Tragische Nacht: 22-jährige Weidenerin stirbt, weil sie helfen will

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Es hätten unbeschwerte Tage an der Mecklenburgischen Seenplatte werden sollen. Aber der Urlaub bei Hohen Wangelin endet für sechs junge Leute aus der Oberpfalz in einer Katastrophe. Eine Starkstromleitung reißt und trifft eine 22-Jährige.

Von dem Wohnmobil des Heidelberger Ehepaares ist nicht viel übriggeblieben. Das Fahrzeug ist komplett ausgebrannt. Der Schaden beläuft sich auf 15000 Euro.
von Armin Eger Kontakt Profil

In einem einsam gelegenen Haus, das der Großmutter einer 18-Jährigen aus der Clique gehört, hat es sich die Gruppe gemütlich eingerichtet. Einige Tage ausruhen, schwimmen, es sich gutgehen lassen, ist der Plan. Während die anderen schon dort waren, ist es für die 22-Jährige, die in Weiden das Elly-Heuss-Gymnasium besucht hat und in Bayreuth studierte, der erste Aufenthalt am idyllischen Malkwitzer See.

Zum Sternschnuppen schauen

Am Montag, gegen 22.45 Uhr, brechen drei aus der Gruppe auf Richtung See. "Wir wollten uns die Sternschnuppen ansehen, dort ist sehr klare Sicht", erzählt am Morgen danach ein junger Mann dem Redakteur Gerald Kleine Wördemann von der Ostsee Zeitung. "Die standen alle unter Schock, waren traumatisiert und hatten noch gar nicht verstanden, was passiert ist", erinnert sich der Reporter, der 12 Stunden nach dem tragischen Vorfall vor Ort ist und mit den Oberpfälzern spricht.

Als die drei am Montag zum See kommen, sehen sie ein brennendes Wohnmobil. Die 22-Jährige nähert sich dem Fahrzeug und will nachsehen, ob noch Menschen in dem Auto sind. Die Warnungen ihrer Freunde, von dem Fahrzeug, aus dem die Flammen meterhoch lodern, wegzubleiben, ignoriert sie. Dann passiert das Unvorstellbare: Ein Kabel aus der Freilandleitung in sieben Metern Höhe über dem Parkplatz reißt und trifft die junge Frau.

Ihre zwei Begleiter schildern der Ostsee Zeitung, was sie miterleben mussten. "Wir wollten ihr helfen, aber es ging nicht", sagt ein junger Mann, da das Kabel immer noch unter Strom stand. Ein 17-Jähriger versucht es trotzdem und bekommt drei Stromschläge ab, die ihn zum Glück nur leicht verletzen. Kurz darauf treffen Feuerwehr und Rettungssanitäter ein, Für die 22-Jährige können sie nichts mehr tun.

"Wir haben immer noch nicht richtig begriffen, was da passiert ist", berichtet der 22-Jährige, der in der Nacht mit zwei weiteren aus Weiden stammenden Jugendlichen im Haus geblieben ist, dem Reporter der Ostsee Zeitung. "Alle haben Tränen in den Augen gehabt und konnten es nicht fassen", so Kleine Wördemann.

Während des Unfalls waren im Haus kleine Explosionen zu hören gewesen und laute Schreie, schilderte das zurückgebliebene Trio die Ereignisse. "Wir dachten, da rennt ein Verrückter herum und schießt um sich", sagt der junge Mann. Um dem vermeintlichen Amokläufer zu entkommen rennen er, seine Freundin und der 22-Jährige Freund der Getöteten aus dem Haus. Als der später erfährt, was passiert ist, wird er ebenfalls ins Krankenhaus eingeliefert. "Es war seine große Liebe", berichtet einer seiner Freunde. Der 17-Jährige, der die Getötete noch retten wollte, ist der Bruder ihres Freundes. Auch er kommt in die Klinik nach Güstrow.

