26.02.2021 - 08:37 Uhr
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"Gerechte unter den Völkern": Wie Anna Zeitler aus Wiesau zwei jüdische Brüder rettete

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1945 versteckte Anna Zeitler vom „Wölflhof“ bei Wiesau zwei jüdische Brüder. Josef und Shlomo Szlamkiewicz war die Flucht von einem Todesmarsch aus dem KZ Buchenwald gelungen. Wer waren diese Männer? Und was ist aus ihnen geworden?

Auf dem Familienbild, das während des Zweiten Weltkriegs entstand, sind (von rechts): Hans Zeitler (im Krieg vermisst), davor seinen Bruder Adelbert, Anna Zeitler, Robert Zeitler, Vater Georg und Sohn Georg Zeitler.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Die Lebensgeschichte der Brüder wäre filmreif. Josef, der Ältere, hat sie 1982 in einem Interview mit dem amerikanischen Historiker Arthur Kirsch erzählt, anzuhören im Holocaust Survivor Oral History Archive der University of Michigan (www.holocaust.umd.umich.edu). Ein spannendes Leben in 60 Minuten. Ein Kapitel spielt mitten in der Oberpfalz.

April 1945, der „Wölflhof“ in Triebendorf. Die Landwirtschaft liegt abseits, an der Straße nach Friedenfels. Zuhause sind nur Bäuerin Anna Zeitler (49), ihr schwerkranker Mann Georg und der jüngste Sohn Adelbert, damals 14. Ihre drei anderen Söhne waren eingezogen.

Es sind die letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs. Die Nazis befinden sich auf dem Rückzug. Die Konzentrationslager werden panisch geräumt. Im KZ Buchenwald in Thüringen setzt sich am 7. April 1945 ein Todesmarsch in Bewegung. Tausende Häftlinge, bis auf das Gerippe abgemagert, schleppen sich in nach Nordbayern, flankiert von SS und Bluthunden. Ziel: das KZ Flossenbürg. Wer aus der Reihe tritt, wird erschossen. Wer erschöpft zu Boden sinkt ebenso.

Todesmarsch aus Buchenwald

In der Kolonne der Ausgemergelten, die sich Mitte April Mitterteich nähern, sind Josef und Shlomo Szlamkiewicz. Die Brüder aus Polen haben die Hölle hinter sich. Die KZ Blechhammer, Groß-Rosen und Buchenwald. Sie rechnen nicht mehr mit ihrem Überleben. Als ihre Gruppe für die Nacht in einer Scheune einquartiert werden, beschließt Josef die Flucht. „Diese Nacht fliehe ich, egal, ob sie mich fangen oder erschießen. Was zum Teufel, was ist der Unterschied?“

Er springt aus dem ersten Stock der Scheune, läuft in einen nahen Wald. Sein Bruder Shlomo folgt ihm. Die Hunde des Bauernhofs schlagen an, die SS wird aufmerksam. Ein einzelner SS-Mann folgt den Flüchtigen. In einem Wäldchen mit Bäumen, klein wie Christbäume, passt Josef Szlamkiewicz den Uniformierten ab. Er beißt ihn in Hals und Ohr, entringt ihm den Revolver – und erschießt den Deutschen. „Es war keine Zeit zum Nachdenken. Ich habe es einfach gemacht.“

Der Jude Josef Szlamkiewicz zieht sich die Uniform des SS-Mannes an. „Hans Müller“ steht im Ausweis. Er sucht seinen Bruder in dem Wäldchen, der ihm erst glaubt, kein Feind zu sein, als er ihn auf Jiddisch ruft: „Shlomo, es iz ikh, deyn Bruder!“ Die Brüder erreichen den „Wölflhof“ in Triebendorf. Josef schlüpft in die Rolle eines deutschen SS-Wächters, der einen Entflohenen nach Weiden bringen soll. Den Namen der Stadt hat er auf einem Straßenschild gelesen. Josef spricht gut Deutsch, ist mit Volksdeutschen zur Schule gegangen.

