbachDeutschland & Welt

Virtueller Radsport: Im Arbeitszimmer zum Everest

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Radfahrer müssen schlechtem Wetter trotzen, sie dürfen keine Angst vor aggressiven Autofahrern und vor Pannen in der Pampa haben. Oder sie richten sich ihren „FreiRaum“ ein – wie es Alexander Harrer bis ins Detail gemacht hat.

Alexander Harrers "FreiRaum": Alles für den (virtuellen) Radsport
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Gestern war Alexander Harrer zum Radfahren im New Yorker Central-Park, heute ist Innsbruck an der Reihe, vielleicht aber auch das schöne Yorkshire in England. Sein Haus in einem Ortsteil von Windischeschenbach muss er dafür nicht verlassen. Der 36-Jährige ist ein Zwifter. So nennen sich Radsportler, Triathleten und Läufer, die ihren Sport auch virtuell betreiben. Inzwischen gibt es dafür eine Reihe von Anbietern. Doch das Unternehmen Zwift aus den USA ist unangefochtener Marktführer.

Harrer hat sich auf seine Leidenschaft den perfekten "FreiRaum" zugeschnitten. "Als wir vor fünf Jahren hier eingezogen sind, war das als Arbeitszimmer gedacht", sagt Harrer und blickt zu seiner Frau Carina. Die lächelt und erzählt, dass zumindest ihr Schreibtisch noch Platz im 20 Quadratmeter-Zimmer hat.

Dabei war das Abo bei Zwift (15 Euro im Monat) am Anfang gar kein Selbstzweck. Harrer ist Triathlet. Vor allem ist er aber Carinas Ehemann, Pauls (6) und Davids (2) Vater. Dazu kommt noch sein Job als Leiter der Kreditabteilung bei der Raiffeisenbank Oberpfalz NordWest in Grafenwöhr. "Das alles miteinander zu verbinden, erfordert Disziplin und perfektes Zeitmanagement", sagt der Sportler dazu. Die Möglichkeit, einen Großteil des Trainings im eigenen Zuhause erledigen zu können, mache das alles viel einfacher. Carina Harrer gibt abends häufiger Zumba-Kurse. "Wenn die Kinder im Bett sind, kann ich dann trotzdem aufs Rad oder auf auch aufs Laufband." Im Herbst und Winter sei Radtraining unter der Woche draußen ohnehin kaum noch möglich. "Es ist mir einfach zu gefährlich, nach der Arbeit im Dunkeln mit Lampe unterwegs zu sein."

Spätestens als der Sportler 2019 das Projekt "Triathlon-Langdistanz" angehen wollte, drängte sich das virtuelle Training förmlich auf. Heimtrainer gibt es für solche Zwecke schon lange, früher trainierte man damit aber vor allem seine Willenskraft: Eine Stunde auf der Stelle radeln und dabei an die Wand schauen, ist nämlich vor allem eines: unglaublich langweilig. Mit Zwift und den anderen Anbietern ist das anders: Es geht durch den virtuellen Central-Park in New York, über die Rad-WM-Strecke des Jahres 2015 in Richmond/Virginia oder man macht eine sportliche Stadtrundfahrt durch London. Dabei ist nicht nur der Anblick zu 99,9 Prozent original. Der "intelligente" Trainer erkennt auch Steigungen: Wenn es virtuell den Berg hochgeht, wird der Widerstand an den Pedalen größer.

So lässt sich Zwift wie ein Computerspiel nutzen, man kann Punkte sammeln und sich so zum Beispiel schickere Trikots verdienen. Vor allem bietet es sich aber fürs Training an. Auch hier übernimmt der Computer "Denkarbeit": In der Pause wird der Widerstand leicht, wenn ein neues Intervall ansteht, lässt sich die Kurbel plötzlich wieder schwerer treten. Alles ist auf den eigenen Leistungsstand abgestimmt.

Virtuelle Sportskameraden

Auch Alexander Harrer hat so begonnen. Inzwischen nutzt er längst ein weiteres Zwift-Angebot: Zwei bis dreimal die Woche nimmt er an Rennen teil. Sportler aus der ganzen Welt treten dann virtuell gegeneinander an. "Alles ist in Leistungsklassen eingeteilt", sagt Harrer. Entscheidend sei, wie viel Watt man in Relation zum Körpergewicht treten kann.

Mit Corona haben vor allem diese Zwift-Rennserien Zulauf erhalten. Auch Alexander Harrer ist in 2020 nochmals deutlich mehr virtuell unterwegs. 7500 Kilometer hat er bereits abgespult, jede Sekunde, jeder Meter ist dokumentiert. Dazu kommen noch 1950 Laufkilometer.

Wie sehr sich Zwift vom bloßen Trainingsmittel zur echten Leidenschaft entwickelt hat, wurde im April klar, als die Absage der "Challenge Roth" feststand. Seit dem Herbst 2019 hatte sich Harrer auf diesen ersten langen Triathlon vorbereitet.

Statt nun in ein Loch zu fallen, startete er nun virtuell durch: Unter anderem ist er nun für ein virtuelles Radsport-Team aktiv. "Die Teamkollegen kommen aus Norddeutschland, einer aus dem Bayerischen Wald", erzählt der Sportler. Man verstehe sich gut, auf dem Rad aber auch im Chat. Allerdings: In der Realität habe er noch keinen dieser Teamkollegen gesehen.

8848 Höhenmeter am Stück

Virtueller Höhepunkt - im Wortsinn - war in diesem Jahr eine "Everesting-Challenge". Dabei fährt man am Stück solange einen Berg hoch, bis man 8848 Höhenmeter absolviert hat - genau die Höhe des namengebenden höchsten Bergs der Welt. 11 Stunden habe dies gedauert, 216 Virtuelle Kilometer legte Harrer dafür zurück, 7600 Kalorien verbrannte der Sportler laut seiner Aufzeichnungen dabei.

Einen Widerspruch zum "echten" Radfahren draußen kann Harrer nicht sehen. Er wisse, dass manche "Puristen", nichts mit dem virtuellen Radeln anfangen können. Für ihn aber ergänzen sich beide Welten perfekt. Schließlich ist er in diesem Jahr auch 5300 Kilometer auf den Straßen der Oberpfalz unterwegs gewesen und hat dabei die "Everesting-Challenge" am Fahrenberg (Landkreis Neustadt/WN) nochmals wiederholt. Und alle, die nichts vom Zwiften halten, merken spätestens bei der ersten gemeinsamen Ausfahrt im Frühjahr, wo die Vorteile des virtuellen Radelns liegen: Nach einem Winter mit Zwift muss man sich um den Formaufbau keine Gedanken mehr machen. In unserer Serie "FreiRäume" haben wir in den vergangenen Wochen immer samstags Oberpfälzer mit besonderen Hobbys vorgestellt - und die Räume, in denen sie sie ausleben. Dies ist heute die (vorläufig) letzte Episode. Die Serie mit interaktiven 360-Grad-Bildern: www.onetz.de/freiräume

Hier gibt es alle Teile der Serie

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