Das schwarze Symbol zeigt, wo sich das Unglück ereignet hat

"Sehr beliebte Badestelle"

Am Morgen danach sind Brandermittler des Polizeipräsidiums Neubrandenburg vor Ort, sichten die Reste des ausgebrannten Wohnmobils und nehmen ein Stück des Stromkabels zur Untersuchung mit.

Der Bürgermeister der Gemeinde Hohen Wangelin hatte sich in der Ostseezeitung zu Wort gemeldet. "Das ist eine sehr beliebte Badestelle", sagt Torsten Nörenberg. Es sei schrecklich, dass an diesem schönen Ort ein junges Leben so jäh beendet wurde. "Dass nachts Wohnmobile auf dem Parkplatz stehen, kommt häufig vor. Da kann man nichts gegen machen, die Stelle ist eine Art Geheimtipp." Es werde wohl eine Weile dauern, bis die Leute hier wieder baden gehen, ohne an den schrecklichen Vorfall zu denken. "Aber das Leben geht weiter", sagt der Bürgermeister.

Das Heidelberger Paar in dem Wohnmobil erlebte ebenfalls den Schock seines Lebens. Die beiden haben Nörenberg geschildert, was passierte. Sie schliefen noch nicht, als plötzlich Rauch aus dem Armaturenbrett ins Innere ihres Fahrzeugs drang. In Panik rissen sie eine Tür auf - was das Feuer erst so richtig in Gang setzte. Das Paar konnte sich und den Hund in letzter Sekund retten. Die Gemeinde hat sie in einer Ferienwohnung untergebracht und mit Kleidung versorgt, da sie alles verloren haben. Ob der 47-Jährige Heidelberger und seine Frau die jungen Leute bemerkt haben, die sie retten wollten, ist unklar.

"Lauter, dumpfer Knall"

Ein weitere Zeuge des Vorfalls erzählt ebenfalls seine Beobachtungen. "Es gab einen richtig lauten, dumpfen Knall", sagt Dietrich Fischer, der in Kniep, einem Ortsteil von Hohen Wangelin, wohnt. Er habe schon im Bett gelegen. Nach dem Knall sei er zum Fenster gegangen und habe das Wohnmobil brennen sehen. Drei Leute seien hingelaufen, um zu helfen. Mit tragischem Ende.

Hintergrund:

Normale Mittelspannungsleitung

Nach Angaben des Stromnetzbetreibers Edis Netz handelt es sich bei der gerissenen Stromleitung um eine "völlig normale", sogenannte Mittelspannungsleitung mit 20 000 Volt, von denen es viele im ländlichen Raum gebe. Das Aluminiumkabel ist für Hitzebelastungen von bis zu 600 Grad ausgelegt. Die Leitung besteht aus insgesamt drei Kabeln, von denen nur eines abgerissen sei. Vergleichbare Unfälle habe es bisher noch nicht gegeben, sagt ein Edis-Sprecher.

Hintergrund:

Unglück hat keine strafrechtlichen Folgen

Der Tod der 22-jährigen Weidenerin wegen einer gerissenen Starkstromleitung an der Mecklenburgischen Seenplatte wird keine strafrechtlichen Folgen haben. Wie ein Sprecher der Neubrandenburger Staatsanwaltschaft sagte, gibt es bisher keine Anhaltspunkte dafür, dass das Unglück am Malkwitzer See fahrlässig verursacht wurde. "Es handelt sich wohl um eine Verkettung unglücklicher Umstände", sagte der Sprecher. Das Feuer im Wohnmobil wurde durch einen technischen Defekt verursacht, wie ein Gutachter feststellte. Damit sei dies nicht dem Nutzer anzulasten, sagte der Vertreter der Staatsanwaltschaft. Das Fahrzeug habe an der Stelle auch parken dürfen. Der 47 Jahre alte Wohnmobilfahrer und seine Frau, ebenfalls Urlauber, konnten sich aus dem Fahrzeug retten.

Am Morgen nach dem Unglück haben die Brandermittler ihre Untersuchungen aufgenommen.
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