Anna Zeitler bringt die beiden Männer unter, aber die Sache ist ihr nicht geheuer. Sie glaubt die Geschichte nicht. Lebhaft erinnert sich Josef Szlamkiewicz an den Morgen, als sie bei ihm vorspricht: „Herr Müller, bitte, seien Sie ehrlich: Dieser Gefangene – ist das nicht ihr Bruder? Sind Sie wirklich keine Brüder? Sind Sie Brüder?“ Er weiß sich am Ende nicht mehr zu helfen und antwortet: „Hier ist meine Waffe. Erschießen Sie mich. Ich bin Jude, und er ist mein Bruder.“ Zu seiner Verblüffung antwortet Anna Zeitler: „Nein, ich will sie nicht erschießen, ich will Ihnen helfen. Ich verstecke Sie.“

Zwei Wochen - so die Erinnerung von Josef - verbringen die Brüder auf dem "Wölflhof". Sie schlafen in einem Bett aus Heu in der Scheune. Wenn es dunkel wird, bringt ihnen Anna Zeitler Essen. Nicht einmal Adelbert ahnt von den Gästen. Ende April 1945 erreicht die US-Armee Tirschenreuth.

Anna Zeitler begleitet die beiden Männer zum US-Hauptquartier nach Wiesau. Im Krankenhaus hält der Arzt eine Behandlung für aussichtslos: „Diese Männer leben nicht länger als zwei, drei Tage.“

Man übergibt die Brüder Klosterschwestern, die sie versorgen – und ihnen Gebetbücher reichen. Die Brüder reden sich mit mangelnden Deutschkenntnissen heraus. Noch nicht einmal hier, in den Mauern einer Kirche, trauen sie sich zu sagen, dass sie jüdisch sind. „Wir dachten, die Deutschen hätten alle Juden ermordet. Und wir sind die letzten.“

Sie sind „befreit“. Josef und Shlomo sind jetzt „Displaced Persons“, wie sie zu Tausenden ratlos herumirren. Ehemalige KZ-Häftlinge, ihrer Heimat und ihrer Familien beraubt. Die US-Militärregierung in Tirschenreuth registriert zu Spitzenzeiten 4000 DPs, dazu 22000 Vertriebene.

Die Brüder Szlamkiewicz bleiben zunächst in Tirschenreuth. Ein Rückkehrversuch in das polnische Heimatdorf Czepiec endet im Debakel. Als Josef zum Haus seiner Familie kommt, jagen ihn die neuen polnischen Bewohner vom Hof: „Zur Hölle, hau ab.“ Von ihrer Familie hat außer Halbbruder David niemand überlebt. Die Spur der Eltern verliert sich in Treblinka.

Der Schneider Josef lernt in Tirschenreuth seine Frau Mania kennen, ebenfalls eine jüdische KZ-Überlebende. In Tirschenreuth kommt Sohn Abe zur Welt. Mit Schwager Isak Mittelmann gründet Josef eine Hemdenfabrik, Vorläufer von Hatico. 1947 wandert die Familie nach Israel aus. „Die Deutschen haben gut zu uns gesprochen. Aber ich konnte ihnen nicht mehr vertrauen.“ Josef und Mania vergessen das Erlebte nie. Noch in hohem Alter haben sie Albträume.

Der Neustart in Israel misslingt und schon bald folgt Josef dem Ruf eines Onkels in die USA. Familie Szlamkiewicz wandert nach Amerika aus – und benennt sich in Slaim um. Auch hier ist der Beginn kein Zuckerschlecken. Josef nimmt anfangs zwei bis drei Jobs an. Er arbeitet tagsüber in einer Firma, nachts in einer Bäckerei. Er schläft im Park, um rechtzeitig an den jeweiligen Arbeitsstätten zu sein. Aber irgendwann brechen bessere Zeiten an: Josef Slaim gründet einen Wäscherei- und Schneiderbetrieb, irgendwann fährt er seinen eigenen Wagen.

