Weiden: ATU gibt Gummi für großes Altreifen-Umweltprojekt

Altreifen werden zu Neureifen: Die Werkstattkette ATU beteiligt sich an einem EU-Großprojekt. Eine Schlüsselrolle kommt dabei dem Recyclingunternehmen Estato in Weiden-West zu.

Altreifen bei Estato in Weiden-West. Das ATU-Unternehmen wird Industriepartner für das europäische Umwelt-Großprojekt "BlackCycle".
von Clemens FüttererProfil

Die ATU-Tochter lässt bisher – im wahrsten Wortsinn – regelmäßig aufhorchen, wenn die Feuerwehr zu ihr ausrückt. In der riesigen Anlage zum Schreddern von Altreifen entsteht immer wieder Funkenflug, der jedoch schnell unter Kontrolle gebracht wird. Kein Wunder, schließlich fallen im Jahr etwa 30 000 Tonnen „gehäckseltes“ Material aus Altreifen an. Dieses Gummigranulat wird vorwiegend für Gummiprodukte wie Sportplätze, Bodenbeläge oder Fallschutzmatten eingesetzt.

Das europäische Umwelt-Großprojekt "BlackCycle" soll nun den Kreislauf perfekt schließen. Das Ziel des von der EU geförderten Konsortiums ist ehrgeizig: Bereits nach fünf bis sechs Jahren soll jeder zweite europäische Altreifen in einen einzigen Kreislaufprozess gelangen: über die zurückgewonnenen Sekundärrohstoffe neue Pkw- und Lkw-Reifen zu entwickeln - für die europäischen und weltweiten Märkte.

"Hochspannendes Großprojekt"

Für "BlackCycle" liefert die Weidener Estato Umweltservice GmbH mit ihren rund 100 Beschäftigten exklusiv das Gummigranulat zu. „Mit diesem hochspannenden Großprojekt schlagen wir ein neues Kapitel für Ressourcenschonung und Klimaschutz auf“, betont der Geschäftsführer der Estato, Alexander Prokein. Der Einstieg der Weidener ATU-Tochter in das länderübergreifende Umweltprojekt kommt nicht von ungefähr. 2016 übernahm die französische Mobivia Groupe die damals angeschlagene Werkstattkette. Um der „Marke ATU zu neuem Wachstum zu verhelfen“ holte 2018 die Konzernmutter Mobivia den Reifen-Multi Michelin an Bord. Die „Michelin-Männer“ erwarben eine Minderheitsbeteiligung in Höhe von 20 Prozent bzw. 60 Millionen Euro am Kapital von ATU (Auto-Teile-Unger). „Der Kontakt kam über unseren Minderheitsgesellschafter Michelin zustande. Michelin verfolgt den Ansatz, für das Projekt interne Beschaffungswege und internes Know-How zu nutzen“, bestätigt ATU-Sprecher Markus Meißner den Oberpfalzmedien auf Nachfrage. Dem Standort Weiden kann diese Gemengelage nur dienlich für die Zukunftssicherung sein.

Die Franzosen geben im "BlackCycle"-Konsortium auch den Ton an: Neben Michelin sind drei weitere französische Unternehmen unter den 13 Beteiligten zu finden. Aus Deutschland bringen drei Firmen, darunter Estato, ihr Wissen und ihre Ressourcen ein.

Die Zulieferung von Gummi-Granulat für das Umweltprojekt birgt für die Weidener Estato den Vorteil, dass der bestehende Maschinenpark weiter genutzt werden kann. Dazu ATU-Sprecher Meißner: „Hierfür sind keine weitreichenden operativen Änderungen notwendig.“ Während der Projektlaufzeit sollen dann zur „qualitativen Optimierung des Ausgangsmaterials“ und für die Veredelung der Gummigranulate neue Technologien und Maschinen entwickelt und in die Prozesse integriert werden.

Gewaltiges Potenzial

Das Potenzial ist gewaltig. Weltweit werden jedes Jahr 1,6 Milliarden neue Reifen (einem Gewicht von mehr als 26 Millionen Tonnen) verkauft. Jährlich fallen fast ebenso viele Altreifen an. „Aktuell entspricht nur rund ein Drittel der Altreifenverwertung dem tatsächlichen Ziel des Kreislaufwirtschaftsprozesses, und die stoffliche Wiederverwertung erfolgt nur in geringem Maße“, heißt es in einer Pressemitteilung. Da es in der EU eher unzureichende Lösungen für die Verwertung von Altreifen gebe, werde ein großer Teil des „Mengenstroms“ exportiert.

Hinter dieser euphemistischen Formulierung steht die Aussage, dass bisher andere Länder der EU ihren mobilen Wohlstandsmüll abnehmen. Die offizielle Verlautbarung: „Das BlackCycle-Projekt soll durch eine wirtschaftlich und ökologisch tragfähige Alternative zu einem deutlich geringeren Export von ausgedienten Altreifen beitragen. Darüber hinaus schafft BlackCycle durch die Verlagerung des Altreifenmanagements und die Transformation nachhaltige Arbeitsplätze innerhalb der EU.“ Zeit wird es, dass sich auf diesem Sektor für die Umwelt endlich was tut.

Hintergrund:

"BlackCycle"-Projekt

  • Ziel: Lösungen zur Herstellung nachhaltiger Rohstoffe für Reifen entwickeln
  • Beteiligt sind in einer öffentlich-privaten Partnerschaft 13 Organisationen, die gemeinsam die technische, ökologische und wirtschaftliche Tragfähigkeit der Kreislaufprozesse demonstrieren
  • Aufgaben: Sammlung und Auswahl von Rohstoffen aus Altreifen, Optimierung der Pyrolyse, Ölraffination und -verwertung, Optimierung des Kochprozesses, Bewertung der nachhaltigen Reifenleistung
  • Gefördert durch das Horizon 2020-Programm der EU. Gesamtbudget: rund 16 Millionen Euro, 12 Millionen Euro allein von der EU

 

 

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