Schulstart unter Corona-Bedingungen

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Wie funktioniert Schule unter den Bedingungen von Corona? Das bayerische Kultusministerium hat einen Hygieneplan vorgelegt. Der enthält unter anderem: Maskenpflicht auch im Unterricht an weiterführenden Schulen an den ersten neun Tagen.

Bayerns Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) beim Schulbesuch.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Es war die mit Spannung erwartete letzte Corona-Justierung vor dem Schulstart: Und Ministerpräsident Markus Söder (CSU) wartete nach dem Gespräch mit der Schulfamilie auch tatsächlich mit einer kleinen Überraschung auf: „Maskenpflicht auch im Unterricht an weiterführenden Schulen an den ersten neun Tagen.“

Damit wolle man den steigenden Infektionszahlen nach der Rückkehr aus dem Urlaub Rechnung tragen. Als „sauren Apfel“ bezeichnet Kultusminister Michael Piazolo die Entscheidung, die gleichwohl einen wertvollen Beitrag zu mehr Sicherheit leiste.

Regelbetrieb mit Hygieneauflagen

Ansonsten gelte für das neue Schuljahr, das in Bayern am 8. September beginnt, „Regelbetrieb unter besonderen Hygieneauflagen vorgesehen“, wie zuvor schon Daniel Otto, Sprecher des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus, auf Anfrage von Oberpfalz-Medien mitteilte. „Wenn das Infektionsgeschehen dies zulässt.“

Der Hygieneplan, den das Kultusministerium in Abstimmung mit dem Gesundheitsministerium entwickelt hat, enthält Vorgaben für die angestrebte Rückkehr zum Regelbetrieb – aber auch Alternativszenarien, wenn die zweite Corona-Welle härter zuschlägt als erwartet. „Das Lüftungskonzept spielt im Hygieneplan eine wichtige Rolle“, erklärt Otto. „Inwieweit ergänzend Geräte zur Raumluftreinigung eingesetzt werden können, wird geprüft.“ Allerdings seien für die Ausstattung und Baumaßnahmen an öffentlichen Schulen die Kommunen verantwortlich.

Kommentar: Corona deckt auch im Schulbetrieb gravierende Mängel auf

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Vor Ort Schulleitungen zuständig

„Zuständig für die Umsetzung des Hygieneplans vor Ort ist die Schulleitung“, fährt der Sprecher fort, „die sich eng mit dem Sachaufwandsträger abstimmt.“ Innerhalb dieser Vorgaben sollen die Schulleiter auf die eigene Einrichtung abgestimmte Hygienekonzepte entwickeln – abgestimmt auf Schülerzahl, Schulart, Klassengrößen, Schulgebäude oder Infrastruktur.

Sollte dennoch wieder Distanzunterricht nötig werden, müssten die die Schulen verbindliche Kommunikationswege festlegen: „Etwa in Form von Videokonferenzen mittels derer von den Lehrkräften Aufgaben gestellt, neuer Stoff vermittelt und regelmäßiges Feedback über den Lernstand gegeben wird.“ Die Schüler erhielten so einen verlässlichen Rahmen, der ihren Tagesablauf strukturiere. „Um eine Rechtsgrundlage für diese neue Form des Unterrichts schaffen, wird zum Schuljahresbeginn eine Regelung Distanzunterricht in die Bayerische Schulordnung (BaySchO) aufgenommen.“

370.000 Leihgeräte

Weil nicht alle Schüler über die gleiche technische Ausstattung verfügten, sollen im Rahmen des „Sonderbudget Leihgeräte“ bis zu 250.000 Schülergeräte beschafft werden. „Eine stolze Zahl, die auch für die Digitalisierung des Unterrichts ein großer Sprung nach vorne ist.“ Dazu kommen 120.000 zusätzliche Geräte für Lehrer. Zur Behebung von Lernstandsdefiziten durch zurückliegende coronabedingte Unterrichtsausfälle würden alle Schulen Förderangebote vor allem in den Kernfächern anbieten.

Um den Schulbetrieb möglichst zu entzerren, sollen zudem mehr Schulbusse eingesetzt werden: „Die Mehrkosten übernimmt der Freistaat“, verspricht Ministerpräsident Söder. Für das Auftreten von Corona-Fällen erarbeitet das Kultus- derzeit zusammen mit dem Gesundheitsministerium eine Regelung für das Schuljahr 2020/21 (siehe Infobox). „Die Schulleitungen werden selbstverständlich bis zum Schulstart am 8. September hierüber informiert.“

