06.12.2020 - 16:01 Uhr
WindischeschenbachDeutschland & Welt

Es geht um Millionen Euro: Die Brexit-Folgen für Oberpfälzer Firmen

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Der Brexit rückt näher, und somit auch die Sorgen bei vielen Firmen mit Geschäften in Großbritannien. Ein Traditionsunternehmen und ein Start-up aus der Region erklären, welche Folgen der Brexit für sie haben wird - und bereits hat.

Beeindruckender Bahnhof: Für die berühmte King’s Cross Station in London hat die Spenglerei Sperber die Abdichtungen der Glasfassade gemacht.
von Julian Trager Kontakt Profil

Eine kleine, in ihrer Branche aber große Firma aus Windischeschenbach (Kreis Neustadt/WN) hat ihren eigenen Brexit schon erleben müssen. "Der ist bei uns im Prinzip längst da", sagt Andreas Sperber, Geschäftsführer der Spenglerei Sperber, die weltweit, aber insbesondere in Großbritannien tätig ist. Dort ist die Firma jetzt erst mal raus. "Sofort nach der Brexit-Entscheiduung stoppten die Briten langfristige Investitionen." Und da gehe es um sehr viel Geld.

"Wir bauen ja in England keine Doppelgarage mit, sondern große Gebäude, Fußballstadien", sagt Sperber. "Wenn bei solchen Projekten einer einen kalten Luftzug merkt, kommt sofort die Bremse - bevor er 100 Millionen Euro investiert." Der Oberpfälzer Anteil an diesen Projekten ist freilich viel kleiner, erklärt Sperber. Manchmal seien es auch "nur" 30 000 Euro für Entwässerungsrinnen, manchmal aber auch mehr. Fünf bis sechs Projekte wurden gestrichen, und keiner weiß, wann und ob es für die Spenglerei in England weiter geht.

Rathaus und Stadion in London

Die Windischeschenbacher Firma ist einer von Hunderten Betrieben aus der Oberpfalz, die Geschäftsbeziehungen zu Großbritannien unterhalten, und ein Beispiel, welche Folgen der Brexit auf Unternehmen aus der Region haben kann. Die Spenglerei schaut wie auch andere Firmen, die stark auf dem britischen Markt vertreten sind, genau nach London und Brüssel. Seit Wochen verhandeln EU und Großbritannien. An diesem Sonntag startete eine neue Runde, mal wieder. Viel Zeit für ein Abkommen bleibt allerdings nicht. Zum Anfang des neuen Jahres tritt das Vereinte Königreich aus der EU aus mit - mit oder ohne Deal.

Die Spenglerei Sperber hat es in ihren 100 Jahren vom traditionellen Spenglerbetrieb zu einer weltweit tätigen Firma mit 30 Mitarbeitern gebracht. Neben normalen Spenglerarbeiten macht sie auch Entwässerungsanlagen oder Abdichtungen für große Bauten. In Tunesien oder Nigeria und - bisher jedenfalls - eben viel in Großbritannien. Die Referenzen dort, besonders in London, sind beeindruckend und weltbekannt: Die City Hall, das Londoner Rathaus. Die King's Cross Station, einer der Hauptbahnhöfe. Das "Tottenham Hotspur Stadium", eine 62.000-Plätze-Fußballarena. Der neue Bürokomplex von Milliardär und New Yorks Ex-Bürgermeister, Michael Bloomberg. "Narrisch spannend" waren diese Projekte, so Sperber.

EU und Großbritannien verhandeln wieder

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Auch emotional schmerzhaft

"England ist unser wichtigster Markt", sagt Geschäftsführer Sperber. Von 100 Auslandprojekten seien mehr als 60 auf der Insel. "In England werden viele Gebäude mit Glasfassaden gebaut", erklärt der Windischeschenbacher. Die Unternehmen, die das dort bauen, kämen fast alle aus Deutschland, Österreich und Italien. "Und für die machen wir die Abdichtungen."

Sperber sagt: "Der englische Markt war gut, weil dort sehr viel und sehr exklusiv gebaut wurde." Gebaut wird auch in Zukunft noch, meint er. Die Frage sei nur, ob auch in dieser Art - und ob die Oberpfälzer Spenglerei dann wieder dabei ist. "Weil das Pfund so verfallen ist, sind unsere Dienstleistungen teurer als bislang."