Viele Jahrzehnte später – 1995 – quartieren sich seine Söhne John und Abe, beide Mediziner in Michigan, im Landkreis Tirschenreuth ein. Mit Bella und Isac, den Kindern von Shlomo, suchen sie den Hof der Lebensretterin der Väter. Sie haben nur ein Schwarz-Weiß-Foto dabei. Es zeigt Anna Zeitler vor dem „Wölflhof“ 1945. Dieses Bild zeigen sie ihrer Pensionswirtin. Die weiß gleich, wo das ist und fährt im Auto voraus. Die Slaims platzen ins Mittagessen von Adelbert und seiner Frau. Sie klettern auf den Heuboden, in dem ihre Väter den Krieg überlebt hat. „Es war ein sehr emotionaler Besuch“, erinnert sich Schwiegertochter Sheri.

Fast jedes Jahr in Oberpfalz

Inzwischen sind die Amerikaner fast jedes Jahr zu Gast nur im Corona-Jahr klappte es nicht. „Sie sind für uns wie eine Familie“, sagt Sheri im Telefonat mit Oberpfalz-Medien. „Es ist so herzerwärmend, diese Leute in Deutschland zu haben.“ Stefanie Fuhrmann, der Urenkelin von Anna Zeitler, sei zu verdanken, dass der Kontakt nie abgerissen ist.

Anna Zeitlers menschliches Handeln ist erst nach ihrem Tod öffentlich gewürdigt worden. Die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem zeichnete die Oberpfälzerin 2018 posthum als „Gerechte unter den Völkern“ aus.

Warum Anna Zeitler das tat? „Sie war eine Mutter“, glaubt Stefanie Fuhrmann. „Vielleicht hatte sie die Hoffnung, dass irgendwo anders das gleiche jemand für ihre Buben macht.“

Ein Ururenkel kräht indessen dieser Tage 2021 im Kinderwagen auf dem „Wölflhof“ , wo noch immer die Scheune steht, wo noch immer die Zeitlers zuhause sind. Vor zehn Wochen hat Anna Zeitlers Urenkelin Stefanie ein Mädchen zur Welt gebracht. Es heißt: Hanna. Hanna – wie Anna, in Erinnerung an eine mutige Vorfahrin.

In einem Audio-Interview berichtet Josef Slaim über die Hilfe durch Anna Zeitler

Adelbert Zeitler war 14, als seine Mutter zwei Juden aus Polen versteckte

Wiesau
Hintergrund:

Todesmärsche

Am 21. Januar 1945 gingen 4000 Gefangene aus dem Lager Blechhammer 200 Kilometer zu Fuß in das KZ Groß-Rosen. Josef Szlamkowicz erinnert sich an einen „unbeschreiblichen Marsch“. Er schleppte seinen fiebernden Bruder und fütterte ihn mit Schnee. Bei der Ankunft stand SS Spalier, von links und rechts sei auf die Häftlinge eingeprügelt worden, bis sie mit Blut überzogen waren. Dazu spielte das KZ-Orchester.

Die Deportation in das KZ Buchenwald erfolgte in offenen Viehwaggons, es war Winter. Die Gefangenen standen „wie die Heringe“, so Szlamkowicz. An seiner Seite erfroren Menschen. In Buchenwald sollten sich die Häftlinge ausziehen und in eine Sammeldusche gehen. Es kam kein Wasser, weil Bomben die Leitung zerstört gemacht hatten. Und so standen die Häftlinge drei Tage in dieser Dusche. „Wir rieben die Körper aneinander, eingesperrt in diesem Raum. Nackt.“ Nach drei Tagen kam heißes Wasser. „Manche starben danach an Lungenentzündung.“

Am 1. April 1945 begann die Evakuierung Buchenwald. Das KZ Flossenbürg war zum Auffanglager bestimmt worden. Die Todesmärsche führten auf verschiedenen Routen durch den Landkreis Tirschenreuth.

Quellen: Interview John Slaim 1982, Ingild Janda-Busl: „Aus der Hölle zurück ins Leben“, Harald Fähnrich:„Unsere Region im Griff des Nationalsozialismus“.

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