Handys wegen Corona erlaubt: Mehr Informationen zur Pressekonferenz

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Wild: „Total abgehängt“

Grundsätzliche Einwände gegen die Planung des Ministeriums hat auch die bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Landtag nicht: „Der Teufel liegt im Detail“, bezweifelt Margit Wild aber die reibungslose Umsetzung des Plans. „Kultusminister Michael Piazolo schafft bei Runden Tischen immer eine freundliche und ehrliche Atmosphäre, aber er hat als Freier Wähler ein CSU-lastiges Ministerium übernommen, das ungern Vorschläge der Opposition annimmt.“

Dabei habe die Regensburger Landtagsabgeordnete bereits vor geraumer appelliert, die Ergebnisse von 41 Wissenschaftlern zu beherzigen, die auf Defizite des bayerischen Schulsystems hinwiesen: „Corona hat wie durch ein Brennglas verstärkt gezeigt, wie viele Schüler total abgehängt sind.“ Man habe deshalb darauf gedrängt, Programme anzubieten, um benachteiligte Kinder, in kleinen Gruppen zu fördern.“ Das habe das Ministerium als überflüssig abgetan: „Um die Schwächeren werde sich eh schon gekümmert“, habe man geantwortet.

Elternbeirat: Zufrieden mit Ministerium

Henrike Paede, stellvertretende Vorsitzende des Bayerischen Elternverbands lobt die Informationspolitik des Kultusministeriums: „Es stimmt nicht, dass es kein Konzept gibt oder keiner wisse, wie es weitergeht“, sagt die Stadtbergenerin (Landkreis Augsburg) zu Oberpfalz-Medien. „Alle Eltern können sich den Hygieneplan auf der Website des Ministeriums anschauen.“

Die Elternvertreter seien damit zufrieden, wie das Ministerium mit ihnen kommuniziere: „Die Politik hat gezeigt, dass sie zuhören kann“, sagt die Musikerin. „Wir wurden zu Videokonferenzen eingeladen, auch zum Digitalgipfel mit Ministerpräsident Söder – unsere Verbesserungsvorschläge zum Lernen 2.0 wurden berücksichtigt.“ Jetzt müsse man schauen, wie das umgesetzt werde: „Wir haben klare Erwartungen an die Schulleitungen, dass sie die Ärmel hochkrempeln, und an jede Lehrkraft, sich auf die Füße zu stellen.“

Im Detail fordern Wild und Paede:

  • Einheitlicher Rahmen: „Es sollte bundesweit klare, einheitliche Regeln je nach Situation in einer Region oder Schule geben“, sagt Wild. „Da geht‘s um die Akzeptanz, da müssen sich die Länder verständigen.“
  • Ausstattung: „Unsere Breitbandausstattung ist in vielen Regionen steinzeitmäßig“, bemängelt Wild. „Fast die Hälfte der Schulen haben gerade mal eine DSL-Geschwindigkeit von 16 Mbit/Sekunde, 50 Schulen gar keinen Internetanschluss.“ Außerdem hätten viele keine oder zu wenige Geräte. Auch nicht alle privaten Haushalte seien gut versorgt.
  • 250.000 Leihgeräte: Das Kultusministerium hat angekündigt, 250.000 Leihgeräte zur Verfügung zu stellen. „Das ist eine Absichtserklärung“, sagt Wild, „dass die zu Schuljahresbeginn in den Schulen sind, bezweifle ich.“ Außerdem seien Fördermittel meist höchst kompliziert abzurufen.
  • Schularten: „Es gibt quer durch alle Schularten Einrichtungen, die das bereits sehr gut gemacht haben“, sagt Paede. „Man kann Videokonferenzen auch schon in den Grundschulen üben, die Kinder wollen das.“ Wichtig sei, dass vor allem Erstklässler ihre Lehrerin sehen, findet auch Wild.
  • Förderangebote bei Wissenslücken: „Man macht erst einmal eine Lernstandserhebung“, beschreibt Wild das Szenario, „bis man einen Überblick hat sind Herbstferien.“ Dann komme man noch auf acht Wochen Förderunterricht: „Damit ist das nicht aufzuholen.“ Man brauche eine andere Unterrichtsgestaltung mit nach Leistungsvermögen differenzierten Lerngruppen.
  • Digitale Kompetenz: „Die deutschlandweite ICL-Studie heuer hat gezeigt, dass das digitale Wissen der Lehrer häufig sehr oberflächlich ist“, kritisiert Wild. „Wir müssen deshalb verstärkt darauf achten, digitales Wissen in Ausbildung und Fortbildung zu vermitteln.“
  • Distanzunterricht: „Sollte es wieder dazukommen, dann bitte besser“, appelliert Paede. „Die Fortbildungen in Dillingen sind gut ausgebucht, aber wer dort hingeht, sollte schon die Basics beherrschen.“ Digital-affine Lehrer sollten ihren Kollegen zeigen, wie eine Videokonferenz, ein interaktives PDF funktioniere. „Da ist die Kreativität eines Schulleiters gefordert.“
  • Eltern können mithelfen: „Es gibt technisch versierte Eltern, diese Ressourcen sollten die Schulen ausschöpfen.“ Das werde leider oft von Schulen als suspekt empfunden. „Dabei gibt eine ausgerufene Bildungs- und Erziehungspartnerschaft.“
  • Lüftung: „Es gibt etliche Schulen in der Oberpfalz, in denen die Fenster nicht aufgehen“, warnt Wild. „Der zeitnahe Einbau von Lüftungen sei unrealistisch. Deshalb empfiehlt die SPD-Politikerin: „Türen und Fenster aufmachen, rausgehen, draußen etwas machen – im Winter zur Not mit Anorak.“ Auch Entzerrung durch Nachmittagsunterricht ein eine Option.
  • Maskenpflicht am Platz: „Das sollte man auf alle Fälle vermeiden“, findet Wild. „Wenn alle auf genügend Abstand achten, sich die Hände regelmäßig waschen, reicht das – man kann von den Kindern nicht verlangen, drei bis vier Stunden Maske zu tragen.“ Besser sei es, in Klassenverbänden zusammenzubleiben, unterschiedliche Zeiten für Pausen oder markierte Stellen einzuführen.
Die Regensburger SPD-Landtagsabgeordnete Margit Wild (SPD).
De stellvertretende Verbandsvorsitzende des Bayerischen Elternverbandes, Henrike Paede.
COVID-19-Erkrankungen :

