Soros, Orban, CEU Budapest: Ein Professor aus Etzenricht und der umstrittene Umzug nach Wien

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Der unfreiwillige Umzug einer privaten Hochschule von Budapest nach Wien sorgt seit langem für Schlagzeilen. Im September soll der Lehrbetrieb starten. Der frühere Etzenrichter Matthias Riedl steckt mittendrin im Streit um die Uni.

Matthias Riedl packt in seinem Büro in Budapest Kartons.
von Frank Werner Kontakt Profil

Der Umzug einer Hochschule als Politikum: Die Central European Universitiy (CEU) wechselt von Budapest nach Wien. Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban war die von US-Milliardär George Soros finanzierte liberale Uni schon lange ein Dorn im Auge. Mit einer "Lex CEU" torpedierte er deren Lehrbetrieb. Mittendrin im Wechsel-Prozess: der gebürtige Etzenrichter (Kreis Neustadt/WN) Professor Matthias Riedl (50).

ONETZ: Sind Ihre Umzugskartons von Budapest in Richtung Wien schon gepackt?

Matthias Riedl: Ja, soweit schon. Meine Familie bleibt erstmal für ein Jahr in Budapest, ich werde pendeln und mir ein Zimmer in Wien nehmen ab September. Die meisten Professoren gehen nach Wien.

ONETZ: Zieht die CEU komplett um oder nur ein paar Fakultäten?

Matthias Riedl: Was hier in Budapest nicht mehr passieren kann, ist die Lehre. Die Forschungszentren bleiben zum großen Teil in Budapest, dazu kommt auch ein neues großes Demokratie-Institut.

In Wien geht des Studentenleben an der CEU langsam los.

ONETZ: Ist das Demokratie-Institut ein Signal an Minispräsident Viktor Orban, dass der Widerstand gegen seine Politik bleibt?

Matthias Riedl: Es geht nicht nur um Orban. Es ist nicht als Oppositions-Insitut zu verstehen. Es geht um globale Demokratieforschung mit vielen Facetten. Es bleibt auch ein Teil der Bibliothek und das Archiv in Budapest. Ein wichtiger Zugang für ganz Ungarn zu den wichtigen wissenschaftlichen Zeitschriften.

ONETZ: Wie wird das mit den Sprachbarrieren in Wien?

Matthias Riedl: Ein Großteil unseres Personal arbeitet ungarisch-englisch. Die Universität bleibt englischsprachig. Jetzt brauchen wir natürlich auch neues deutschsprachiges Personal, dass die Kommunikation mit der Außenwelt übernehmen kann. Das bedeutet für viele auch persönlich einen großen Umbruch. Ich bin ja auch schon 14 Jahre in Budapest.

ONETZ: Für die Studenten ist es ja auch kein leichter Schritt ...

Matthias Riedl: Klar, zumal die Lebenshaltungskosten in Wien viel höher sind. Dadurch hat die Universität auch die Stipendien anpassen müssen. Natürlich auch die Gehälter. Zum Glück ist die CEU relativ finanzstark und wird das überleben.

ONETZ: Die Coronakrise hat den Umzug sicher nicht einfacher gemacht.

Matthias Riedl: Klar, auch in verwaltungstechnischer Hinsicht, zum Beispiel wegen der Visa und Arbeitsgenehmigungen. Die Einreise für EU-Bürger ist kein Problem. Die neue Studenten, die jetzt kommen, müssen aber erstmal zwei Wochen in Quarantäne. Die kommen deshalb schon zwei Wochen vor Semesterbeginn.

ONETZ: Wie weit sind die Gebäude in Wien schon bezugsfertig?

Matthias Riedl: Wir ziehen erstmal in ein Provisorium im zehnten Bezirk, ein vorheriges Banken- und Versicherungsgebäude. Langfristig gehen wir auf den Otto-Wagner-Campus, ein wunderschönes Gelände, der Einzug ist für 2025 geplant. Dort haben wir sehr viel Platz zu wachsen, dorthin werden auch die Wohnheime kommen.

ONETZ: Überwiegt die Vorfreude auf etwas neues oder eine Verbitterung, dass ihr ja Budapest nicht ganz freiwillig, sondern nach einem zermürbenden Streit verlasst?

Matthias Riedl: Unterschiedlich. Für viele ungarische Kollegen stellt sich die Frage der Identität, der Abschied aus einem postsozialistischen Land. Der Umzug nach Wien ändert nicht viel in der Zusammenstellung unserer Studenten, sie kommen aus allen Kontinenten.