So oder so, die Firma wird den Brexit kompensieren können, ist sich Sperber sicher. "Finanziell ist das kein Problem", sagt er. Werden halt andere Märkte erschlossen, die ersten Projekte in Kanada laufen bereits an. "In der Baubranche läuft es ja trotz Corona."

Oberpfälzer erlebt Brexit in England

Amberg

"Brexit wäre hart für uns"

Und trotzdem wird Sperber der Brexit schmerzen - auch emotional. "Das macht mich natürlich ein bisschen traurig", erklärt der 52-Jährige, der aber "absolutes Verständnis" für die Entscheidung der Briten hat. Über die Jahre habe er auf der Insel Freundschaften geschlossen. Seit 2001 ist die Firma in England aktiv. "Zeitweise war ich alle drei Wochen drüben, je nachdem wie viele Projekte am Start waren." Manchmal seien dies bis zu drei gleichzeitig gewesen. "Meine Freunde hier halten mich schon für verrückt", sagt Sperber und lacht, "aber ich mag die Engländer und fahre auch im Urlaub nach England."

In Altenstadt (Kreis Neustadt/WN), bei dem Start-up Puzzle and Play, wird man die Briten auch mögen. Die 2009 gegründete Firma, die individuelle Foto-Puzzle herstellt, ist auf dem englischen Markt ebenfalls stark vertreten. "Ein harter Brexit wäre hart für uns", sagt Franz Trescher, einer der zwei Geschäftsführer. "Das würden wir schon merken."

Millionen aus Großbritannien

11 bis 12 Prozent des gesamten Umsatzes erzielt das Unternehmen in Großbritannien. Heuer rechnet Trescher mit einer deutlichen Steigerung zum Vorjahr - um die 24 Millionen Euro werde die Firma wohl insgesamt umsetzen. In Großbritannien seien es also mehr als zwei Millionen Euro. "Nach dem Brexit wird's wahrscheinlich nicht besser", sagt Trescher, dann muss er lachen. Und trotzdem sei das alles "auch ein Stück weit Jammern auf hohem Niveau". Denn das Unternehmen sei auf vielen verschiedenen Märkten tätig. Aber trotzdem.

"Großbritannien ist ein sehr, sehr erfolgreicher und profitabler Markt für uns." Woran das liegt? Puzzeln die Engländer einfach mehr als andere? Auch möglich, meint Trescher, der dann aber doch noch andere Gründe nennt: Die Briten seien internetaffin, hätten Kaufkraft und ein Gespür für gute Qualität. Den dortige Markt habe die 35 Mitarbeiter starke Firma bereits vor zehn Jahren erschlossen. "Wir haben da eine eigene Marke aufgebaut, myphotopuzzle.co.uk", erklärt der 37-jährige Geschäftsführer. Eine eigene Webseite mit allem Drum und Dran. "Unser Ziel war es, als lokaler britischer Onlineshop wahrgenommen zu werden."

Die Diskussionen um den Brexit hat man deswegen in der Zentrale in Altenstadt intensiv verfolgt. "Wir sind jetzt gespannt, was geschieht", sagt Trescher. Die Hoffnungen ruhen auf einer vernünftigen Lösung, auf ein Abkommen. "Aber wir haben ja nur die Beobachterrolle und keinen Einfluss."

Spenglerei Sperber:
  • Gegründet 1919 von Albert Sperber, dem Großvater des heutigen Geschäftsführers Andreas Sperber; Sitz in Windischeschenbach
  • Heute weltweit tätig: Vor allem in Großbritannien, aber auch in Frankreich, Tunesien, Nigeria oder den USA
  • Leistungen: Unter anderem Dachrinnen, Metalldächer, Entwässerungsanlagen, Abdichtungen – auch für größere Bauten
  • Coronakrise: Weil es in der Baubranche gut läuft, keine Probleme
Puzzle and Play:
  • Gegründet 2009 von Norbert Weig und Franz Trescher; entstanden aus Weigs früherer Fotobuch-Firma; Sitz in Altenstadt/WN
  • In 17 Ländern aktiv, wichtigste Auslandsmärkte sind Großbritannien und auch Frankreich
  • Stellt individuelle Foto-Puzzles her, produziert selbst in Tschechien
  • Coronakrise: Im positiven Sinne betroffen. Weil im Lockdown alle daheim bleiben mussten, waren Puzzles besonders beliebt

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