Vier-Stufen-Plan

  • Stufe 1: Einzelne Corona-Verdachts- bzw. bestätigte Corona-Fälle innerhalb einer Klasse oder Schule:
  • Zeitlich befristete Einstellung des Präsenzunterrichts in der betreffenden Klasse oder an der gesamten Schule, bis das Testergebnis vorliegt
  • Umstellung der Klasse/Lerngruppe (unter Umständen der gesamten Schule) auf Distanzunterricht; rasche Testung der Betroffenen
  • Tritt ein bestätigter Fall einer COVID-19-Erkrankung auf, so wird die gesamte Klasse/Lerngruppe getestet und für 14 Tage vom Unterricht ausgeschlossen.
  • Stufe 2: Sieben-Tage-Inzidenz >20 pro 100.000 Einwohner (Maßstab Landkreis/kreisfreie Stadt):
  • Verpflichtung zum Tragen einer geeigneten Mund-Nase-Bedeckung für Schülerinnen und Schüler auch am Sitzplatz im Klassenzimmer (Ablegen nur beim Sprechen)
  • Alternativ: Mindestabstand im Klassenzimmer von 1,5 Metern, wo dies räumlich möglich ist
  • Tritt ein bestätigter Fall einer COVID-19-Erkrankung auf, so wird die gesamte Klasse/Lerngruppe auf SARS-CoV-2 getestet und für 14 Tage vom Unterricht ausgeschlossen.
  • Stufe 3: Sieben-Tage-Inzidenz >35 pro 100.000 Einwohner (Maßstab Landkreis/kreisfreie Stadt):
  • Wiedereinführung des Mindestabstands von 1,5 Metern
  • Zeitlich befristet erneut Teilung der Klassen und Unterrichtung der Gruppen im wöchentlichen oder täglichen Wechsel von Präsenz- und Distanzunterricht.
  • Stufe 4: Sieben-Tage-Inzidenz >50 pro 100.000 Einwohner (Landkreis/kreisfreie Stadt):
  • Zeitlich befristet Einstellung des Präsenzunterrichts an allen Schulen im jeweiligen Landkreis bzw. der jeweiligen kreisfreien Stadt und
  • Umstellung auf Distanzunterricht.

Im Fall einer landesweiten zweiten Welle können die Stufen 2, 3 und 4 des genannten Verfahrens – je nach Intensität des Infektionsgeschehens – ggf. auch für ganz Bayern zur Umsetzung kommen.

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Kommentare

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Thomas Wallner

Ein machtgieriger Söder und ein überforderter, greises und realitätsfremder Kultusminister zwingen unseren Kindern den Maulkorb auf um das Versagen in der Bildungspolitik und das scheitern des bayrischen Sonderwegs zu kaschieren. Wer hat Trott Gängelung seiner Bürger die höchsten Infektionen? Viele haben davon die Schnauze voll, und dass es jetzt unsere Kinder mal wieder ausbaden soll schlägt dem Fass den Boden aus
Kein Wunder wenn Die Menschen zuhauf in Berlin und anderswo auf die Straße gehen.

01.09.2020