ONETZ: Wie gingen die Vorlesungen in der Coronakrise über die Bühne?

Matthias Riedl: Wir waren durch den Umzug eh schon in einer speziellen Lage, dass vieles virtuell vonstatten ging. Deswegen waren wir mit den technischen Möglichkeiten schon gut vertraut. Der Umstieg auf Online-Unterricht war da nicht mehr so problematisch. Auch dadurch, dass es mit unseren nur 1400 Studenten einfach etwas familiärer zugeht. Dadurch, dass die Studenten aus aller Welt kommen, sind die Zeitzonen für die Vorlesungen ein Problem. Man wird vieles einfach vorher aufnehmen müssen. Es ist auf jeden Fall machbar.

ONETZ: Wie war das Alltagsleben in Budapest durch Corona beeinflusst?

Matthias Riedl: Man hat sich an Deutschland und Österreich orientiert. Die Infektionszahlen war hier nicht so hoch. Die Sorge ist groß, dass sich durch die Ausbrüche auf dem Balkan die Situation hier schnell verschlimmert. Es ist unberechenbar. Vor vier Wochen dachten wir noch, es gibt keine Probleme mit den amerikanischen Studenten. Jetzt sieht es so aus, als könnte kaum einer einreisen. Aber toi, toi, toi. Wir hatten bisher noch keinen einzigen Corona-Fall an der CEU.

ONETZ: Das Verhältnis der CSU zu Viktor Orban hat sich ja deutlich geändert. Der frühere Ministerpräsident Horst Seehofer hat ihn noch hofiert, das hatten Sie auch deutlich kritisiert, jetzt geht die Partei auf Distanz ...

Matthias Riedl: Markus Söder kann man jedenfalls nicht vorwerfen, dass er sich an Orban anbiedert. Die Beziehungen zwischen Bayern und Ungarn haben sehr stark gelitten, als sich Orban so stark auf Manfred Weber eingeschossen hat und gegen ihn als EU-Kommissionspräsident opponiert hat. Es gab sogar von Söder den Versuch, der CEU zu helfen. Das EU-Corona-Finanzpaket, dieser Kompromiss, ist auf Kosten von Rechtsstaatlichkeit gegangen. Es war ein Signal an Ungarn, dass sie auf EU-Ebene quasi mit allem durchkommen.

ONETZ: CEU-Gründer George Soros, der am Mittwoch seinen 90. Geburtstag feiert, ist ja schon immer Zielscheibe von Attacken der ungarischen Regierung gewesen. Hat sich das verbessert?

Matthias Riedl: Nein. Das basiert auf der Lüge, dass Soros angeblich das Abendland in Zusammenarbeit mit der EU mit Muslimen fluten will. Das ist sehr paradox. Man lebt auf der einen Seite finanziell zum großen Teil von der EU, auf der anderen Seite wird die EU für alles verantwortlich gemacht. Es hat sich überhaupt nichts gebessert. Die Mediensituation ist noch schlimmer geworden, es kam zu einem Angriff auf das letzte große unabhängige Onlineportal Index. Eine Pressfreiheit herrscht hier nicht mehr.

ONETZ: Es ist ja ohnehin die Zeit der Verschwörungstheorien ..

Matthias Riedl: Ja, damit hat die Regierung hier die Wahl gewonnen. Wenn man die Kontrolle über die Medien hat, wird die Verschwörungstheorie zur Staatsdoktrin. Die Mehrheit ist empfänglich für diese Angstkampagnen. Es gibt zudem keine richtige, zugkräftige nationale Opposition.

Zur Person:

Matthias Riedl

Prof. Dr. Matthias Riedl ist Leiter des Instituts für Geschichte an der Central European University in Budapest. Riedl wurde in Etzenricht (Kreis Neustadt/WN) geboren, wo er auch seine Kindheit verbrachte. Er besuchte das Augustinus-Gymnasium in Weiden und studierte in Erlangen Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie. Bekannt war Riedl auch als Bassist in Bands ("Do it"). Er hat vier Kinder. Riedl lehrt im Bereich der vergleichenden Religionsgeschichte und forscht über das Verhältnis von Politik und Religion. Bevor er im Jahr 2006 nach Budapest ging, lehrte er an der Universität Erlangen-Nürnberg und der Duke University in den USA. Weitere Lehraufträge führten ihn nach Lyon und Moskau. Als Student schrieb er häufig für Oberpfalz-Medien.

Die Central European University in Budaspest.

Interview mit Matthias Riedl aus dem Jahr 2018

Weiden in der Oberpfalz
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